Anthropic-Aktie vor dem Börsengang: Welche Chancen und Risiken bei dem möglichen Rekord-IPO bestehen
Der KI-Konzern hinter Claude steuert auf einen der größten Börsengänge der Geschichte zu, doch was macht die Anthropic-Aktie für Anleger wirklich interessant?
Werte in diesem Artikel
- Anthropic reichte im Juni 2026 vertraulich Unterlagen für einen Börsengang ein
- Letzte Bewertung lag bei 965 Milliarden US-Dollar nach frischem Kapital
- Compute-Kosten und die Governance-Struktur bleiben zentrale Risiken
Anthropic, der Entwickler des Chatbots Claude, hat laut eigenen Angaben am 1. Juni vertraulich die Unterlagen für einen Börsengang, ein sogenanntes S-1-Filing, bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Nach Angaben des Wall Street Journal peilte das Unternehmen ein Listing an der NASDAQ zunächst im September oder Oktober an.
Laut Reuters könnte sich der Zeitplan nun jedoch konkretisieren: Demnach dürfte das Unternehmen frühestens Mitte Oktober mit der Vermarktung des Börsengangs beginnen. Die Veröffentlichung des Börsenprospekts, die ursprünglich bereits für die kommenden Wochen erwartet worden war, soll demnach nun Ende September erfolgen. Gleichzeitig arbeitet Anthropic an einer revolvierenden Kreditlinie über 15 Milliarden US-Dollar. Die Pläne sind allerdings noch nicht endgültig und können sich im Zuge der weiteren IPO-Vorbereitungen erneut ändern. Auch der Ausgabepreis steht noch nicht fest.
Anthropic-Aktie steuert auf die NASDAQ zu
Das Bankenkonsortium für den Börsengang führen laut mehreren Berichten Goldman Sachs, Morgan Stanley und JPMorgan an. Die drei Häuser organisierten im Sommer 2026 erste Investorentreffen, ein klassischer Vorlauf zur eigentlichen Roadshow. Sollte der Zeitplan halten, wäre es der erste Börsengang eines führenden KI-Labors dieser Größenordnung.
Wachstum treibt die Bewertung
Anthropic hat sich in wenigen Jahren vom Herausforderer zum ernsten Rivalen von OpenAI entwickelt. Während OpenAI mit ChatGPT auf ein breites Publikum setzt, konzentriert sich Anthropic auf Werkzeuge für Softwareentwickler und Unternehmen. Vor allem das Produkt Claude Code hat den Umsatz kräftig angeschoben.
Nach vorläufigen, von Bloomberg eingesehenen Unterlagen sprang der Umsatz von rund 4,7 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal 2026 auf über 11,5 Milliarden US-Dollar im zweiten Quartal, mehr als das Zwölffache des Vorjahresquartals. Im selben Zeitraum erzielte Anthropic laut denselben Unterlagen erstmals ein positives bereinigtes operatives Ergebnis. Medienberichten zufolge lag der annualisierte Umsatz zur Jahresmitte 2026 bei rund 47 bis 65 Milliarden US-Dollar, deutlich über etwa 9 Milliarden US-Dollar Ende 2025. Getragen wird das Wachstum auch von milliardenschweren Investitionen großer Technologiekonzerne wie Amazon, NVIDIA, Microsoft und Alphabet, die sich frühzeitig Anteile am KI-Anbieter sicherten.
Warum die Anthropic-Aktie für Anleger reizvoll wirkt
Die letzte private Bewertung lag nach einer Kapitalrunde über 65 Milliarden US-Dollar im Mai bei rund 965 Milliarden US-Dollar. Medienberichten von Fortune zufolge wird im Vorfeld des Börsengangs sogar über eine Bewertung von bis zu zwei Billionen US-Dollar spekuliert, was den Börsengang von SpaceX aus Juni übertreffen würde. Diese Zahl ist eine Markteinschätzung, keine bestätigte Kennziffer.
Für Anleger spricht die Marktstellung im margenstarken Geschäft mit KI-Werkzeugen für Entwickler, verbunden mit einem nach Angaben des Wall Street Journal auf über 30 Billionen US-Dollar taxierten Zielmarkt. Ein derart großes und liquides Listing könnte zudem in wichtige Technologieindizes aufgenommen werden und dadurch passive Nachfrage anziehen, sobald die Aktie handelbar ist.
Die Kehrseite: Kapitalbedarf und eine ungewöhnliche Führungsstruktur
Trotz des Gewinnsprungs bleibt das Geschäft extrem kapitalintensiv. Anthropic hat sich laut Berichten von Axios und TechCrunch verpflichtet, bis Mai 2029 monatlich 1,25 Milliarden US-Dollar an SpaceX für Rechenleistung zu zahlen, in Summe mehr als 40 Milliarden US-Dollar über die Vertragslaufzeit. Solche langfristigen Compute-Verträge sichern zwar dringend benötigte Kapazität, verpflichten Anthropic aber zugleich zu enormen Zahlungen in den kommenden Jahren.
Hinzu kommt eine ungewöhnliche Unternehmensstruktur. Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert, und der Long-Term Benefit Trust hält eine spezielle Aktienklasse ohne wirtschaftlichen Wert, die im Zeitverlauf die Mehrheit des Vorstands bestimmen soll. Berichten zufolge sollen zudem die Gründer Dario und Daniela Amodei stimmrechtsstarke Aktien erhalten. Öffentliche Anleger dürften damit kaum direkten Einfluss auf die Unternehmensführung erhalten.
Politischer Streit mit der US-Regierung entschärft sich
Der politische Konflikt mit der US-Regierung hat sich zumindest vorübergehend entschärft. Ein Bundesrichter in Kalifornien entschied am 27. August, dass die Einstufung von Anthropic als Sicherheitsrisiko für Lieferketten rechtswidrig und eine Vergeltungsmaßnahme war, nachdem das Unternehmen dem Verteidigungsministerium keinen uneingeschränkten Zugriff auf seine Modelle gewähren wollte. Die Regierung dürfte Berufung einlegen, ein paralleles Verfahren zu einer verwandten Einstufung läuft zudem noch vor einem weiteren Gericht. Endgültig ausgestanden ist der Streit damit nicht.
Der nächste konkrete Meilenstein ist die öffentliche Version des Börsenprospekts, die üblicherweise kurz vor der eigentlichen Roadshow veröffentlicht wird. Erst darin dürften Preisspanne, Aktienzahl und ein festes Datum stehen, an denen sich die bisherigen Schätzungen messen lassen.
Alexandra Hesse, Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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