Growth-Aktien geraten ins Hintertreffen: Warum Amazon, Apple und Co. die Value-Rally antreiben
Value-Aktien lassen Growth-Titel derzeit so deutlich hinter sich wie seit 2022 nicht mehr. Überraschend dabei: Ausgerechnet Amazon, Apple und Microsoft treiben die Value-Rally mit an.
Werte in diesem Artikel
- Value-Aktien hängen Growth-Titel so stark ab wie seit 2022 nicht mehr
- Amazon-Aktie ist inzwischen die größte Position im Value-Index vor Apple
- FTSE Russell teilt Tech-Konzerne heute zunehmend auf Value- und Growth-Index auf
Value-Aktien lassen Wachstumstitel im laufenden US-Bullenmarkt so deutlich hinter sich wie zuletzt im Bärenmarkt 2022, und ausgerechnet die Amazon-Aktie steht dabei im Zentrum der Bewegung. So liegt der Russell 1000 Value Index auf Sicht von zwölf Monaten mit einem Plus von rund 29 Prozent klar vor dem Russell 1000 Growth Index, der im gleichen Zeitraum um nur rund 11 Prozent zulegte (Stand: Schlusskurse vom 20. August 2026). Anfang August betrug der Abstand zeitweise 22 Prozentpunkte und markierte damit die größte Lücke zwischen beiden Stilrichtungen seit 2022.
Value-Aktien gelten als vergleichsweise günstig bewertet und werden häufig mit etablierten, profitablen Unternehmen verbunden, während Growth-Aktien vor allem für überdurchschnittliche Wachstumschancen stehen. Während Anleger bei Value stärker auf Bewertung und Substanz achten, zahlen sie bei Growth häufig höhere Kurse in der Erwartung weiter steigender Gewinne und Umsätze.
Amazon-Aktie, Apple und Co.: Ausgerechnet Technologiewerte treiben den Value-Index
Ungewöhnlich ist dabei nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Zusammensetzung. Klassische Substanzwerte wie Coca-Cola oder Comcast prägen den Russell 1000 Value Index laut MarketWatch kaum noch. Stattdessen liegt Amazon inzwischen als größte Einzelposition an der Spitze, gefolgt von Apple und Microsoft, die beide zugleich auch die Top-Positionen im Growth-Index stellen. Einen zusätzlichen Schub lieferte zu Jahresbeginn Micron Technology, das beim jüngsten Rebalancing im Juni aus dem Value-Index entfernt wurde, kurz bevor der Halbleiter-Trade seinen Höhepunkt erreichte.
Warum diesmal kein Crash hinter der Value-Stärke steckt
Historisch gilt eine derart deutliche Value-Führung laut MarketWatch meist als Warnsignal für einen schwächelnden Gesamtmarkt, zuletzt 2022 und davor 2001 rund um das Platzen der Dotcom-Blase. Diesmal fällt die Entwicklung jedoch mit einem Bullenmarkt zusammen, der laut Einschätzung von Mark Hackett, Chefmarktstratege bei Nationwide, in sein viertes Jahr geht. Hackett erklärte gegenüber MarketWatch, die Marktbreite zeige sich besonders am Vorsprung von Value gegenüber Growth, weil die Value-Kategorie schlicht mehr und vielfältigere Aktien enthalte, von Finanzwerten über weitere zyklische Branchen bis zu defensiven Sektoren. Statt eines Warnsignals liest Hackett die Entwicklung deshalb als Zeichen einer gesünderen, breiter abgestützten Rally.
FTSE Russell löst die klassische Trennung von Value und Growth auf
Ein struktureller Grund für die Verschiebung liegt laut Catherine Yoshimoto, Director of Product Management für die Russell-US-Indizes bei FTSE Russell, in der veränderten Indexmethodik, berichtet MarketWatch. Rund 35 Prozent des Marktwerts im Russell 1000 gelten demnach als eindeutig Growth, weitere 35 Prozent als eindeutig Value, während rund 30 Prozent nicht klar zuordenbar sind und ihre Marktkapitalisierung anteilig auf beide Indizes verteilt wird. Gerade große Technologiewerte werden so nicht mehr starr einer Kategorie zugeordnet, sondern nach Kurs-Buchwert-Verhältnis, Gewinnwachstumsprognose und historischer Umsatzentwicklung aufgeteilt, heißt es. Das erklärt auch, warum Growth-Aktien im laufenden Zyklus nicht eingebrochen sind, sondern weiterhin zweistellige Renditen liefern, während Value parallel noch stärker zulegt.
Zinsumfeld und Berichtssaison sprechen für eine längere Value-Phase
Indrani De, Head of Global Investment Research bei FTSE Russell, verweist laut MarketWatch zusätzlich auf das veränderte Zinsumfeld: Nach Jahren niedriger Zinsen nach der Finanzkrise nähere sich der Markt nun wieder einer normalisierten Zinskurve an, ähnlich wie vor der Finanzkrise. Das sei laut De "ein eigenständiges Umfeld, das Value gegenüber Growth begünstigt". Hinzu komme laut Hackett eine für Technologiewerte anspruchsvollere Vergleichsbasis im kommenden Jahr, während Value-Sektoren wie Gesundheitswesen und Finanzwerte von leichteren Vorjahresvergleichen für das zweite Quartal 2027 profitieren dürften. Hackett geht davon aus, dass sich die Value-Stärke nicht auf ein kurzes Zwischenspiel über ein oder zwei Quartale beschränkt.
Anleger dürften die weitere Entwicklung vor allem an der nächsten Umschichtung im Russell-Index sowie an den kommenden Quartalszahlen der großen Technologiekonzerne ablesen können, da beide Faktoren zeigen werden, ob die Grenze zwischen Value und Growth weiter verschwimmt.
Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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