clearvise: Ziel bleibt eine langfristig nachhaltige Ausschüttungspolitik
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clearvise befindet sich aktuell in einer Transformationsphase. Nachdem in den letzten Jahren noch Wachstum im Vordergrund stand, liegt der Fokus jetzt vor allem auf einer effizienten Bewirtschaftung des Portfolios aus Wind- und Solarparks, um möglichst hohe Cashflows zu erzielen und diese an die Anleger zu einem substanziellen Teil auszuschütten. Das SmartCaps-Team hat mit CEO Bernhard Gierke über den Stand der Transformation und die weiteren Ziele und Pläne...
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SmartCaps: Herr Gierke, Sie sind seit dem 1. März Alleinvorstand des Unternehmens. Was liegt Ihnen bei der Ausrichtung des Unternehmens besonders am Herzen?
Bernhard Gierke: Im Mittelpunkt steht die konsequente Umsetzung einer strategischen Neuausrichtung. Wir fokussieren uns auf das Kerngeschäft, also auf den Betrieb und die Weiterentwicklung unseres europäischen Wind- und Solarportfolios. Dieses Portfolio richten wir auf Ertragskraft und ein ausgewogenes Risikoprofil aus. Ein zentraler Baustein ist die enge und reibungslose Integration unserer Systeme mit unseren operativen Dienstleistern. So können wir Effizienzgewinne heben und eine verlässliche Ertragsbasis sicherstellen. Auf diese Weise erwirtschaften wir stabile und planbare Cashflows, mit dem Ziel, unsere Aktionärinnen und Aktionäre bestmöglich an der Unternehmensentwicklung zu beteiligen und den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern.
SmartCaps: Wenn Sie auf die ersten Monate zurückblicken: Was hat Sie besonders beschäftigt?
Bernhard Gierke: Die ersten Monate waren geprägt von einer intensiven Einarbeitung in unsere einzelnen Projekte und deren gewachsene Historie. Mir war wichtig, jedes Asset im Detail zu kennen und zu verstehen, um Risiken frühzeitig einordnen und begrenzen zu können. Parallel dazu haben wir eine systematische Neubewertung und Prüfung unserer Entwicklungs-, Bau- und Bestandsprojekte vorgenommen. Dabei war für uns entscheidend, welche Projekte strategisch und langfristig zu unserem Geschäftsmodell passen. Zudem haben wir auch konkrete Entscheidungen getroffen: Im April haben wir Verträge für den Verkauf eines Portfolios aus 13 PV-Kleinstanlagen mit rund 8,6 MW unterzeichnet. Die Anlagen machen rund 2,2 Prozent des Gesamtportfolios aus, verursachten aber vergleichsweise hohe Verwaltungskosten. Den Erlös nutzen wir überwiegend zur Rückführung von Fremdkapital.
SmartCaps: Das Unternehmen verfolgt einen strategischen Kurs weg von reinem Wachstum, hin zu stabilen Cashflows und Dividendenfähigkeit. Was sind die strategischen Eckpfeiler?
Bernhard Gierke: Unsere Strategie ruht auf zwei zentralen Säulen: Zum einen wollen wir finanzielle Flexibilität erhalten, zum anderen setzen wir auf die selektive Weiterentwicklung des Portfolios. Maßgeblich ist für uns dabei, ob ein Projekt langfristig zum Geschäftsmodell passt und einen angemessenen Beitrag zu Cashflow und Unternehmenswert leistet. Unser Ziel bleibt eine langfristig nachhaltige Ausschüttungspolitik, die im Einklang mit der Wertentwicklung des Unternehmens steht. Daran richten wir unser Handeln aus. Unter einer YieldCo verstehen wir dabei ein Unternehmen mit einem überwiegend im Betrieb befindlichen Portfolio, planbaren Cashflows, geringem operativen Risiko und einer disziplinierten Kapitalallokation.
SmartCaps: Neue Frage: Für das Geschäftsjahr 2025 haben Sie keine Dividende vorgeschlagen. Wie passt das zur neuen Strategie?
Bernhard Gierke: Vorstand und Aufsichtsrat bekennen sich zu dem langfristigen Ziel einer nachhaltigen und verlässlichen Ausschüttungspolitik im Einklang mit der Unternehmensentwicklung. Derzeit befindet sich die clearvise allerdings noch in einer Transformationsphase. Nach Jahren des Wachstums ist die Umstellung auf ein Geschäftsmodell, das auf die Optimierung des Cashflows ausgerichtet ist, im vollen Gange. Die Entscheidung, den Bilanzgewinn für 2025 vorzutragen, ist in diesem Zusammenhang kein Rückzug von diesem Ziel, sondern eine bewusste und verantwortungsvolle Entscheidung im Sinne der langfristigen Wertentwicklung für unsere Aktionäre. Ein Unternehmen, das den Shareholder Value ernst nimmt, schüttet nicht um jeden Preis aus, sondern prüft alternative Verwendungen von Liquidität auf größtmöglichen Nutzen. Genau das ist unser Anspruch. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir überzeugt, dass die Mittel für die Optimierung des Portfolios und ein vorgeschlagenes Aktienrückkaufprogramm werthaltiger eingesetzt werden können.
SmartCaps: Sie kommen aus dem Investment- und Asset-Management und bringen eine ausgeprägte Kapitalmarktperspektive mit. Wie prägt dieser Hintergrund Ihren Blick auf clearvise und die strategische Ausrichtung?
Bernhard Gierke: Mein Hintergrund hilft mir dabei, die vielschichtigen Herausforderungen im Portfoliomanagement ganzheitlich zu betrachten. Das reicht von technischen Optimierungen über Anpassungen der Kapitalstruktur bis hin zu Rechtsfragen und Qualitätssicherung. Die Branche der erneuerbaren Energien befindet sich aktuell im Wandel. Die Rentabilität neuer Anlagen ist spürbar zurückgegangen und viele Entwicklungsprojekte werden derzeit nicht umgesetzt. In dem Zuge werden auch Wachstumsperspektiven neu bewertet. Genau deshalb halte ich es für richtig, nicht um jeden Preis weiter zu wachsen, sondern den Fokus auf Optimierungspotenziale zu richten.
SmartCaps: Seit diesem Jahr hat Ihr Großaktionär die operative Betreuung des clearvise-Portfolios als Dienstleister übernommen. Wie läuft diese Zusammenarbeit in der Praxis?
Bernhard Gierke: Die Zusammenarbeit mit Tion Renewables hat sich seit der vollständigen Übernahme des operativen Betriebs sehr gut entwickelt. Die eingespielten Prozesse und die technische wie personelle Kontinuität haben einen reibungslosen Übergang ermöglicht. Die Mitarbeitenden sitzen weiterhin im selben Büro und führen die vorherigen Aufgaben fort. Das sorgt für kurze Entscheidungswege und für ein gemeinsames Verständnis unserer Ziele und Historie. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass uns eine gute Corporate Governance bei der Zusammenarbeit mit Tion sehr wichtig ist. In diesem Zusammenhang steht auch die jüngste Anpassung im Aufsichtsrat: Frau Dr. Bettina Mittermeier hat kürzlich als unabhängiges Mitglied den Vorsitz des Gremiums von Ingmar Helmke, dem CEO von Tion, übernommen. Das unterstreicht, dass Transparenz und eine klare Kontrollfunktion für uns keine Selbstverständlichkeit, sondern ein aktives Bekenntnis sind.
SmartCaps: Welchen Mehrwert hat die Zusammenarbeit konkret für die Aktionäre?
Bernhard Gierke: Die Zusammenarbeit eröffnet uns eine Reihe von Synergien. Dies gilt vor allem für den operativen Betrieb, die IT-Infrastruktur, den Einsatz künstlicher Intelligenz sowie die Erfüllung regulatorischer Anforderungen. Ein besonderer Vorteil ist, dass unser Dienstleister über spezialisierte Teams zur Entwicklung optimaler Vermarktungsstrategien für unsere Stromproduktion verfügt. Davon profitieren unsere Aktionäre direkt, weil wir die Umsätze aus dem Portfolio bestmöglich sichern und nach Möglichkeit steigern. In Summe ergibt sich daraus eine niedrigere Kostenbasis bei gleichzeitigem Zugang zu zusätzlichen Fähigkeiten.
SmartCaps: Das Unternehmen hat als europäischer Energieerzeuger ein Portfolio aus Wind- und Solarparks aufgebaut. Wie wollen Sie das Portfolio weiterentwickeln?
Bernhard Gierke: Wir wollen unser Portfolio gezielt und selektiv weiterentwickeln. Gleichzeitig prüfen wir fortlaufend, ob einzelne Beteiligungen noch optimal zu unserem Kerngeschäft passen. Wir sind grundsätzlich bereit, uns von Assets zu trennen, die nicht mehr zu unserer Strategie passen oder nicht mehr die Rentabilitätsvoraussetzungen erfüllen. Solche Verkäufe können sinnvoll sein, wenn eine Verwendung des Kapitals mit höherer Rentabilität möglich ist. So stellen wir sicher, dass unser Portfolio konsequent auf Ertragsstärke ausgerichtet bleibt.
SmartCaps: In welchen Bereichen sehen Sie die größten Hebel für Wertschöpfung in den nächsten Jahren?
Bernhard Gierke: Die größten Hebel sehe ich in der Optimierung der operativen Effizienz, Kapitalstruktur, unserer Stromvermarktung, im gezielten Einsatz von Batteriespeichern sowie dem Heben von Synergieeffekten und den Einsatz moderner Technologien, einschließlich künstlicher Intelligenz. All diese Bereiche bieten uns erhebliches Potenzial, um die Profitabilität unseres bestehenden Portfolios weiter zu steigern.
SmartCaps: Am Strommarkt gibt es immer häufiger Phasen mit negativen Strompreisen. Welche Auswirkungen hat das auf Unternehmen?
Bernhard Gierke: Ein großer Teil unseres Portfolios profitiert von bestehenden Tarifen und langfristig gesicherten Strompreisen. clearvise ist daher nur begrenzt von negativen Preisen betroffen. In solchen Phasen kommt es jedoch immer wieder zu Abregelungen unserer Anlagen im Rahmen des sogenannten Redispatch. Diese Eingriffe werden zwar vergütet, die Auszahlung erfolgt jedoch mit Verzögerung und stellt keinen vollständigen Ausgleich für entgangene Einnahmen dar. Beispielsweise wäre im Geschäftsjahr 2025 unsere Produktion ohne diese Eingriffe rund 58 GWh höher ausgefallen. Genau hier zeigen sich Potenziale für den Einsatz von Batteriespeichern. Sie ermöglichen es uns, Erzeugungsspitzen zu verschieben, von Hochpreisphasen zu profitieren und das Redispatch-Risiko strukturell zu reduzieren.
SmartCaps: Batteriespeicher haben am Markt inzwischen eine hohe Bedeutung für die Integration von erneuerbaren Energien in den Strommarkt. In welcher Form plant das Unternehmen Investitionen in Batteriespeicher?
Bernhard Gierke: Der Markt für Batteriespeicher wächst derzeit dynamisch, da es sich um eine wichtige Technologie zur Ergänzung erneuerbarer Energien, insbesondere von Photovoltaik, handelt. Hier sehen wir erhebliches Potenzial und wollen Batteriespeicherkapazitäten an den Standorten bestehender Anlagen gezielt ausbauen. So können wir Erzeugungsspitzen glätten, unsere Vermarktungsstrategie weiter optimieren und die Bündelung unserer Ressourcen in Wind- und Solarparks sowie Batteriespeicherprojekten konsequent vorantreiben.
SmartCaps: Zum Abschluss: Welche Botschaften sollten Investoren unbedingt mitnehmen, wenn sie das Unternehmen heute als Investmentmöglichkeit betrachten?
Bernhard Gierke: clearvise ist auf dem Weg zu einer auf langfristige Dividendenzahlungen ausgerichteten Gesellschaft mit einem diversifizierten, europäischen Beteiligungsportfolio aus onshore Wind- und Solarparks sowie Batteriespeicherprojekten. Die Zahlen geben uns Rückenwind: Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Konzernumsatz auf 22,3 Millionen Euro inklusive Ausgleichszahlungen für Abregelungen und Redispatch-Maßnahmen und das bereinigte EBITDA auf 16,0 Millionen Euro. Wir bestätigen auf dieser Basis die Jahresprognose 2026 mit einem erwarteten Umsatz von 44,2 bis 46,5 Millionen Euro und einem bereinigten EBITDA von 26,7 bis 28,7 Millionen Euro. Diese Zahlen zeigen unsere operative Ertragskraft. Die nächste Aufgabe besteht darin, daraus dauerhaft stabile Cashflows zu entwickeln und die Kapitalstruktur weiter zu verbessern. Der Börsenkurs spiegelt diese positive Entwicklung aus meiner Sicht nicht wider. Wir werden daher die Positionierung von clearvise als attraktives Investment mit langfristig stabilen Cashflows stärken und planen mit gezielten Investitionen sowie Aktienrückkäufen die Entwicklung des Unternehmenswertes bestmöglich im Sinne der Aktionäre zu unterstützen.
SmartCaps: Herzlichen Dank für die interessanten Informationen!
Autoren der Interviewfragen: Die SmartCaps-Redaktion in Kooperation mit Kirchhoff Consult. Über uns: Das Team von SmartCaps zählt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem „Anlegerbrief“ zu den erfolgreichsten Nebenwerteinvestoren in Deutschland. Das Musterdepot des Anlegerbriefs hat seit 1999 eine Rendite von mehr als 3.470 Prozent oder 14,1 Prozent p.a. (Stand: 22.08.26) erzielt. Mehr dazu finden Sie hier.
Erstellung am 26.08.26 um 10:30 Uhr.
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