US-Zinsen zu immer neuen Höchstständen durch ausufernde Verschuldung?
Anlässlich des Erreichens eines Schuldenstandes von 40 Billionen US-Dollar rückte die besorgniserregende Situation der amerikanischen Verschuldung erneut in den Blick der Märkte.
Die Zahl selbst liefert keine neuen Erkenntnisse, und auch das Haushaltsdefizit bewegt sich mit gut sechs Prozent vom Bruttoinlandsprodukt im erwarteten Rahmen. Sie war daher nur der Anlass für eine neue Verschuldungsdebatte. An Brisanz gewann diese durch die Ankündigung des Finanzministers, langfristige Anleihen zurückzukaufen und dies über die Ausgabe kurzfristiger Papiere zu finanzieren. Der Hinweis zweier hoher Beamter des Hauses, man könne dafür temporär das rund 950 Milliarden US-Dollar schwere Treasury General Account heranziehen, führte den Märkten vor Augen, dass die Verschärfung der Verschuldungslage mit einem Zinsanstieg verbunden sein wird.
Bemerkenswert ist, dass der jüngste Zinsanstieg nicht nur auf die Veränderung der Inflationserwartungen zurückgeht: Die Inflationserwartungen sind mit einer implizierten Rate von 2,3 Prozent relativ fest verankert. Getrieben wird der Markt vor allem durch den Anstieg der Laufzeitprämie – also dem Preis, den Investoren für das zusätzliche Risiko langer Laufzeiten verlangen.
Der Kapitalmarkt erfährt eine zusätzliche Belastung durch den Kapitalbedarf der KI-Gesellschaften. Dieser erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die Hyperscaler, sondern erfasst über die Neoclouds und deren GPU-besicherte Strukturen einen breiteren Kreis. Rund 500 Milliarden US-Dollar hat das KI-Ökosystem allein in diesem Jahr am Anleihemarkt aufgenommen. Anders als im Lehrbuch verdrängt hier nicht der Staat die Privaten, sondern umgekehrt: Kapital, das in Unternehmensanleihen fließt, steht dem Treasury nicht zur Verfügung – ein umgekehrter Crowding-out-Effekt, der die Renditen der Staatsanleihen steigen lässt.
Die Tragfähigkeit der Staatsschulden hängt in letzter Konsequenz nicht nur von der Höhe des Primärdefizits ab, also des Defizits ohne Zinslast, sondern auch von der Differenz zwischen nominalem Wachstum und dem Zinsniveau. Verschlechtert sich diese Differenz durch eine Abschwächung des Wachstums, gerät der Haushalt noch schneller in eine Schieflage. Ein Ausweg könnte in einer Erhöhung der Unternehmenssteuern liegen. Die Körperschaftsteuer trägt nur noch rund ein Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei – so wenig wie nie seit 1945 – während die Gewinne kräftig gewachsen sind. Diese Lücke erklärt einen Teil des Schuldenanstiegs, wenn auch nicht den größten; Zinslast und Demografie wiegen schwerer.
Ob nach den Zwischenwahlen eine Korrektur erfolgt, darf man bezweifeln. Eine Anhebung des föderalen Körperschaftsteuersatzes von derzeit 21 auf 28 Prozent, wie sie das Programm der Demokraten vorsieht, setzte Mehrheiten in beiden Kammern und die Unterschrift des Präsidenten voraus. Wahrscheinlicher ist eine geteilte Regierung – und damit Stillstand statt Konsolidierung. Nichtstun könnte zu weiteren Zinserhöhungen führen. Eine ausbleibende Haushaltskonsolidierung könnte den Aufwärtsdruck auf langfristige US-Staatsanleiherenditen verstärken. Davon zu unterscheiden ist die gestrige Leitzinserhöhung der Fed: Sie reagiert auf die weiterhin erhöhte Inflation. Beide Entwicklungen können die Finanzierung des Staates verteuern, folgen aber unterschiedlichen Mechanismen.
Für die Aktienmärkte wären beide Wege belastend: Höhere Steuern schmälern die Unternehmensgewinne unmittelbar, höhere langfristige Kapitalmarktzinsen können über den Diskontierungssatz die Bewertungen unter Druck setzen. Entscheidend ist dabei, inwieweit steigende Gewinne diesen Effekt ausgleichen und welche Erwartungen bereits eingepreist sind. Bleibt das dritte Szenario, auf das der Markt implizit setzt: dass die KI-Investitionen die Produktivität und damit das Wachstum so heben, dass sich die Zins-Wachstums-Differenz von selbst entspannt. Sollten die langfristigen Renditen weiter steigen, spricht dies für Vorsicht bei hoch bewerteten Unternehmen, deren erwartete Gewinne weit in der Zukunft liegen. Für die Aktienpositionierung wären dann neben der Bewertung insbesondere der Refinanzierungsbedarf und die Robustheit der laufenden Erträge entscheidend.
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von Jürgen Brückner, Portfoliomanager der FV Frankfurter Vermögen AG in Bad Homburg/Königstein
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