Frankreich – ein europäisches Kernland unter Druck
Lange Zeit verlief eine der gedanklichen Trennlinien an den europäischen Kapitalmärkten ziemlich eindeutig: Auf der einen Seite standen Deutschland und Frankreich als wirtschaftliche und politische Anker der Eurozone, auf der anderen die hoch verschuldeten Staaten Südeuropas. Diese Gewissheit beginnt zu bröckeln.
Frankreich steckt in einem schwierigen Zusammenspiel aus politischer Unsicherheit, schwachem Wachstum und ausufernden Staatsfinanzen. Die EU-Kommission erwartet für 2026 lediglich ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent. Gleichzeitig dürfte das Haushaltsdefizit bei 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen und die Staatsverschuldung auf rund 118 Prozent steigen. Eine überzeugende Konsolidierung der öffentlichen Finanzen wird damit immer dringlicher – politisch aber zugleich immer schwieriger durchzusetzen.
Frankreichs Risikoprämien an den Kapitalmärkten steigen sukzessive
Die zunehmende Nervosität der Finanzmärkte zeigt sich besonders eindrucksvoll am Anleihemarkt: Zehnjährige französische Staatsanleihen rentieren mittlerweile mit knapp fünf Prozent. Damit muss Frankreich für seine Schulden inzwischen mindestens so hohe Zinsen zahlen wie Italien – zeitweise sogar höhere. Noch bemerkenswerter ist der Abstand zu Deutschland: Gegenüber zehnjährigen Bundesanleihen verlangen Investoren inzwischen einen Risikoaufschlag von rund 1,5 Prozentpunkten jährlich. Ein Niveau, das zuletzt während der europäischen Staatsschuldenkrise zu beobachten war.
Für Frankreich ist das mehr als ein kurzfristiges Kapitalmarktphänomen. Ein hoch verschuldeter Staat, dessen Refinanzierungskosten dauerhaft steigen, gerät schnell in einen unangenehmen Kreislauf: Höhere Zinsausgaben belasten den Haushalt, erschweren die Konsolidierung und können wiederum höhere Risikoaufschläge nach sich ziehen. Es ergibt sich eine Art selbsterfüllender Prophezeiung. Gerade bei einer Staatsverschuldung dieser Größenordnung gewinnt die Frage nach dem Vertrauen der Investoren zunehmend an Bedeutung.
Die politische Lage bietet wenig Spielraum
Hinzu kommt eine angespannte innenpolitische Lage. Die jüngsten Proteste und teilweise gewaltsamen Ausschreitungen zeigen, wie begrenzt der gesellschaftliche Spielraum für weitere Einschnitte sein könnte. Genau diese wären jedoch notwendig, um die Staatsfinanzen nachhaltig zu stabilisieren.
Frankreich ist selbstverständlich nicht über Nacht zum neuen Krisenstaat Europas geworden. Das Land verfügt über eine große, diversifizierte Volkswirtschaft und einen leistungsfähigen Unternehmenssektor. Dennoch sendet der Anleihemarkt ein Warnsignal, das nicht ignoriert werden sollte. Frankreich ist schließlich nicht irgendein Mitglied der Währungsunion. Gemeinsam mit Deutschland bildet es seit Jahrzehnten das politische und wirtschaftliche Zentrum des europäischen Projekts. Gerät eines dieser beiden Länder dauerhaft ins Wanken, ist das nicht nur ein französisches Problem.
Vielleicht ist deshalb die bemerkenswerteste Entwicklung dieser Tage nicht, dass französische Staatsanleihen deutlich mehr Rendite bieten als deutsche. Vielmehr verwundert es vor dem Zeitlichen Rückblich, dass Anleger für französische
Staatsschulden inzwischen einen Risikoaufschlag verlangen, den man lange Zeit eher mit Schuldnern der europäischen Peripheriestaaten verbunden hätte.
Von Dr. Andreas Schyra, Vorstandsmitglied der PVV AG, Essen
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