Vom Goldbarren zum Token: Wie die Digitalisierung den Goldmarkt verändern könnte
Gold wird zunehmend digital: Der World Gold Council baut eine gemeinsame Infrastruktur, Paxos bringt neue Gold-Token. Das eröffnet Anlegern Chancen, birgt aber auch Risiken.
Werte in diesem Artikel
• World Gold Council plant eine gemeinsame Infrastruktur für digitale Goldprodukte
• Tokenisiertes Gold soll leichter handelbar und in kleinere Einheiten teilbar werden
• Neue Produkte wie PAXGy verbinden Goldbesitz mit dem institutionellen Goldleihmarkt
World Gold Council will Infrastruktur für digitales Gold schaffen
Der World Gold Council (WGC), eine internationale Branchenorganisation der Goldindustrie, arbeitet an einer gemeinsamen Infrastruktur für digitales Gold. Bereits im März 2026 stellte die Organisation gemeinsam mit der Boston Consulting Group (BCG) das Konzept "Gold as a Service" vor. Die geplante Plattform soll die physische Verwahrung von Gold mit digitalen Systemen zur Ausgabe und Verwaltung goldgedeckter Produkte verbinden. Prozesse wie Verwahrung, Abstimmung, Compliance und Rücknahme sollen dafür standardisiert werden. Ziel ist es, die operative Komplexität zu reduzieren und digitale Goldprodukte besser miteinander sowie mit bestehender Finanzmarktinfrastruktur zu verbinden.
Gold ist dabei längst nicht mehr ausschließlich in Form von Barren oder Münzen verfügbar. Handel, Clearing und Dokumentation erfolgen bereits weitgehend elektronisch. Hinzu kommen digitale Goldkonten, börsengehandelte Goldprodukte und goldgedeckte Token. Nach Angaben des WGC zählen dazu beispielsweise PAX Gold, kurz PAXG, und Tether Gold. Dennoch sei der Markt für digitales Gold bislang durch eine geringe Standardisierung und eingeschränkte Austauschbarkeit verschiedener Produkte begrenzt.
Tokenisierung soll Gold flexibler nutzbar machen
Bei tokenisiertem Gold wird ein Anspruch auf physisches Gold digital abgebildet. Das hinterlegte Edelmetall verbleibt in der Verwahrung, während der entsprechende Token digital übertragen werden kann. Dadurch lassen sich Goldpositionen in kleinere Einheiten aufteilen und über digitale Plattformen oder Wallets bewegen. Der WGC sieht mögliche Anwendungsbereiche neben der klassischen Geldanlage unter anderem bei Zahlungen sowie beim Verleihen und Beleihen von Gold. Eine gemeinsame Infrastruktur könnte zudem die Liquidität verschiedener digitaler Goldprodukte bündeln und die Rücknahme gegen physisches Gold vereinheitlichen.
Wie weit diese Entwicklung bereits fortgeschritten ist, verdeutlichen Daten aus der Branche. Paxos Labs bezifferte den Wert des Marktes für tokenisiertes Gold im September dieses Jahres auf mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Allein im ersten Quartal habe das Handelsvolumen 90,7 Milliarden US-Dollar erreicht und damit bereits das Volumen des gesamten Vorjahres übertroffen. Die Angaben stammen vom Anbieter selbst.
Paxos bringt PAXGy auf den Markt
Ein aktuelles Beispiel für neue Einsatzmöglichkeiten ist PAXGy. Paxos Labs gab Ende September die Einführung des Tokens bekannt. PAXGy basiert auf PAX Gold und soll Anlegern zusätzlich Zugang zum institutionellen Goldleihmarkt ermöglichen. Nutzer können PAXG hinterlegen oder bestimmte Stablecoins tauschen und erhalten dafür PAXGy. Die zugrunde liegenden Goldbestände werden nach Angaben des Anbieters über ausgewählte institutionelle Kreditnehmer im Goldleihmarkt eingesetzt. Die daraus erzielten Erträge sollen dazu führen, dass der Wert eines PAXGy in PAXG gerechnet im Zeitverlauf steigt.
Zum Start ist PAXGy unter anderem über OKX sowie über verschiedene Blockchain-Anwendungen verfügbar. Das Konzept erweitert damit die bisherige Funktion eines goldgedeckten Tokens. Statt ausschließlich den Goldpreis abzubilden, soll PAXGy zusätzlich Erträge aus dem Verleihen des zugrunde liegenden Goldes ermöglichen. Paxos weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass diese Wertentwicklung nicht garantiert ist. Das Produkt ist Kredit-, Liquiditäts- und Marktrisiken ausgesetzt. Verluste der eingesetzten Strategien oder Ausfälle von Kreditnehmern können dazu führen, dass der Wechselkurs von PAXGy gegenüber PAXG nach unten angepasst wird.
Digitalisierung allein schafft noch keine zusätzliche Goldnachfrage
Die Tokenisierung könnte den Zugang zu Gold verbreitern, führt aber nicht automatisch zu einer höheren Nachfrage nach dem Edelmetall. Darauf verweist der Edelmetallanalyst Matthew Jones in einem Gastbeitrag für das Edelmetallportal Kitco. Wechselt ein Anleger beispielsweise lediglich von einem bestehenden Goldprodukt in einen Goldtoken, entsteht dadurch kein zusätzlicher Käufer. Neue Nachfrage könnte erst entstehen, wenn die digitale Infrastruktur zusätzliche Nutzer oder neue Einsatzbereiche für Gold erschließt, etwa als Sicherheit bei Krediten oder als digital übertragbarer Vermögenswert innerhalb bestehender Finanzsysteme.
Jones hält langfristig selbst einen Goldpreis von 20.000 US-Dollar je Feinunze für möglich, betont jedoch, dass Tokenisierung allein dafür nicht ausreichen würde und nennt ausdrücklich keinen Zeitpunkt für ein solches Szenario. Neben einem breiteren Zugang wären seiner Einschätzung zufolge unter anderem neue Einsatzmöglichkeiten, Sorgen über Verschuldung und Kaufkraft von Währungen sowie eine stärkere strategische Nachfrage nach Gold erforderlich. Die Marke von 20.000 US-Dollar ist damit eine persönliche Einschätzung des Analysten und keine Prognose des WGC.
Für Anleger bleibt die Verbindung zum physischen Gold entscheidend
Für Anleger unterscheiden sich tokenisierte Goldprodukte trotz der gemeinsamen Bezeichnung teilweise deutlich. Entscheidend sind unter anderem die rechtliche Eigentumsstruktur, die Verwahrung und Prüfung der Goldbestände sowie die Bedingungen für eine Rücknahme. Der WGC sieht deshalb kontinuierliche Abstimmungen, Prüfungen und Nachweise über die physische Deckung sowie klar definierte Eigentums- und Rücknahmerechte als zentrale Bestandteile einer gemeinsamen Infrastruktur.
Auch Jones verweist darauf, dass ein digitaler Token nicht automatisch sämtliche Eigenschaften von physischem Gold übernimmt. Anleger müssen insbesondere berücksichtigen, welchen konkreten Anspruch ein Token gegenüber dem hinterlegten Edelmetall vermittelt und was bei Problemen eines Emittenten, Verwahrers oder einer Handelsplattform geschieht. Die zunehmende Digitalisierung erweitert damit die technischen Möglichkeiten für den Handel und die Nutzung von Gold, während die konkrete Ausgestaltung des jeweiligen Produkts für die damit verbundenen Rechte und Risiken maßgeblich bleibt.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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