SUSS, 2G und Co.: Hidden Champions statt Standortfrust

25.06.26 09:46 Uhr

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SUSS, 2G und Co.: Hidden Champions statt Standortfrust | finanzen.net

Die deutsche Wirtschaft schwächelt, doch an der Börse gibt es weiter Mittelständler mit starken Wachstumsgeschichten. Besonders heiß ist derzeit 2G Energy: Ein Großauftrag für die Energieversorgung von Rechenzentren hat der Aktie neue Fantasie verliehen. Aber auch andere Unternehmen zeigen, dass Spezialisierung, Internationalisierung und strukturelle Wachstumsmärkte starke Börsenstorys ermöglichen.

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Die Schlagzeilen zur deutschen Wirtschaft bleiben ernüchternd. Industrieproduktion, Auftragseingänge und Investitionsneigung senden seit Monaten schwache Signale, viele große Konzerne kämpfen mit hohen Kosten, verhaltenen Absatzmärkten und politischer Unsicherheit. Wer den deutschen Aktienmarkt deshalb pauschal abschreibt, übersieht aber einen wichtigen Punkt: Gerade in der zweiten und dritten Reihe gibt es Unternehmen, die sich operativ deutlich besser behaupten als die Gesamtwirtschaft.

Das liegt an Spezialisierung, technologischer Kompetenz und internationaler Ausrichtung. Viele deutsche Nebenwerte sind längst keine reinen Deutschland-Wetten mehr, sondern bedienen globale Nischen oder strukturelle Wachstumsmärkte wie künstliche Intelligenz, Verteidigung, Schieneninfrastruktur, dezentrale Energieversorgung oder Cybersicherheit. Die folgenden Beispiele zeigen, dass der Mittelstand an der Börse trotz schwacher Konjunktur weiter hochspannende Chancen bietet.

Von KI-Chips und strategischer Spezialchemie

Besonders deutlich wird das derzeit bei SUSS MicroTec. Der Anlagenbauer aus Garching ist in Bereichen der Halbleiterfertigung positioniert, die durch den KI-Boom stark an Bedeutung gewinnen. Denn die nächste Leistungsstufe moderner Chips entsteht nicht nur über kleinere Strukturbreiten, sondern zunehmend über Advanced Packaging, also das intelligente Verbinden, Stapeln und Kontaktieren einzelner Chipkomponenten. Technologien wie Temporary Bonding und Debonding spielen dabei eine wichtige Rolle, weil sie die Verarbeitung besonders dünner Wafer und komplexer Chipstrukturen ermöglichen.

SUSS MicroTec ist damit kein Hersteller der bekannten KI-Chips, sondern ein Ausrüster im Hintergrund. Genau diese Rolle macht die Aktie aber interessant: Wenn große Halbleiterkonzerne und Auftragsfertiger ihre Kapazitäten für KI-Anwendungen ausbauen, kann sich das direkt im Auftragseingang niederschlagen. Das erste Quartal 2026 zeigte diese Zweiteilung sehr gut. Während der Umsatz mit 86,5 Mio. Euro noch deutlich unter dem sehr starken Vorjahreswert lag und auch die EBIT-Marge nur 4,3 Prozent erreichte, stieg der Auftragseingang um 69,5 Prozent auf 149,3 Mio. Euro und erreichte damit ein Rekordniveau. Auch der Auftragsbestand legte deutlich auf 330,1 Mio. Euro zu. Die Story lebt also von der hohen Visibilität des anstehenden Wachstums.

Dass auch ein vermeintlich schwieriger deutscher Chemiestandort erfolgreiche Börsenstorys hervorbringen kann, zeigt Alzchem. Während viele klassische Chemiekonzerne unter Energiekosten, schwacher Nachfrage und internationalem Preisdruck leiden, profitiert das Unternehmen von einer hochspezialisierten Produktpalette. Dazu zählen Anwendungen für Ernährung, Landwirtschaft, Pharmazie, Industrie und Verteidigung. Besondere Aufmerksamkeit erhält derzeit Nitroguanidin, ein wichtiges Vorprodukt für moderne Treibladungen. Durch die geopolitische Lage und den massiven Bedarf an zusätzlicher Munitionsproduktion hat dieses Feld strategische Bedeutung gewonnen. Alzchem will die Produktionskapazität für Nitroguanidin verdoppeln, die neuen Kapazitäten sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 in Betrieb gehen und ab 2027 zusätzliche Umsätze im oberen zweistelligen Millionenbereich ermöglichen.

Operativ überzeugt Alzchem aber nicht nur mit dieser Verteidigungsfantasie. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 3 Prozent auf 148,7 Mio. Euro, das EBITDA legte um 18 Prozent auf 32,3 Mio. Euro zu. Die EBITDA-Marge verbesserte sich auf 21,7 Prozent. Damit sorgen derzeit der Produktmix, die Preissetzungskraft und der grundsätzliche Fokus auf margenstärkere Spezialchemie für überproportionale Ertragszuwächse. Der Vergleich mit SUSS MicroTec zeigt: In beiden Fällen liegt die Stärke nicht im deutschen Konjunkturumfeld, sondern in technologisch oder strategisch wichtigen Engpässen.

Staatliche Milliarden für Schiene und Energieversorgung

Ein anderer struktureller Rückenwind kommt aus der Infrastruktur. Vossloh liefert Schienenbefestigungen, Weichensysteme und Dienstleistungen rund um den Fahrweg. Damit ist das Unternehmen in einem Markt positioniert, in dem der Investitionsbedarf über viele Jahre hoch bleiben dürfte. Marode Netze, steigende Verkehrsanforderungen, Klimaziele und politische Programme zur Stärkung der Schiene sorgen für Nachfrage, die weniger stark von kurzfristigen Konjunkturschwankungen abhängt als viele klassische Industriegüterbereiche. Und das – zum Glück für Vossloh – nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern.

Der Blick in die Zahlen unterstreicht diese Sonderstellung. Im ersten Quartal 2026 stieg der Auftragseingang auf 420,2 Mio. Euro, das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz lag bei 1,34. Der Auftragsbestand erreichte mit 1,14 Mrd. Euro einen neuen Höchststand. Der Umsatz erhöhte sich um 25,3 Prozent auf 314,6 Mio. Euro, wobei hier auch eine Übernahme hineingespielt hat. Kurzfristig belasten zwar Kaufpreisallokationseffekte das ausgewiesene EBIT, operativ bleibt die Entwicklung aber robust. Vossloh ist damit weniger eine spektakuläre Technologiewette als ein Profiteur eines langfristigen politischen und gesellschaftlichen Investitionszwangs.

Noch dynamischer wirkt aktuell 2G Energy. Das Unternehmen baut dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Energiesysteme, die mit Erdgas, Biogas oder perspektivisch Wasserstoff betrieben werden können; außerdem wird der Markt für Großwärmepumpen systematisch erschlossen. Lange wurde 2G vor allem als Profiteur von Effizienzsteigerung, Dezentralisierung und Energiewende wahrgenommen. Inzwischen ist ein neuer Treiber hinzugekommen: der stark steigende Energiebedarf von Rechenzentren.

Ende Mai meldete 2G den größten Einzelauftrag der Unternehmensgeschichte: Ein nordamerikanischer Kunde bestellte Anlagen für das Geschäftsfeld Data Center im unteren dreistelligen Megawatt-Bereich. Die Auslieferungen sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 beginnen und sich über mehrere Jahre erstrecken. Für 2G ist das mehr als ein großer Einzelauftrag. Es ist ein Türöffner in einen Markt, der durch KI, Cloud-Anwendungen und steigende Anforderungen an Versorgungssicherheit stark wächst. Der Vorstand erwartet für 2026 nun Umsätze am oberen Ende der bisherigen Spanne von 440 bis 490 Mio. Euro. Für 2027 stellt das Unternehmen ein Umsatzwachstum auf 570 bis 620 Mio. Euro und eine EBIT-Marge von mehr als 11 Prozent in Aussicht. Damit könnte 2G nach noch relativ verhaltenen Jahr 2025 in eine neue Wachstumsphase eintreten.

Solide Nischen-Dominanz und digitale Souveränität

Nicht jede erfolgreiche Nebenwerte-Story braucht einen spektakulären Megatrend. Masterflex wirkt neben KI, Rechenzentren und Rüstung zunächst weniger auffällig. Gerade darin liegt aber ein Teil der Attraktivität. Das Unternehmen produziert Spezialschläuche und Verbindungssysteme für anspruchsvolle industrielle Anwendungen, unter anderem in den Sektoren Medizintechnik, Pharma, Lebensmittel, Luftfahrt, Halbleitertechnik und Maschinenbau. Was einfach klingt, ist häufig ein zertifiziertes Spezialprodukt mit hohen Anforderungen an Material, Reinheit, Beständigkeit und Prozesssicherheit.

Operativ hat Masterflex in den vergangenen Jahren vor allem an der Profitabilität gearbeitet. Im ersten Quartal 2026 blieb der Umsatz mit 27,4 Mio. Euro nahezu stabil, das operative EBIT erhöhte sich aber leicht auf 4,6 Mio. Euro. Die operative EBIT-Marge stieg auf 16,7 Prozent, der Auftragsbestand legte auf 21,3 Mio. Euro zu. Zusätzliche Fantasie kommt aus dem neuen Werk in Marokko, dem Ausbau der Reinraumkapazitäten und einem großen Entwicklungs- und Rahmenvertrag, der ab Ende 2026 schrittweise in die Serienphase übergehen soll. Masterflex steht damit für eine andere Art von Stärke: nicht für schnelle Schlagzeilen, sondern für industrielle Nischenqualität mit hoher Marge.

Ähnlich defensiv, aber von einem deutlich anderen Treiber geprägt, ist secunet. Das Unternehmen steht für Hochsicherheits-IT und ist besonders stark im öffentlichen Sektor verankert. Zu den wichtigsten Kunden zählen Behörden, Sicherheitsorganisationen und staatliche Einrichtungen. In Zeiten zunehmender Cyberangriffe, geopolitischer Spannungen und wachsender Anforderungen an digitale Souveränität ist das ein strukturell attraktiver Markt.

Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 4,4 Prozent auf 81,8 Mio. Euro. Noch wichtiger war aber der Auftragseingang: Er erhöhte sich um 90,7 Prozent auf 143,0 Mio. Euro. Der Auftragsbestand erreichte 337,7 Mio. Euro. Besonders stark entwickelte sich der Public Sector, unter anderem durch Nachfrage aus den Bereichen Defence & Space sowie Homeland Security. Kurzfristig war das Ergebnis zwar durch Organisationsaufbau, Bonusrückstellungen und einen höheren Hardwareanteil belastet. Der bestätigte Ausblick für 2026 mit 460 bis 500 Mio. Euro Umsatz und 53 bis 58 Mio. Euro EBIT zeigt aber, dass die Wachstumsstory intakt bleibt. Wie bei Masterflex ist auch hier nicht die deutsche Binnenkonjunktur entscheidend, sondern die Fähigkeit, in einer kritischen Nische unverzichtbar zu sein.

Fazit: Nicht der Standort entscheidet, sondern die Nische

Der Blick auf Deutschlands schwache Konjunkturdaten greift für Anleger zu kurz. Natürlich leiden viele Unternehmen unter hohen Kosten, träger Nachfrage und strukturellen Standortproblemen. Doch der börsennotierte Mittelstand ist kein einheitlicher Block. Wer genauer hinsieht, findet Unternehmen, die sich über Marktstellung, Technologie, Internationalisierung oder strukturelle Wachstumsmärkte von der heimischen Wirtschaftsschwäche lösen können.

SUSS MicroTec steht für die deutsche Beteiligung am KI- und Halbleiterboom. Alzchem verbindet Spezialchemie mit Verteidigungsfantasie und hoher Margenqualität. Vossloh profitiert von langfristigen Investitionen in die Schiene. 2G Energy hat mit Rechenzentren einen zusätzlichen Wachstumstreiber erschlossen. Masterflex zeigt, wie profitabel industrielle Nischen sein können. Und secunet ist ein Profiteur des wachsenden Bedarfs an digitaler Sicherheit und staatlicher Souveränität. Genau deshalb liegen die besten Chancen im deutschen Nebenwertemarkt nicht im breiten Durchschnitt, sondern bei sorgfältig ausgewählten Spezialisten.

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Autoren: Die SmartCaps-Redaktion. Über uns: Das Team von SmartCaps zählt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem „Anlegerbrief“ zu den erfolgreichsten Nebenwerteinvestoren in Deutschland. Das Musterdepot des Anlegerbriefs hat seit 1999 eine Rendite von mehr als 3.584 Prozent oder 14,3 Prozent p.a. (Stand: 20.06.26) erzielt. Mehr dazu finden Sie hier.

Erstellung am 25.6.26 um 9:46 Uhr.

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