Ökonomen warnen vor zu viel Konjunkturoptimismus
Von Andrea Thomas
BERLIN (Dow Jones)--Ökonomen sehen im starken Anstieg der deutschen Exporte im Juli Hinweise für ein starkes Wirtschaftswachstum im dritten Quartal. Allerdings warnten sie vor zu viel Optimismus bei der deutschen Konjunktur. Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), sieht in dem kalender- und saisonbereinigten Exportwachstum von 4,7 Prozent im Vergleich zum Juni einen Beleg dafür, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach dem Rekordeinbruch des Frühjahrs im dritten Quartal "ein Rekordwachstum" einfahren könnte.
"Allerdings sieht man an den Daten auch die Herausforderungen: Die deutschen Ausfuhren im Juli 2020 lagen noch immer 11 Prozent unter dem Vorjahreswert. Gleichzeitig hat sich das Tempo der Erholung deutlich verlangsamt", erklärte Dullien. "Zusammen deuten diese Daten darauf hin, dass nach einem kräftigen Anstieg des BIP im Sommerquartal die Erholung zum Jahresende an Fahrt verliert."
DIHK von den Exportzahlen enttäuscht
Noch kritischer wertet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die Zahlen. "Die Exporte kriechen nur mühsam aus dem Pandemie-Tal. Die leichte Belebung im Juli ist vor allem krisenbedingten Nachholeffekten zu verdanken. Die Erholung des Außenhandels bleibt insgesamt aber enttäuschend", erklärte der DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Auch blieben die Aussichten für das kommende Jahr aufgrund der weltweit abgesackten Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern trübe, so Treier.
Ein großer Hemmschuh für ein Wiederanspringen des internationalen Handels seien die Einschränkungen bei Geschäftsreisen, so dass zahlreiche Geschäfte oder Investitionen vor Ort nicht abgeschlossen werden können.
Während die chinesische Konjunktur sich mittlerweile zwar wieder erholt habe, blieben die Geschäftsmöglichkeiten der deutschen Unternehmen in der Europäischen Union, mit dem Vereinigten Königreich und insbesondere mit den USA noch mindestens für die nächsten Monate auf bescheidenem Niveau. Zusätzlich gingen die internationalen Lieferbeziehungen aufgrund ungelöster Handelskonflikte und womöglich einem Brexit ohne Handelsabkommen schwierigen Zeiten entgegen, warnte Treier.
Dullien vom IMK erwartet, dass für die deutsche Wirtschaft das Vorkrisenniveau auch Ende 2021 noch nicht erreicht sein werde. "Die deutschen Exporte könnten sogar noch länger brauchen, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen, weil die Pandemie bei wichtigen deutschen Handelspartnern noch immer nicht unter Kontrolle ist und sich die Nachwirkungen weit ins nächste Jahr ziehen dürften", erklärte Dullien.