Analysten uneins über die Zukunft der Siemens-Aktie: Wie viel Luft hat der DAX-Riese noch?
Rund 15 Prozent Plus seit Jahresanfang, doch am Freitag zogen zwei Analysehäuser aus der Erfolgsgeschichte der Siemens-Aktie völlig unterschiedliche Schlüsse.
Werte in diesem Artikel
- Evercore ISI stuft ab und hält die Margenfantasie für weitgehend eingepreist
- DZ Bank bleibt bei Kaufen und setzt auf das wachsende Digitalgeschäft
- Analystenstreit dreht sich weniger um künftige Richtung als um das Tempo
Nach dem starken Lauf der Siemens-Aktie seit Jahresbeginn meldeten sich am Freitag zwei Analysehäuser zu Wort: Während Evercore ISI das Papier herabstuft, bekräftigt die DZ Bank ihr Kaufvotum. Für Anleger kommt der Richtungsstreit zu einem heiklen Zeitpunkt, denn der als Qualitätswert geschätzte Titel aus dem DAX in diesem Jahr bereits rund 15 Prozent zugelegt und notierte zuletzt bei 276,10 Euro (Stand: Schlusskurs vom 02. Oktober 2026). Beide Häuser lesen dieselbe Erfolgsgeschichte, ziehen daraus aber gegensätzliche Schlüsse. Genau darin liegt die Kernfrage für alle, die die Aktie im Depot haben oder einen Einstieg erwägen: Wie weit kann der Lauf noch gehen?
Rekordaufträge und Rechenzentren als Fundament
Unterfüttert wird der Kursanstieg vor allem durch das operative Geschäft. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 (April bis Juni) steigerte Siemens den Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent auf den Rekordwert von 27,9 Milliarden Euro, das Ergebnis im Industriellen Geschäft kletterte sogar um 25 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Mit den Zahlen vom 6. August hob der Vorstand zudem die Prognose für das Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation auf 11,20 bis 11,50 Euro an, nach zuvor 10,70 bis 11,10 Euro. Besonders kräftig zog „Smart Infrastructure“ an: Dank großer Aufträge von Rechenzentrumskunden in den USA und Europa sammelte die Sparte vergleichbar 42 Prozent mehr Bestellungen ein als im Vorjahresquartal.
Hinzu kommt die Fantasie rund um das Digitalgeschäft. Laut Konzernmitteilung wuchs es in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres um 18 Prozent und damit klar schneller als die im November 2025 ausgegebene Ambition von 15 Prozent. Bei „Digital Industries“ kletterte die Ergebnismarge im dritten Quartal auf 18,7 Prozent nach 14,5 Prozent im Vorjahreszeitraum, wobei das Softwaregeschäft den größten Beitrag leistete. Zugleich teilte Siemens mit, die steuerlichen Fragen rund um die geplante Abspaltung von Siemens Healthineers verbindlich mit den Finanzbehörden geklärt zu haben. Der Konzernumbau kann damit wie vorgesehen weiterlaufen.
Warum Analysten sich nicht einig werden
An eben diesen Stärken scheiden sich nun die Geister. Laut Investing.com senkte Evercore ISI das Votum am Freitag von „Outperform“ auf „In Line“, weil die erwarteten Margengewinne bei „Digital Industries“ und „Smart Infrastructure“ bereits weitgehend im Kurs enthalten seien. Das Kursziel beließen die Analysten bei 315 Euro, sehen in der Bewertung aber nur begrenzten Spielraum nach oben und beziffern die erwartete Gesamtrendite auf gut 11 Prozent. Vom Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027 erwartet Evercore wenig Gewinndynamik: Für „Digital Industries“ rechnet das Haus mit einer Marge von 19 bis 21 Prozent, für „Smart Infrastructure“ mit 19 bis 20 Prozent, während der Konsens bei 20,4 beziehungsweise 19,9 Prozent liegt.
Deutlich zuversichtlicher fällt das Urteil der DZ Bank aus. Wie die Nachrichtenagentur dpa-AFX berichtet, beließ das Institut die Siemens-Aktie am selben Tag mit einem fairen Wert von 330 Euro auf „Kaufen“. Die Experten widmeten sich dabei der fortschreitenden Verschmelzung der physischen Produktion mit der IT-Ebene. Analyst Alexander Hauenstein ist überzeugt: Führe die Siemens-Plattform Xcelerator zu wiederkehrenden Umsätzen und nachhaltig steigenden SaaS-Margen, sollte das Ziel einer Umsatzverdopplung im Digitalgeschäft bis 2030 erreicht werden.
Das könnte jetzt über den weiteren Kurs der Siemens-Aktie entscheiden
Bemerkenswert ist, dass auch der Skeptiker kein Ende der Erfolgsgeschichte ausruft. Sowohl das Evercore-Ziel als auch der faire Wert der DZ Bank liegen über dem durchschnittlichen Analystenkursziel von knapp 302 Euro, insgesamt stehen sechs Kaufempfehlungen zwei Halteempfehlungen und einem Verkaufsvotum gegenüber. Der Streit dreht sich damit weniger um die Richtung als um das Tempo. Entscheidend wird, ob Siemens die Margen über das hinaus steigern kann, was der Markt ohnehin unterstellt. Dass dies kein Selbstläufer ist, zeigt „Digital Industries“, wo die im dritten Quartal erreichte Marge trotz kräftiger Verbesserung noch unter dem Korridor liegt, den Evercore für 2027 erwartet.
Ein erster Prüfstein sind die Zahlen zum vierten Quartal des Geschäftsjahres am 12. November. Evercore rechnet mit organischem Wachstum von 11 Prozent bei „Smart Infrastructure“, 8 Prozent bei „Digital Industries“ und 9 Prozent bei „Mobility“ sowie mit einem bereinigten EBITA im Industriegeschäft von 3,70 Milliarden Euro, jeweils weitgehend im Rahmen der Markterwartungen. Mehr Sprengkraft dürfte daher der Ausblick auf das Geschäftsjahr 2027 haben. Danach rückt die ordentliche Hauptversammlung im Februar 2027 in den Blick: Laut dpa-AFX sollen die Aktionäre dort über die Abspaltung eines größeren Healthineers-Anteils abstimmen. Evercore sieht das Vorhaben weiter im Plan.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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