Vor Start der Anthropic-Aktie: Gründer sichern sich vor Mega-Börsengang mehr Kontrolle
Vor dem möglichen Milliarden-Debüt an der Börse baut das KI-Unternehmen Anthropic offenbar seine Machtstruktur um, und das hat Folgen für die künftigen Aktionäre.
Werte in diesem Artikel
- Gründer sollen Anthropic-Stimmrechte erhalten, die externe Aktionäre in Schach halten
- Treuhänder-Gremium behält trotzdem Einfluss auf den Verwaltungsrat
- Wachstumstempo soll die Bewertung vor der Erstnotiz rechtfertigen
Anthropic bereitet einem Bericht von Reuters zufolge zusätzliche Stimmrechte für Mitgründer wie CEO Dario Amodei vor, um sie vor dem Druck durch externe Aktionäre abzuschirmen. Der Schritt fällt in eine Phase, in der der Entwickler des Chatbots Claude einen Börsengang vorbereitet, der zu den größten der Geschichte zählen könnte. Für künftige Anleger verschiebt sich damit jedoch die Machtbalance zwischen Kapitalgebern und Gründerkreis.
Vorbild SpaceX-Aktie - Mehr Macht für die Anthropic-Gründer
Reuters berichtete in dieser Woche unter Berufung auf The Information, Anthropic bereite eine eigene Aktienklasse mit zusätzlichen Stimmrechten für Dario Amodei und weitere Mitgründer vor. Es wäre das erste Mal, dass die Führung des Unternehmens über solche Superstimmrechte verfügt. Denn anders als bei vielen Tech-Gründern halten der CEO und seine Mitstreiter nur kleine Kapitalanteile, Amodei selbst besitzt laut The Information nur rund 2 Prozent an Anthropic. Details zur genauen Verteilung der neuen Superstimmrechte und ihrem Verhältnis zu den normalen Aktien blieben laut Reuters bislang offen, die Pläne könnten sich bis zur Prospektveröffentlichung noch ändern.
Reuters ordnet den Vorstoß in ein bekanntes Muster ein: Dual-Class-Strukturen mit Superstimmrechten für Gründer kommen etwa auch bei SpaceX unter Elon Musk oder bei Meta zum Einsatz, wo CEO Mark Zuckerberg über rund 60 Prozent der Stimmrechte verfügt, obwohl sein Kapitalanteil deutlich kleiner ausfällt. Ein solches Modell soll offenbar auch Anthropic vor kurzfristigem Druck externer Investoren schützen, sobald das Unternehmen an die Börse geht.
Treuhänder-Gremium bleibt Kontrollinstanz
Parallel zur neuen Aktienklasse will Anthropic den bestehenden Long-Term Benefit Trust beibehalten. Über eine spezielle, nicht-wirtschaftliche Aktienklasse soll dieses Gremium weiterhin das Recht behalten, die Mehrheit der Mitglieder des Verwaltungsrats zu bestimmen, der aus sieben Personen besteht. Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert und damit rechtlich verpflichtet, wirtschaftlichen Erfolg mit gesellschaftlichem Nutzen auszubalancieren, der Trust soll diesen Auftrag absichern. Zum Beratergremium zählt laut The Information auch der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke.
Das aktive Gremium wurde im August 2026 verkleinert: Mariano-Florentino Cuéllar, ehemals Richter am Obersten Gerichtshof von Kalifornien, wechselte im August 2026 intern auf die Position des Chief Global Affairs Officer bei Anthropic, wie das Unternehmen am 4. August 2026 mitteilte. Dadurch reduzierte sich der Kreis der aktiven Trust-Mitglieder laut The Information auf drei Personen.
Wachstum als Bewertungstreiber
Der Umbau der Kontrollstruktur fällt in eine Phase rasanten Wachstums. Anthropics annualisierte Umsatzrate stieg zuletzt von rund 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025 über 47 Milliarden US-Dollar im Mai 2026 auf mehr als 65 Milliarden US-Dollar Ende Juli 2026. Intern rechnet das Unternehmen für 2028 mit einem Jahresumsatz von 190 bis 200 Milliarden US-Dollar. An dieser Prognose hängt laut Reuters auch die für den Börsengang diskutierte Bewertung. Als Vergleichsmaßstab ziehen Marktbeobachter unter anderem Cloudflare, Palantir und SpaceX heran. Tatsächlich wäre es denkbar, dass SpaceX bei seinem geplanten IPO den bisherigen Rekord von SpaceX übertreffen könnte. Gerüchte sprechen von einer beim Börsengang erwarteten Bewertung von rund 2 Billionen US-Dollar. SpaceX hatte bei seinem Mega-Börsengang auf Basis des Ausgabepreisese "nur" eine Bewertung von 1,77 Billionen US-Dollar erzielt.
Marktkapitalisierung von Anthropic-Aktie dürfte Veeva Systems schlagen
Sollte der Börsengang wie geplant zustande kommen, würde der Börsenwert von Anthropic unter anderem auch den des Softwareanbieters Veeva Systems deutlich übertreffen und der KI-Konzern damit laut The Information zur wertvollsten an einer US-Börse gehandelten Public Benefit Corporation aufsteigen. Bereits im Mai 2026 hatte eine Serie-H-Finanzierungsrunde das Unternehmen mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet, mehr als doppelt so hoch wie die 380-Milliarden-Bewertung im Februar 2026.
Ob und wann Anthropic den Sprung an die Börse tatsächlich vollzieht, hängt vor allem von der offiziellen Prospektveröffentlichung ab, die laut Reuters noch nicht final feststeht. Anleger dürften dann vor allem beobachten, wie die Aufteilung zwischen Gründeranteilen und dem Long-Term Benefit Trust am Ende aussieht, denn davon hängt ab, wie viel Mitsprache externe Aktionäre nach der Erstnotiz tatsächlich erhalten werden.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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