BNP Paribas Low Carbon 100 Europe ETF: Wer entscheidet eigentlich, ob ein Unternehmen klimafreundlich ist?
Ein Blick hinter die Kulissen dieses Klimaschutz-ETFs zeigt, dass die Antwort komplizierter ist als vermutet. Warum ausgerechnet britische Banken und ein Kosmetikkonzern ganz oben stehen.
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Das Wichtigste in Kürze:
- Unter 46 verfügbaren europäischen Klimaschutz-ETFs ist dieser der einzige der den Low Carbon 100 Europe PAB Index nachbildet.
- Das ESG-Rating, das über die Aufnahme in den Fonds mitentscheidet, wird nicht von BNP Paribas selbst, sondern vom unabhängigen Ratinganbieter MSCI vergeben, dessen Methodik vor allem misst, wie gut ein Unternehmen Klimarisiken für sein eigenes Geschäft managt.
- Mit 29,7 Prozent ist Großbritannien das mit Abstand größte Einzelland im Fonds, ein Ergebnis, das viel mit der Struktur des britischen Aktienmarkts selbst zu tun hat.
Wie genau bestimmt wird, was klimafreundlich ist
Der BNP Paribas Easy Low Carbon 100 Europe PAB UCITS ETF bildet den Low Carbon 100 Europe PAB Index nach, der 100 europäische Unternehmen aus allen Branchen bündelt, ausgenommen umstrittene Bereiche wie Tabak, Waffen und fossile Brennstoffe. Der Index erfüllt dabei die Vorgaben eines sogenannten Paris-Aligned Benchmark, was konkret bedeutet, dass die Kohlenstoffintensität des Fonds mindestens 50 Prozent unter jener des breiten europäischen Ausgangsuniversums liegen muss, ergänzt um eine zusätzliche jährliche Absenkung von 7 Prozent. Entscheidend für das Verständnis ist dabei, wie Kohlenstoffintensität hier gemessen wird: nicht als absolute Emissionsmenge eines Unternehmens, sondern als Treibhausgasausstoß je 1 Million Euro Umsatz. Das erklärt, warum sich Unternehmen aus emissionsarmen Branchen wie Banken, Versicherungen oder Pharmakonzernen fast automatisch für eine niedrige Kohlenstoffintensität qualifizieren, unabhängig davon, wie klimafreundlich ihr Geschäftsgebaren im weiteren Sinne tatsächlich ist.
Beim ESG-Rating, das zusätzlich in die Auswahl einfließt, greift BNP Paribas auf die Methodik des unabhängigen Ratinganbieters MSCI zurück, der ESG-Qualitätsbewertungen in Buchstabennoten von AAA bis CCC übersetzt. Diese Bewertung misst in erster Linie, wie gut ein Unternehmen Risiken und Chancen im Zusammenhang mit Umwelt-, Sozial- und Führungsfragen für das eigene Geschäft managt, nicht, wie stark sein tatsächlicher positiver oder negativer Effekt auf die Welt insgesamt ausfällt. Das erklärt auch, warum ein Unternehmen wie L'Oréal, trotz der Beteiligung des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé, für viele Beobachter ein nachvollziehbares, aber nicht zwingend intuitives Beispiel für einen ESG-Vorreiter ist. Die Bewertung erfolgt unternehmensspezifisch anhand konkreter Kennzahlen und Richtlinien. Bei der Gewichtung fließen laut Anbieterangaben sowohl die Marktkapitalisierung als auch die CO2-Emissionen der einzelnen Unternehmen ein, der Fonds gewichtet also nicht rein nach Unternehmensgröße wie viele klassische Indizes. Der Fonds repliziert seinen Index physisch, thesauriert seine Erträge und wurde bereits im Juni 2017 aufgelegt.
HSBC, ASML und Novo Nordisk: Wie die Kriterien konkret erfüllt werden
Größte Position ist mit 9,92 Prozent HSBC Holdings, eine der größten Banken der Welt. Als Finanzdienstleister erzielt HSBC seinen Umsatz überwiegend durch Kredit- und Gebührengeschäfte, die kaum direkte Treibhausgasemissionen verursachen, was dem Konzern eine niedrige Kohlenstoffintensität je Umsatz-Euro verschafft. Auf Platz zwei folgt mit 7,81 Prozent ASML Holding, der niederländische Hersteller von Lithografie-Anlagen für die Chipfertigung. Die eigentliche Chipherstellung mit ihrem hohen Energiebedarf findet bei den Kunden von ASML statt, nicht im eigenen Unternehmen, wodurch ASML selbst mit vergleichsweise geringen direkten Emissionen je Umsatz-Euro auskommt. An dritter Stelle steht mit 6,78 Prozent Novo Nordisk aus Dänemark, einer der weltweit größten Pharmakonzerne, bekannt vor allem für Diabetes- und Adipositas-Medikamente. Pharmaunternehmen erzielen ihren Umsatz überwiegend durch Forschung, Entwicklung und den Verkauf hochpreisiger Medikamente, ein Geschäftsmodell mit ebenfalls geringer Kohlenstoffintensität je Umsatz-Euro im Vergleich zu klassischen Industrieunternehmen.
Warum Großbritannien hier so dominant ist
Mit 29,7 Prozent stellt Großbritannien das mit Abstand größte Einzelland im Fonds, deutlich vor Frankreich mit 12,9 Prozent. Der Londoner Aktienmarkt wird traditionell stark von Banken, Versicherungen, Pharmakonzernen und Konsumgüterherstellern geprägt, also genau jenen Branchen, die aufgrund ihrer geringen Kohlenstoffintensität je Umsatz-Euro bevorzugt in einen solchen Index aufgenommen werden. Dahinter zeigt sich mit den Niederlanden, Deutschland, Dänemark und Spanien eine recht ausgewogene Verteilung mit vergleichsweise geringen Abständen zwischen den einzelnen Ländern.
Warum Industrie trotz allem noch fast 10 Prozent ausmacht
Man könnte erwarten, dass die Industriebranche, die gemeinhin am stärksten mit hohen Kohlenstoffemissionen in Verbindung gebracht wird, in einem solchen Fonds kaum vertreten ist. Tatsächlich taucht sie aber mit rund 10 Prozent durchaus auf, unter anderem durch Siemens mit 3,1 Prozent. Der Grund dafür liegt darin, dass sich das Geschäft von Siemens zunehmend auf Software, Digitalisierung, Automatisierung und Elektrifizierungslösungen verschiebt, Geschäftsfelder mit vergleichsweise geringem eigenem Energie- und Emissionsbedarf im Verhältnis zum erzielten Umsatz. Der Index berücksichtigt dabei laut eigenen Angaben nicht nur bestehende Emissionen, sondern auch Chancen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, wovon Anbieter von Energieeffizienz- und Elektrifizierungstechnik wie Siemens profitieren können. Gleichzeitig sinkt durch den Klimaschutz-Fokus der Technologieanteil insgesamt deutlich gegenüber einem klassischen Europa-ETF. In der Summe ist der Fonds damit sowohl regional als auch nach Branchen gut geeignet, um viele klassische, oft US- und technologielastige Depots sinnvoll zu diversifizieren.
Warum der Fonds nicht an die Renditen der Marktführer heranreicht
2023 legte der Fonds um 15,2 Prozent zu, 2024 um 6,5 Prozent und 2025 um 9,3 Prozent, alles solide, aber deutlich hinter den ETF-Klimaschutz-Marktführern: dem Amundi S&P Eurozone Climate Paris Aligned UCITS ETF, der im selben Zeitraum zwischen 14,2 und 22,5 Prozent pro Jahr erzielte, sowie hinter dem etwas weniger dominanten, aber ebenfalls stärkeren Amundi MSCI Europe ESG Broad Transition UCITS ETF. Während der Amundi-Fonds ausschließlich die Eurozone abdeckt und damit voll von der besonders starken Rally europäischer Bank- und Industriewerte der vergangenen Jahre profitierte, deckt der BNP-Fonds ganz Europa inklusive Großbritannien, der Schweiz und Skandinaviens ab, was die Konzentration auf die stärksten Eurozone-spezifischen Gewinner verwässert. Hinzu kommt, dass die spezifische Auswahl nach Kohlenstoffintensität je Umsatz und ESG-Rating zu einer anderen Branchenmischung führt als die Auswahlkriterien der Amundi-Fonds, wodurch dieser Fonds weniger stark von einzelnen, zuletzt besonders erfolgreichen Branchen wie europäischen Banken profitierte. Im laufenden Jahr liegt der Fonds mit 11,5 Prozent zwar erneut hinter beiden Amundi-Fonds, die bereits die 14-Prozent-Marke überschritten haben, hat damit aber schon jetzt die Gesamtjahre 2024 und 2025 übertroffen.
Warum die Schwankungsbreite niedriger ausfällt als bei einem Welt-ETF
Die Volatilität dieses Fonds liegt mit 13,8 Prozent über fünf Jahre unter der eines klassischen MSCI-World-ETFs (14,7 Prozent). Banken, Pharmakonzerne und Konsumgüterhersteller mit stabilen, gut planbaren Geschäftsmodellen gelten grundsätzlich als weniger schwankungsanfällig als die in einem MSCI-World-ETF dominierenden, teils sehr hoch bewerteten Technologiewerte. Entsprechend bewegen sich auch die maximalen Kursrückgänge (-20,6 Prozent in den letzten fünf Jahren) auf einem Niveau, das trotz der eigentlich noch breiter gestreuten Vergleichsindizes zuletzt quasi nicht höher ausfiel als bei einem MSCI-World-ETF (-20,5 Prozent).
Für welche Anleger sich dieser Klimaschutz-ETF eignet
Bei der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze unter den 46 verfügbaren europäischen Klimaschutz-ETFs sollten Anleger vor einer Entscheidung genau prüfen, wie Kohlenstoffintensität und ESG-Rating im jeweiligen Fonds definiert und gemessen werden, welches Länderuniversum abgedeckt wird, und ob die Gewichtung rein nach Marktkapitalisierung oder wie hier zusätzlich nach Emissionsdaten erfolgt, da diese Unterschiede zu teils erheblich abweichenden Ergebnissen führen können. Dieser Fonds eignet sich besonders für Anleger, die eine möglichst breite paneuropäische Streuung inklusive Großbritannien und Skandinavien mit einem klar regelbasierten, unabhängig geprüften Klimaschutzansatz kombinieren möchten, und die eine im Vergleich zu spezialisierteren Eurozone-Fonds moderatere, aber auch stabilere Rendite akzeptieren können.
Daniel Dünn, Redaktion TraderFox (finanzen.net)
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Aktien-ETFs unterliegen Kursschwankungen, zwischenzeitliche Verluste sind möglich.
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