EZB-Zinsentscheid

EZB erhöht Leitzins erstmals seit 2023 - das sind die Folgen für Anleger und Märkte

11.06.26 22:03 Uhr

Leitzins steigt wie erwartet: EZB dreht an der Zinsschraube - was das für Anleger bedeutet | finanzen.net

Die EZB hat über den aktuellen Leitzins entschieden und damit erneut ein Signal für die künftige Ausrichtung der Geldpolitik im Euroraum gesetzt.

Werte in diesem Artikel
Rohstoffe

3,17 USD 0,02 USD 0,64%

76,96 USD -1,70 USD -2,16%

74,02 USD -2,77 USD -3,61%

Leitzins steigt wie erwartet
• Einlagenzins erhöht sich damit auf 2,25 Prozent
• Folgen für Anleger im Blick

Die Europäische Zentralbank hat am heutigen Donnerstag wie von Experten mehrheitlich erwartet eine Zinserhöhung beschlossen und den Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Es ist die erste Zinsänderung seit einem Jahr und die erste Zinserhöhung seit September 2023. Die EZB hatte ihre Zinsen nach der Corona-Pandemie von minus 0,50 auf plus 4,00 Prozent erhöht und sie seit Juni 2024 wieder acht Mal gesenkt.

Folgen des Iran-Kriegs lassen Inflation steigen

Dass die geldpolitischen Zügel nun angezogen werden, liegt am starken Anstieg der Energiepreise im Gefolge des Iran-Kriegs und der damit einhergehenden Sperrung der Straße von Hormus, wodurch die Öllieferungen weitgehend zum Erliegen kamen. Welchen Effekt die steigenden Ölpreise auf die Inflation haben, zeigt sich bereits deutlich: So stiegen die Verbraucherpreise in der Eurozone im Mai laut erster Schätzung um 3,2 Prozent im Jahresvergleich und liegen somit deutlich über der von der EZB angestrebten Teuerungsrate. Die heutige Entscheidung signalisiert nun eine klare Priorität der EZB: Preisstabilität hat Vorrang vor Wachstumsimpulsen.

Die EZB will auf jeden Fall verhindern, dass es wie 2022 zu einem breiten Anstieg der Inflation kommt. Einige Zutaten für eine Wiederholung sind durchaus vorhanden: Ein starker Anstieg der Inflationserwartungen der Konsumenten und Unternehmen, die entschlossen sind, höhere Preise an ihre Kunden rasch weiterzugeben. Andere Zutaten fehlen - vor allem die nach Corona starke Nachfrage. Bezüglich von Zweitrundendeffekten über die Löhne lässt sich noch nichts sagen. Sie werden aber wahrscheinlicher, je länger die Straße von Hormus weitgehend geschlossen bleibt und es zu Lieferkettenstörungen kommt.

Lagarde: EZB-Zinsentscheidung fiel einstimmig

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat nach Aussage von EZB-Präsidentin Christine Lagarde ohne Gegenstimme für eine Straffung der Geldpolitik gestimmt. "Die Entscheidung, die wir heute getroffen haben - nämlich unsere drei Leitzinsen um 25 Basispunkte anzuheben -, war eine einstimmige Entscheidung ohne Vorbehalte", sagte Lagarde in der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung. Der Rat habe keine andere Alternativoption diskutiert. Der Zinsschritt sei unter Berücksichtigung aller drei Szenarien des volkswirtschaftlichen Stabs sinnvoll.

Leitzins steigt: Was Anleger jetzt wissen sollten

Für Anleger hat die Zinserhöhung weitreichende Konsequenzen. Kurzfristig steigen die Renditen auf sichere Geldanlagen wie Tages- und Festgeld. Damit gewinnt das Sparen wieder an Attraktivität, insbesondere im Vergleich zu den vergangenen Niedrigzinsjahren. Allerdings kann die Inflation weiterhin einen Teil der realen Rendite aufzehren, sodass die tatsächliche Kaufkraftentwicklung entscheidend bleibt.

Am Aktienmarkt führt eine Zinserhöhung in der Regel zu einer Belastung. Höhere Finanzierungskosten dämpfen Unternehmensgewinne und können insbesondere wachstumsstarke Unternehmen unter Druck setzen. Auch der Immobilienmarkt reagiert typischerweise sensibel auf steigende Zinsen, da Baufinanzierungen teurer werden und die Nachfrage entsprechend nachlassen kann.

Für Kreditnehmer bedeutet die Entscheidung steigende Finanzierungskosten. Bauzinsen könnten erneut anziehen, was den Erwerb von Immobilien verteuert und bestehende Finanzierungspläne unter Druck setzt. Gleichzeitig stärkt eine restriktivere Geldpolitik langfristig die Stabilität der Währung und wirkt inflationären Tendenzen entgegen.

Mit der Zinserhöhung setzt die EZB ein deutliches Signal. Der Kampf gegen die Inflation bleibt im Fokus, auch wenn dies zulasten von Wachstum und kurzfristiger Marktstimmung geht. Für Anleger bedeutet das ein Umfeld, in dem Sicherheit wieder stärker über Renditewachstum gestellt wird.

Lagarde: Aktuelle Zinserhöhung ist "maßvolle Reaktion" der EZB

Der aktuelle Beschluss des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Anhebung des Leitzinses um 25 Basispunkte stellt nach Aussage von EZB-Präsidentin Christine Lagarde eine "maßvolle" Reaktion auf den Energiepreisschock dar. Lagarde sagte in der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung, diese Entscheidung sei keine "kraftvolle". "25 Basispunkte sind eine Entscheidung, die ganz klar ein Signal setzt und angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage, der Unsicherheit, in der wir uns bewegen, und der Inflationsaussichten in den von den Experten des Eurosystems erstellten Projektionen notwendig ist", sagte sie.

Lagarde wies die Wahrnehmung, es handele sich um einen "Versicherungsschritt", zurück. Ohne diesen Schritt läge die Inflation mittelfristig über 2 Prozent, sagte sie.

EZB erwartet wegen Krieg mehr Inflation

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) sieht nach den Worten von EZB-Präsidentin Christine Lagarde auch nach der Anhebung der Inflationsprognosen für 2026 und 2027 ein überwiegendes Risiko, dass die tatsächliche Inflation noch höher ausfallen wird. "Die Risiken für den Inflationsausblick sind aufwärts gerichtet", sagte sie in der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung.

Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet wegen des Iran-Kriegs mit mehr Inflation und weniger Wirtschaftswachstum im Euroraum. Im wahrscheinlichsten Szenario erwartet die Notenbank für dieses Jahr eine Teuerungsrate von durchschnittlich 3,0 Prozent.

Der Wert liegt deutlich über der mittelfristig angepeilten Marke von 2,0 Prozent, bei der die EZB ihr wichtigstes Ziel gewahrt sieht: Für einen stabilen Euro zu sorgen und so die Kaufkraft der Menschen zu erhalten.

Noch im Dezember war die EZB für 2026 von einer Inflationsrate von 1,9 Prozent ausgegangen. Doch schon im März korrigierte die Notenbank dies auf 2,6 Prozent nach oben, weil der Krieg im Nahen Osten die Energiepreise nach oben trieb.

Auch im Jahr 2027 erwartet die EZB nun mit 2,3 Prozent eine Inflationsrate über ihrem Mittelfristziel. Die Marke von 2,0 Prozent wird nach jüngster Prognose der EZB erst 2028 punktgenau erreicht.

Weniger Wirtschaftswachstum

Die Aussichten für die Wirtschaft im Euroraum trüben sich zugleich ein. Die EZB erwartet im laufenden Jahr nur noch 0,8 Prozent Wachstum, 2027 dann 1,2 Prozent. Damit senkte die Notenbank ihre Prognose wegen der Kriegsfolgen und höherer Energiepreise erneut. Noch im März hatte sie für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent erwartet und ein Plus von 1,3 Prozent für 2027.

Die Wirtschaft im Währungsraum bekommt den Ölpreisschock und die gestiegene Unsicherheit wegen der Kämpfe im Nahen Osten zu spüren. Im ersten Quartal schrumpfte sie leicht.

Carolin Ludwig, Bettina Schneider, Julia Walter, Redaktion finanzen.net mit Material von Dow Jones Newswires und dpa-AFX

Bildquellen: Yurchyks / Shutterstock.com, Oliver Hoffmann / Shutterstock.com