"Sell America" ist zurück: Warum Fed, Yen und KI-Boom die US-Aktienmärkte nervös machen
Die Aktienmärkte klettern auf neue Höchststände, doch an Zins- und Devisenmärkten kehrt ein altbekanntes Muster zurück.
Werte in diesem Artikel
- Barclays sieht Anzeichen für die Rückkehr des Sell-America-Narrativs an Zins- und Devisenmärkten
- Aktienmärkte klettern trotzdem weiter, gestützt von einer starker Berichtssaison
- Rekordhohe Yen-Short-Positionen befeuern die Nervosität an den Märkten
Das Sell-America-Narrativ ist zurück, auch wenn die Aktienmärkte davon bislang nichts wissen wollen. Nach Einschätzung von Barclays, die Investing.com in einem Bericht aufgreift, hat sich das Muster aus dem vergangenen Jahr an den Zins- und Devisenmärkten erneut gezeigt, während US-amerikanische und globale Aktienindizes gleichzeitig auf neue Höchststände klettern. Die Bank sieht die Ursache in einem Geflecht aus Unsicherheit über den Fed-Kurs, der Abwicklung von Yen-Carry-Trades und Zweifeln an der Nachhaltigkeit der Investitionen in künstliche Intelligenz. Ein vollständiger Regimewechsel wie im vergangenen Jahr hat laut Barclays noch nicht stattgefunden, doch die Bruchstellen im System werden sichtbarer.
Fed-Unsicherheit, Yen und KI-Zweifel als Treiber
Auffällig ist laut Barclays vor allem die Gleichzeitigkeit der Belastungsfaktoren für Dollar und langlaufende US-Anleihen. Seit der jüngsten Sitzung des Offenmarktausschusses sind die Renditen am langen Ende gestiegen, während der Dollar zugleich schwächer geworden ist, eine Kombination, die sich nach Einschätzung der Bank nur schwer einer einzelnen Ursache zuordnen lässt. Barclays-Stratege Emmanuel Cau räumt ein, es sei schwierig zu trennen, ob dahinter erneute Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Fed stecken oder ein breiteres, datengestütztes Wiederaufleben des Sell-America-Themas unter Investoren. Die parallele Erholung des Goldpreises bei anhaltender Dollarschwäche wertet die Bank als Indiz für eine teilweise Rückkehr dieser Strategie.
Warum die Aktienmärkte bislang nicht mitziehen
Während Zins- und Devisenmärkte Nervosität zeigen, bleiben die Aktienmärkte robust. Laut Investing.com begründet Barclays das mit einer Berichtssaison für das zweite Quartal, die die Bank als breiter und stärker als erwartet einstuft, sowie mit eigenen Kapitalflussdaten, die anders als im Vorjahr kaum Anzeichen einer Umschichtung aus US-Aktien in den Rest der Welt zeigen. Genau in dieser Diskrepanz liegt die eigentliche Einordnung: Die Sell-America-These zeigt sich derzeit vor allem in Zinsen und Währungen, nicht im breiten Aktienmarkt. Ob sich das Muster ausweitet, hängt nach Einschätzung der Bank stark davon ab, ob das makroökonomische Umfeld stabil bleibt.
Yen-Carry-Trades bleiben eine offene Baustelle
Eine zusätzliche Komplexitätsebene liefert der japanische Yen. Barclays verweist darauf, dass die Renditen japanischer Staatsanleihen inzwischen deutlich über dem Niveau liegen, das während der Abwicklung der Carry-Trades im Jahr 2024 zu beobachten war, während koordinierte Bemühungen zur Stabilisierung des Yen sowohl den Dollar als auch den Markt für US-Staatsanleihen zusätzlich belasten. Rekordhohe Short-Positionen auf den Yen und weiterhin umfangreiche Carry-Positionen gelten der Bank als struktureller Grund für die anhaltend hohe Volatilität bei Devisen und Zinsen. Auch der New Yorker Vermögensverwalter New York Life Investment Management beobachtet laut einem Bloomberg-Interview eine Debatte unter globalen Anleihe- und Devisenmarktinvestoren, ob die Sell-America-Strategie aus dem Vorjahr erneut aufgegriffen werden sollte.
Der nächste Test für die Fed-Glaubwürdigkeit
Barclays bleibt für Aktien vorsichtig optimistisch, warnt aber vor Selbstzufriedenheit angesichts hoher Investorenpositionierung, offener Fragen zur Nachhaltigkeit der KI-Investitionen und der historisch schwachen Saisonalität vor den Zwischenwahlen. Cau spricht in diesem Zusammenhang von Spielraum für eine erhöhte Volatilität, sollte sich eines der bekannten Risiken materialisieren. Europa gilt der Bank zufolge weiterhin als funktionierender Portfoliodiversifikator, auch wenn nennenswerte Kapitalzuflüsse in europäische Aktien bislang ausbleiben.
Wie belastbar die aktuelle Ruhe an den Aktienmärkten ist, dürfte sich an den nächsten US-Konjunkturdaten zeigen. Ein überraschend starker Arbeitsmarktbericht oder höher als erwartet ausfallende Verbraucherpreise könnten laut Barclays die Sorge neu entfachen, die Fed hänge der Entwicklung hinterher, und damit die Debatte über einen möglichen geldpolitischen Fehler wieder anheizen.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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