NEL-Aktie mit Kurssprung vor den Zahlen: Warum die Rheinmetall-Partnerschaft für Euphorie sorgt
Ein Rüstungskonzern will Kraftstoff aus Wasserstoff künftig direkt vor Ort erzeugen und holt dafür NEL ins Boot, doch ein Satz im Kleingedruckten bremst die Fantasie.
Werte in diesem Artikel
- NEL und Rheinmetall prüfen gemeinsam dezentrale Produktion von E-Fuels
- Norwegen dient als Startpunkt, Absichtserklärung ist nicht bindend
- Am Donnerstag legt NEL Zahlen zum dritten Quartal vor
NEL ASA und Rheinmetall haben eine Absichtserklärung unterzeichnet, um gemeinsam die dezentrale Produktion synthetischer Kraftstoffe aus erneuerbarem Wasserstoff auszuloten. Damit rückt die NEL-Aktie an die Schnittstelle von Energiewende und Verteidigung.
Anleger quittieren die Partnerschaft im Oslo-Handel zeitweise mit kräftigen Kursgewinnen für die NEL-Aktie von 8,75 Prozent auf 2,175 NOK.
Der norwegische Elektrolysespezialist soll seine Technologie für grünen Wasserstoff beisteuern, der Düsseldorfer Rüstungskonzern sein Konzept Giga PtX sowie seine Erfahrung in Systemintegration und strategischer Infrastruktur. Abnehmer der Kraftstoffe sollen Streitkräfte und Betreiber kritischer Infrastruktur sein.
Was die Absichtserklärung konkret vorsieht
Im Kern geht es um modulare Anlagen, die Treibstoff dort erzeugen, wo er gebraucht wird. Das synthetische Produkt soll konventionellen Kraftstoff ersetzen, ohne dass Fahrzeuge oder Aggregate umgerüstet werden müssen. Beide Partner wollen nun die technische und kommerzielle Machbarkeit bewerten: mögliche Standorte, den Bedarf an Infrastruktur, den Zugang zu erneuerbarem Strom, nachhaltige Kohlenstoffquellen und die wichtigsten Anwendungsfälle. Auch Pilotprojekte, die das modulare Konzept erproben, sind denkbar. Für die Einordnung entscheidend ist allerdings ein Satz am Ende der Mitteilung: Die Vereinbarung ist nicht bindend, jeder weitere Schritt steht unter dem Vorbehalt gegenseitiger Zustimmung und laufender Prüfungen. Bestellungen, Volumina oder einen Zeitplan nennen die Unternehmen nicht.
Warum die Partner in Norwegen beginnen
Den Start in Norwegen begründen die Partner mit der Versorgungslage des Landes, und die wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Norwegen betreibt nur eine einzige Ölraffinerie, exportiert große Mengen Rohöl zur Verarbeitung nach Europa und holt die fertigen Produkte anschließend zurück. Im Krisenfall hängt ein Teil der Versorgung damit an Infrastruktur außerhalb nationaler Kontrolle. Hinzu kommt, dass der Engpass im norwegischen Energiesystem weniger in der Stromerzeugung als in Übertragung und Verteilung liegt; dezentrale Anlagen könnten Ökostrom näher an der Quelle verwerten. Geografisch begrenzt ist die Zusammenarbeit allerdings nicht. Bei NEL sieht Finanzchef Kjell Christian Bjørnsen in erneuerbarem Wasserstoff einen wichtigen Baustein für widerstandsfähigere Kraftstoffsysteme und will ausloten, wie sich die eigene Technologie in neue Wertschöpfungsketten einbinden lässt.
Rheinmetall setzt bei Giga PtX auf mehrere Elektrolysepartner
Für Anleger zählt vor allem, wie groß das Stück ist, das am Ende auf die Norweger entfallen könnte. Wie Rheinmetall bereits im November 2025 mitgeteilt hatte, sieht Giga PtX ein europaweites Netz aus mehreren hundert modularen Anlagen vor, die jeweils 5.000 bis 7.000 Tonnen Diesel, Schiffsdiesel oder Kerosin pro Jahr erzeugen sollen. Als Lieferant von Elektrolyseuren gehört dem Konsortium seither Sunfire an, dessen alkalische Druckelektrolyseure als fester Bestandteil der Anlagen vorgesehen sind. Im April dieses Jahres kam ITM Power hinzu, zunächst mit Fokus auf Großbritannien. In der aktuellen Mitteilung ist entsprechend von Bündnissen mit lokalen Champions für einzelne Märkte die Rede. Erste Anlagen will Rheinmetall nach eigenen Angaben realisieren, sobald die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen feststehen.
Was die Kooperation für die NEL-Aktie bedeutet
Kurzfristig ändert die Absichtserklärung an den Zahlen nichts, denn Umsatz ist mit ihr nicht verbunden. Wie sehr NEL neue Nachfrage braucht, zeigte der Bericht zum zweiten Quartal 2026 vom 15. Juli: Die Umsätze aus Kundenverträgen fielen gegenüber dem Vorjahresquartal um 12 Prozent auf 153 Millionen Norwegische Kronen. Das EBITDA rutschte auf minus 155 Millionen Kronen nach minus 86 Millionen ein Jahr zuvor, belastet von 70 Millionen Kronen aus einer Vergleichsvereinbarung. Lichtblick war der Auftragseingang, der sich im Jahresvergleich auf 230 Millionen Kronen mehr als verdreifachte. Die liquiden Mittel schmolzen binnen zwölf Monaten allerdings von rund 1,93 auf 1,33 Milliarden Kronen.
Bemerkenswert ist die Kooperation mit Rheinmetall vor allem, weil sie in ein Muster passt: Der Verteidigungssektor wird für NEL zum greifbaren Absatzmarkt. Laut einer Unternehmensmitteilung vom 30. September summieren sich die Bestellungen von Collins Aerospace für PEM-Elektrolysestapel, die in Lebenserhaltungssystemen von U-Booten Sauerstoff erzeugen, auf rund 20 Millionen US-Dollar. Gebucht werden sie im dritten Quartal, ausgeliefert jedoch erst 2027 und 2028. Anders als diese Aufträge bleibt das Bündnis mit den Düsseldorfern vorerst eine Option ohne Preisschild.
Der nächste belastbare Datenpunkt folgt schon morgen, wenn NEL den Bericht zum dritten Quartal 2026 vorlegt und anschließend präsentiert. Dann wird sich zeigen, wie stark die Aufträge aus dem Verteidigungsumfeld den Auftragseingang tragen und ob das Management die Kooperation mit Rheinmetall konkreter fasst als in der Absichtserklärung.
Benedict Kurschat, Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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