Siemens-Aktie im Schatten von Siemens Energy: Betriebsrat kritisiert Abspaltungen unter Kaeser
Scharfe Kritik am Kaeser-Kurs: Siemens-Betriebsratschef Bäumler nennt die Abspaltung von Siemens Energy einen Fehler. Wie die starke Tochter dem Mutterkonzern heute fehlt.
Werte in diesem Artikel
- Gesamtbetriebsratschef Bäumler bezeichnet Trennung von Siemens Energy rückblickend als strategischen Fehler
- Energiesparte hat sich hervorragend entwickelt und fehlt heute im Mutterkonzern
- Operativer Wandel unter CEO Roland Busch setzt auf Digitalisierung und KI-Integration zur Steigerung des Eigenwerts
Der Vorsitzende des Siemens-Gesamtbetriebsrats, Tobias Bäumler, hat gegenüber der WELT AM SONNTAG die unter dem früheren Vorstandschef Joe Kaeser durchgeführte Konzernaufspaltung scharf kritisiert. Aus Sicht der Arbeitnehmervertreter stellte die in den Jahren 2018 bis 2020 vollzogene Trennung von der Medizintechniksparte Siemens Healthineers und insbesondere dem Energietechnikgeschäft Siemens Energy eine Fehlentscheidung dar. Bäumler betonte ausdrücklich im Gespräch mit der Zeitung, dass sich beide ausgegliederten Unternehmen hervorragend entwickelt hätten und die Siemens-Aktie heute ein wesentlich höheres Bewertungspotenzial aufweisen könnte, wenn diese operativen Schwergewichte im Konzernverbund verblieben wären.
Siemens Energy als verpasster Werttreiber für die Siemens-Aktie
Die Kritik der Arbeitnehmerseite trifft einen zentralen Nerv bei Aktionären der Siemens-Aktie, da sich das abgespaltene Energietechnikgeschäft vom Sorgenkind zu einem performanten Kurstreiber gewandelt hat. Siemens Energy, das sich im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung schrittweise in Omterra umbenennen wird, um die verbliebenen Markenbande zur ehemaligen Muttergesellschaft endgültig zu kappen, überzeugte im abgelaufenen dritten Quartal mit Umsatzerlösen in Höhe von 11,45 Milliarden Euro (+18,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Das Ergebnis legte sogar um 63,6 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro zu. Besondere Brisanz erhält die fundamentale Debatte durch eine personelle Konstellation: Joe Kaeser, der als damaliger Siemens-CEO die reine Margenorientierung und Abspaltung vorangetrieben hatte, fungiert heute als Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens Energy.
Demgegenüber stehen die jüngsten Quartalszahlen der Siemens AG, die im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 die Umsatzerlöse nur einstellig auf 20,79 Milliarden Euro steigern konnte. Beim Ergebnis schlug ein Plus von 25 Prozent auf 3,52 Milliarden Euro zu Buche.
Der direkte operative Vergleich verdeutlicht die veränderten Kräfteverhältnisse am Kapitalmarkt. Während der Münchener Technologiekonzern im industriellen Stammgeschäft hohe operative Margen vorweist, schlagen sich die Wachstumsraten des globalen Energiewende-Sektors primär in der Bilanz der ausgegliederten Energiedivision nieder. Aus Anlegersicht dürfte die Gegenüberstellung zeigen, dass sich das direkte Ertragspotenzial des dynamischen Wachstumsgeschäfts der früheren Energietochter nun auf deren eigene Aktionäre verlagert hat. Investoren der Siemens-Aktie scheinen sich im Gegenzug verstärkt auf die Rentabilität des verbliebenen Kernportfolios im Bereich der industriellen Digitalisierung zu fokussieren.
Paradigmenwechsel unter CEO Roland Busch fokussiert Technologie
Den Kurs des seit 2021 amtierenden Siemens-Chefs Roland Busch bewertet Betriebsratschef Bäumler hingegen positiv und bescheinigt der Führung einen strategischen Kurswechsel weg von rein finanzgetriebenen Portfolio-Verkäufen hin zu technologischem Substanzaufbau. Um das Bewertungspotenzial der Siemens-Aktie im Zeitalter der künstlichen Intelligenz voll auszuschöpfen, treibt der Vorstand das Aufbrechen interner Daten-Silos voran und etabliert eine einheitliche Datenbasis über alle Segmente hinweg. Das Management betont, dass diese tiefe digitale Integration notwendig ist, um gegenüber US-amerikanischen Technologiekonzernen wettbewerbsfähig zu bleiben.
Für Kapitalanleger bedeutet diese Transformation, dass der Konzern seinen Fokus künftig verstärkt auf hochmargiges Software- und Digitalgeschäft richtet, anstatt die Bilanz durch kapazitätsintensive Schwerindustrie zu belasten. Die Strategie setzt darauf, den sogenannten Holding-Abschlag der Siemens-Aktie durch organische Synergien im Bereich der industriellen Automatisierung und der gebäudetechnischen Infrastruktur nachhaltig abzubauen. Bäumler fordert in diesem Kontext von der Unternehmensleitung maximale Transparenz gegenüber der Belegschaft, um den strukturellen Umbau ohne operative Reibungsverluste zu vollziehen.
Am Montag schloss die Siemens-Aktie via XETRA 0,60 Prozent leichter bei 282,30 Euro, während die Siemens Energy-Papiere um 1,29 Prozent auf 162,80 Euro stiegen.
Alexandra Hesse, Bettina Schneider, Thomas Zoller, Redaktion finanzen.net
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Bildquellen: ricochet64 / Shutterstock.com, Siemens Energy AG