Von der Korrektur zum Crash: Diese Signale können auf erhöhte Risiken für die Aktienmärkte hindeuten
Kursrückgänge können Anlegern attraktive Einstiegsgelegenheiten bieten. Oft ist jedoch schwer abzuschätzen, ob es bei einer Korrektur bleibt oder ein größerer Einbruch folgt.
• Korrekturen am Aktienmarkt bieten Einstiegschancen
• Korrektur und Beginn eines Crashs manchmal schwer zu unterscheiden
• Mehrere Faktoren können auf einen größeren Rückgang hindeuten
Jeder Bullenmarkt geht irgendwann einmal zu Ende, und manche Haussephasen münden sogar in einem spektakulären Börsencrash. Für Anleger ist es jedoch oft schwierig zu erkennen, ob es sich bei fallenden Kursen lediglich um eine normale Marktkorrektur handelt, die viele Investoren als Kaufgelegenheit betrachten, oder ob der Rückgang der Beginn einer längeren Abwärtsbewegung sein könnte.
Das US-Magazin Fortune hat vier Faktoren identifiziert, die Anleger aufmerksam verfolgen sollten. Zwar liefert keiner dieser Faktoren für sich genommen einen verlässlichen Hinweis auf einen bevorstehenden Crash, doch ihr gleichzeitiges Auftreten kann auf erhöhte Risiken für die Aktienmärkte hindeuten.
Hohe Bewertung
Bei Anlegern und Experten kommen häufig Sorgen auf, wenn Aktienmärkte als hoch bewertet gelten. Eine wichtige Kennzahl zur Einschätzung von Bewertungen ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Es setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum erwarteten oder erzielten Gewinn eines Unternehmens und liefert damit einen Anhaltspunkt dafür, wie viel Anleger für einen Euro Unternehmensgewinn bezahlen. Ein hohes KGV allein ist jedoch kein verlässliches Warnsignal. In Phasen niedriger Zinsen oder starker Gewinnerwartungen können hohe Bewertungen über längere Zeit bestehen bleiben. Viele Marktbeobachter gehen allerdings davon aus, dass außergewöhnlich hohe Bewertungen langfristig das Risiko von Kursrückgängen erhöhen können, insbesondere wenn die Gewinnentwicklung die hohen Erwartungen nicht erfüllt.
Eine weitere wichtige Kennzahl ist das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE), auch als Shiller-KGV bekannt. Es wurde von dem Ökonomen und Nobelpreisträger Robert Shiller populär gemacht. Das CAPE errechnet sich aus dem Aktienkurs geteilt durch die inflationsbereinigten durchschnittlichen Unternehmensgewinne der vergangenen zehn Jahre. Durch die Glättung kurzfristiger Gewinnschwankungen soll das CAPE einen langfristigeren Blick auf die Bewertung des Gesamtmarktes ermöglichen. Deshalb wird die Kennzahl häufig genutzt, um historische Bewertungsniveaus miteinander zu vergleichen.
Maßnahmen der US-Notenbank
Ein weiterer Faktor, den Marktteilnehmer genau beobachten, ist die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Steigende Leitzinsen verteuern in der Regel die Kreditaufnahme für Unternehmen und Verbraucher. Dadurch können Investitionen, Konsum und letztlich auch das Wirtschaftswachstum gebremst werden.
Aggressive Zinserhöhungen gelten deshalb als möglicher Belastungsfaktor für die Aktienmärkte. Sie führen jedoch nicht zwangsläufig zu einem Börsencrash. Entscheidend ist häufig, wie stark sich die Finanzierungskosten erhöhen, wie robust die Wirtschaft bleibt und ob Unternehmen ihre Gewinne weiter steigern können.
Historisch betrachtet gingen zahlreichen Marktabschwüngen Phasen einer strafferen Geldpolitik voraus. Allerdings reagiert die Wirtschaft oft mit erheblicher zeitlicher Verzögerung auf geldpolitische Maßnahmen, weshalb Zinserhöhungen allein keine zuverlässige Prognose für die weitere Marktentwicklung erlauben.
Inverse Zinsstrukturkurve
Als wichtiger Frühindikator für wirtschaftliche Abschwünge gilt seit Jahrzehnten die sogenannte inverse Zinsstrukturkurve. Dabei liegen die Renditen kurzfristiger Staatsanleihen über denen langfristiger Anleihen - ein ungewöhnlicher Zustand, da Anleger normalerweise für längere Laufzeiten eine höhere Rendite verlangen. Unter normalen Marktbedingungen erhalten Anleger bei langfristigen Anleihen einen Renditeaufschlag als Ausgleich für Risiken wie Inflation, Zinsänderungen und die langfristige Kapitalbindung.
Wenn Marktteilnehmer jedoch mit einer wirtschaftlichen Abschwächung rechnen, steigt häufig die Nachfrage nach langfristigen Staatsanleihen. Dies treibt deren Kurse nach oben und drückt die Renditen nach unten. Da sich Anleihekurse und Renditen gegenläufig entwickeln, kann dadurch eine inverse Zinsstrukturkurve entstehen.
Historisch ging eine inverse Zinsstrukturkurve zahlreichen Rezessionen voraus. Dennoch gilt auch hier: Das Signal ist nicht unfehlbar. Zwischen dem Auftreten einer inversen Zinsstrukturkurve und einer möglichen wirtschaftlichen Abschwächung können Monate oder sogar Jahre liegen. Zudem handelt es sich primär um einen Indikator für die Konjunkturentwicklung und nicht zwangsläufig für einen unmittelbar bevorstehenden Börsencrash.
Schwarze Schwäne
Neben wirtschaftlichen Kennzahlen können auch unerwartete Ereignisse die Finanzmärkte erheblich belasten. Solche Ereignisse werden häufig als "Schwarze Schwäne" bezeichnet. Der Begriff wurde insbesondere durch den Finanzmathematiker, Essayisten und Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb bekannt. Gemeint sind Ereignisse, die als äußerst unwahrscheinlich gelten, erhebliche Auswirkungen haben und oft erst im Nachhinein nachvollziehbar erscheinen. Zu den häufig genannten Beispielen zählen schwere Finanzkrisen, geopolitische Schocks, Naturkatastrophen oder andere Ereignisse, die von Marktteilnehmern zuvor kaum berücksichtigt wurden.
Anders als die zuvor genannten Faktoren stellen Schwarze Schwäne jedoch keinen klassischen Frühindikator dar. Vielmehr beschreiben sie potenzielle Auslöser plötzlicher Marktverwerfungen, die sich häufig nur schwer vorhersagen lassen. Fortune weist darauf hin, dass die Identifikation möglicher Schwarzer Schwäne keine exakte Wissenschaft ist. Ein Warnsignal kann jedoch sein, wenn offensichtliche Risiken von Marktteilnehmern oder Entscheidungsträgern über längere Zeit unterschätzt oder als unbedeutend eingestuft werden.
Für Anleger zeigt dies, dass auch die sorgfältigste Analyse nicht alle Risiken erfassen kann. Eine breite Diversifikation und ein langfristiger Anlagehorizont gelten daher als wichtige Instrumente, um die Auswirkungen unerwarteter Marktereignisse zu begrenzen.
Julia Walter, Redaktion finanzen.net
Bildquellen: Chanthanee / Shutterstock.com, Who is Danny / Shutterstock.com