Vermögensverwalter-Kolumne

Der sichere Hafen ist eine Illusion


Der sichere Hafen ist eine Illusion | finanzen.net

Es gibt Worte, die an der Börse besonders beruhigend klingen. "Sicher" gehört dazu. Wenn die Kurse fallen, die Nachrichten schlechter werden und die Unsicherheit zunimmt, suchen Anleger nach dem sicheren Hafen, aber gibt es den überhaupt - oder suchen Anleger am Ende nur den Ort, an dem sie sich am wenigsten unsicher fühlen?

Wenn es an den Finanzmärkten stürmisch wird, taucht ein Begriff besonders häufig auf: der "sichere Hafen". Anleger suchen dann nach einem Ort, an dem ihr Geld möglichst unbeschadet durch die Krise kommt. Die Frage ist nur: Wo liegt dieser Hafen eigentlich? Ein Hafen schützt vor dem Sturm. Er schützt nicht automatisch davor, dass das Schiff langsam an Wert verliert.

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Der sichere Hafen ist selbst hoch verschuldet!

Früher schien die Antwort einfach. Tagesgeld, Festgeld, deutsche Staatsanleihen - möglichst wenig Risiko, möglichst viel Ruhe. Und wenn gar nichts mehr hilft, vielleicht noch ein wenig Gold. Doch bei genauerem Hinsehen hat selbst der sicherste Hafen seine Tücken. Nehmen wir die Staatsanleihe. Sie gilt als eine der soliden Formen der Geldanlage. Der Anleger leiht dem Staat Geld und bekommt dafür Zinsen. Das klingt beruhigend.

Schließlich steht hinter der Forderung nicht irgendein Unternehmen, sondern der Staat. Nur ist auch der Staat ein Schuldner. Deutschland hatte Ende 2025 öffentliche Schulden von rund 2,66 Billionen Euro. Auf den Bund entfielen davon rund 1,84 Billionen Euro. Im ersten Halbjahr 2026 lag das staatliche Finanzierungsdefizit bei weiteren 71,3 Milliarden Euro. Das bedeutet keineswegs, dass Deutschland vor der Pleite steht. Ein Staat ist kein Privathaushalt, und seine finanzielle Situation lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, ob er morgen seine Rechnungen bezahlen kann.

Aber eine interessante Frage bleibt trotzdem: Wie sicher kann eine Anlage auf Dauer sein, wenn derjenige, der dafür geradestehen soll, selbst immer mehr Schulden macht? Das ist kein Argument gegen Staatsanleihen. Es ist ein Argument gegen das allzu bequeme Wort "sicher". Denn Sicherheit kann vieles bedeuten. Wer 10.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto hat, muss keine täglichen Kursschwankungen ertragen. Die 10.000 Euro bleiben 10.000 Euro. Zumindest auf dem Kontoauszug, denn an der Supermarktkasse kann die Rechnung allerdings anders aussehen. Wenn die Preise steigen, verliert das Geld an Kaufkraft. Der Kontostand ist stabil - der Wert des Geldes nicht unbedingt.

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Das ist eine der merkwürdigen Eigenschaften der Geldanlage: Manchmal kann ein Vermögen völlig ruhig aussehen und trotzdem langsam kleiner werden.

Die ruhige See kann täuschen

Auch das Festgeld hat diesen Vorteil der Ruhe. Der Anleger kennt seinen Zins, kennt die Laufzeit und kann die Sache gedanklich abhaken. Doch auch hier gilt: Entscheidend ist nicht nur, was am Ende auf dem Konto steht, sondern was man sich dafür kaufen kann. Und Gold? Gold ist der ewige Kandidat für den Krisenfall. Es glänzt, es kann nicht

einfach gedruckt werden und hat seit Jahrhunderten einen besonderen Platz im menschlichen Vertrauen. Aber auch Gold hat schlechte Tage. Es zahlt keine Zinsen und keine Dividenden. Und wer zum falschen Zeitpunkt kauft, kann ebenfalls lange auf Erholung warten. Gold kann deshalb ein sinnvoller Bestandteil eines Vermögens sein. Aber auch hier gilt: Krisenfest bedeutet nicht schwankungsfrei.

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Ausgerechnet Aktien?

Natürlich sind Aktien kein sicherer Hafen. Wer Aktien besitzt, muss damit rechnen, dass sein Depot zeitweise kräftig an Wert verliert. Wer sein Geld in wenigen Monaten benötigt, sollte deshalb nicht darauf angewiesen sein, dass die Börse gerade gute Laune hat. Aber wer einen Anlagehorizont von 15, 20 oder 30 Jahren hat, stellt eine andere Frage. Dann geht es weniger darum, ob das Depot nächsten Dienstag zehn Prozent verliert. Entscheidend wird, ob das Vermögen langfristig an der Entwicklung von Unternehmen und Volkswirtschaften teilhaben kann - und ob es dadurch eine Chance hat, mit der Inflation Schritt zu halten.

Das macht Aktien nicht sicher, aber es macht sie für bestimmte Ziele möglicherweise geeigneter als vermeintlich sichere Anlagen. Es geht darum, ob das Vermögen langfristig mit der wirtschaftlichen Entwicklung und der Inflation Schritt halten kann. Und plötzlich wird aus der vermeintlich riskanten Anlage ein Baustein für langfristige Sicherheit. Das klingt zwar paradox, ist es aber nicht. Denn Risiko und Sicherheit sind keine Gegensätze, die man bei der Geldanlage einfach an- oder ausschalten kann. Sie verschieben sich nur. Das eigentliche Risiko besteht deshalb vielleicht gar nicht darin, dass eine Anlage schwankt. Es besteht darin, das falsche Risiko für das eigene Geld zu wählen.

Welches Boot für welches Wetter?

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, nach dem einen sicheren Hafen zu suchen. Das eigene Vermögen ist schließlich kein Schiff, das man komplett in einen einzigen Hafen schleppen muss. Ein Teil des Geldes darf ruhig und liquide liegen, während ein anderer Teil langfristig wachsen kann. Gold kann eine Beimischung sein und Anleihen können Stabilität und planbare Erträge liefern. Aktien sorgen langfristig für Wachstum und Dynamik. Keine dieser Anlagen ist perfekt.

Und genau das ist der Punkt. Wer sein gesamtes Vermögen auf eine einzige Anlage setzt, setzt zwangsläufig auch auf ein einziges Szenario. Wer alles auf dem Konto hält, erwartet, dass Kaufkraftverlust kein großes Problem wird. Wer ausschließlich Aktien besitzt, meint, dass er zwischenzeitliche Börsenstürme aushalten kann. Wer nur auf Staatsanleihen vertraut, setzt auf die langfristige finanzielle Stabilität des Staates. Wer alles in Gold steckt, setzt darauf, dass der Goldpreis seine Erwartungen erfüllt. Jede Geldanlage ist eine Wette auf die Zukunft. Die Kunst besteht darin, nicht nur eine einzige Wette abzuschließen.

Nicht alle Schiffe in einen Hafen

Diversifikation - also die Verteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageformen - das klingt weniger spektakulär als die Suche nach dem perfekten sicheren Hafen. Aber vielleicht ist gerade das ihre Stärke. Denn niemand weiß, welches Risiko in zehn oder 20 Jahren das größte sein wird. Niemand kennt die nächste Finanzkrise, die nächste

Inflation, die nächste politische Krise oder die nächste überraschende Wendung an den Kapitalmärkten. Wer das eigene Vermögen verteilt, muss nicht vorhersagen, was passieren wird. Er muss nur darauf achten, dass nicht ein einziges Ereignis das gesamte Vermögen aus der Bahn wirft. Das ist nicht aufregend. Aber bei der Geldanlage wird die Aufregung ohnehin überschätzt.

Sicherheit heißt nicht: kein Sturm

Vielleicht ist der sichere Hafen deshalb eine schlechte Metapher für die Geldanlage. Er suggeriert, dass es irgendwo einen Ort gibt, an dem das Geld vor allen Gefahren geschützt ist. Einen Platz, an dem die See glatt, der Himmel blau und das Vermögen unangreifbar ist. Diesen Ort gibt es nicht. Es gibt Tagesgeld, Festgeld, Anleihen, Aktien, Gold und viele andere Möglichkeiten. Jede Anlageklasse hat ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen.

Manche Anlageform schützt vor aufkommenden Risiken besser als andere. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: "Welche Anlage ist sicher?" Sondern: "Vor welchem Risiko möchte ich mein Geld schützen - und wie lange kann ich auf dieses Geld verzichten?" Wer diese beiden Fragen beantwortet, ist der Suche nach dem sicheren Hafen schon ein gutes Stück näher. Vielleicht besteht Sicherheit bei der Geldanlage am Ende nämlich nicht darin, jedem Sturm auszuweichen, sondern darin, so aufgestellt zu sein, dass man den nächsten Sturm übersteht.

von Wolfgang Juds, Geschäftsführer der CREDO Vermögensmanagement GmbH in Nürnberg

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Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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