Benjamin Feingold-Kolumne

Große Bewertungsanomalie im Kryptomarkt

10.07.26 12:59 Uhr

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Große Bewertungsanomalie im Kryptomarkt | finanzen.net

Ether hat in den vergangenen Jahren eine Berg- und Talfahrt hinter sich und notiert aktuell mit knapp 1.800 USD am unteren Ender Der Sapanne aus den vergangenen Jahren. Und doch hat sich bei Ethereum viel getan.

So liegt das Stablecoin-Angebot auf der Blockchain im Juli 2026 bei über 150 Mrd. $, bei tokenisierten Real-World-Assets kommt Ethereum auf rund 30% Marktanteil, knapp 33% des ETH-Angebots stecken im Staking (DefiLlama, The Block). Trotzdem notiert der Token mehr als 60 Prozent unter seinem Rekordhoch von $4.945 vom August 2025.

Ethereum ist heute weniger ein spekulatives Asset als vielmehr die Abwicklungsschicht eines wachsenden Onchain-Finanzsystems. Rund $150 Mrd. an Stablecoins liegen auf der Chain - etwa 50% des gesamten Stablecoin-Marktes von $311 Mrd. (DefiLlama, Juli 2026). Mit $37-38 Mrd. hält Ethereum rund 53% des globalen DeFi-TVL, und die DeFi-Protokollgebühren der letzten zwölf Monate summieren sich auf $24,9 Mrd. (Stand: Juni 2026). Standard Chartered, eine der aktivsten Banken im Bereich der Kryptowährungen, erwartet, dass der Stablecoin-Markt bis Ende 2028 auf 2 Bio. USD wächst; separat rechnet die Bank auch bei tokenisierten RWAs ohne Stablecoins mit rund 2 Bio. USD bis 2028 - der Großteil davon dürfte bei der heutigen Marktstruktur über Ethereum laufen.

Vom eigenen Wachstum profitiert der Token selbst bisher aber kaum, weil ein Großteil der Transaktionen längst auf Layer-2-Netzwerke wie Base, Arbitrum und Optimism abgewandert ist. Standard Chartered beziffert allein den Effekt von Coinbases Base auf minus $50 Mrd. ETH-Marktkapitalisierung durch entgangene Gebühren. Das ETH-Angebot wächst deshalb gerade wieder leicht inflationär (rund +0,23% p.a.), statt wie in Hochphasen üblich deflationär zu schrumpfen.

Die sogenannte MVRV-Ratio zeigt, ob ETH-Halter im Schnitt Gewinn oder Verlust gemacht haben: Sie vergleicht die Marktkapitalisierung mit dem durchschnittlichen Einstiegspreis aller ETH. Werte unter 1,0 bedeuten Verlust für den Durchschnittshalter - Ende Februar 2026 lag der Wert bei 0,78, im März bei 0,9, aktuell dürfte er noch tiefer liegen. Genau in dieser Zone unter 0,8 lagen auch die Böden der Bärenmärkte 2018/19 und 2022, als die Ratio beim Tief von $900 sogar auf 0,5 fiel.

Auffällig ist der Unterschied zwischen den Haltergruppen: Gestakte ETH liegen mit einer MVRV von 1,7 klar im Gewinn, die freie Zirkulation dagegen nur bei 1,5 (CryptoQuant, Oktober 2025). Long-Term-Halter im Staking profitieren also trotz Drawdown, während viele ETF- und Spot-Käufer der letzten zwölf Monate Verluste erleiden. Gleichzeitig fallen die Börsenbestände auf ein Zehnjahrestief von 14,5 Mio. ETH; allein zwischen dem 4. und 7. Juni verließen weitere 475.000 ETH die Börsen.

Die institutionellen Prognosen liegen weit auseinander. Standard Chartered senkte sein Kursziel für Ende 2026 von $12.000 auf $4.000, hält aber am Langfristziel von $40.000 für Ende 2030 fest. Tom Lee (Fundstrat) bleibt bei $12.000 für 2026. Citigroup senkte sein 12-Monats-Ziel auf $2.240, im Bär-Szenario auf $1.094. Diese Spanne von über $10.000 zeigt, wie unsicher die Prognosen um Ethereum sind. Fundamental steht Ethereum so stark da wie selten: Stablecoin-Volumen, DeFi-TVL und RWA-Marktanteil markieren Rekordwerte, während der Tokenpreis auf Mehrjahrestief notiert - die Bewertungslücke ist struktureller, nicht fundamentaler Natur. Auslöser für eine Neubewertung dürfte die Kapitalrotation zwischen BTC und ETH sein: Charttechnisch bleibt die Zone um $1.600 der kritische Support. Sollte die ETH/BTC-Ratio ihren Tiefstand hinter sich lassen, könnte sich die Lücke zwischen Netzwerkwachstum und Tokenpreis schließen.

150 Jahre Börsenerfahrung kombiniert technische Analyse, Trading, Börsenpsychologie und konkrete Investments. Benjamin Feingold ist Mit-Gründer von Feingold Research. Unseren Börsendienst finden Sie unter feingoldresearch.de!

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