Kaufsignal oder Modellrechnung? Warum ein Analyst eine Kursverdopplung der Intel-Aktie für möglich hält
Ein Analyst überrascht Anleger mit einer gewagten These für die Intel-Aktie: das Papier könnte sich binnen zwei Jahren verdoppeln. Das sind die Gründe.
Werte in diesem Artikel
- Melius Research-Analyst Ben Reitzes stellt gewagte 200-US-Dollar-These auf
- Foundry-Geschäft und 14A-Fertigung als Werttreiber
- Expertenkonsens nach starkem Lauf vorsichtig
Melius Research-Analyst Ben Reitzes hat nicht nur sein Kursziel für die Intel-Aktie bekräftigt, sondern hält auch eine Verdopplung des Kurses innerhalb von nur zwei Jahren für möglich. Treiber dieser Bewegung soll vor allem das Foundry-Geschäft des Chipherstellers sein. Verglichen mit dem Analystenkonsens lehnt sich Reitzes mit seiner Einschätzung weit aus dem Fenster.
Foundry-Geschäft treibt Kursziel-Fantasie
Vergangene Woche bekräftigte Ben Reitzes von Melius Research seine Kaufempfehlung für die Intel-Aktie in einer Kundenmitteilung, wie investing.com berichtet. Aufsehen erregt der Experte dabei vor allem mit einer gewagten These: Das Papier des in Santa Clara ansässigen Chipherstellers könnte in den kommenden 24 Monaten gar auf 200 US-Dollar steigen, zumindest gebe das eine "Sum-of-the-Parts-Bewertung", kurz SOTP, her. Treiber soll demnach der steigende Wert des Foundry-Geschäfts im Zuge des KI-getriebenen Wettlaufs um eine heimische Chipproduktion sein. Laut investing.com erwartet Reitzes, dass das Foundry- und Produktgeschäft jeweils einen Wert von 80 US-Dollar (je Aktie) haben könnten.
Darüber hinaus wertete der Analyst den im August abgeschlossenen Aktienverkauf im Wert von 20 Milliarden US-Dollar zu 95 US-Dollar je Aktie zur Finanzierung eben dieser Foundry-Ambitionen als Zeichen der Überzeugung. Intel hatte das Angebot im August auf 20 Milliarden US-Dollar aufgestockt und wollte die Nettoerlöse von rund 19,7 Milliarden US-Dollar für allgemeine Unternehmenszwecke einschließlich Investitionsausgaben verwenden. Reitzes bezeichnete die Foundry-Sparte angesichts der Konzentration der modernen Chip-Produktion in Taiwan als entscheidend für die nationale Sicherheit der USA und deutete an, dass sie um das Jahr 2030 als eine Art nationaler Champion der US-Foundry-Industrie ausgegliedert werden könnte. Als strategische Unterstützer nannte er die US-Regierung, NVIDIA und SoftBank; Befürchtungen, Präsident Trump könnte einen Teil der Regierungsbeteiligung verkaufen, bezeichnete er als übertrieben.
Die Rechnung hinter Intels 200-Dollar-Szenario
Die Rechnung hinter dem oberen Szenario stützt sich laut Reitzes auf zwei Säulen. Erstens müsste Intels Fertigungsprozess 14A im Jahr 2028 in die Massenproduktion gehen; verpflichten sich Apple, Tesla und ein weiterer Hyperscaler zu dem Verfahren, könnte dieser Teil der Story rund 100 US-Dollar je Aktie wert sein. Zweitens könnten stabile Serverprozessor-Preise, Nachfrage nach KI-Agenten-Chips und höhere Durchschnittspreise bei KI-PCs mehr als vier US-Dollar zusätzlichen Gewinn je Aktie bringen.
Zusätzliche Fantasie lieferten zudem Gespräche, wonach SK hynix einen Teil von Intels Werk in Ohio mieten könnte, um erstmals in den USA zu fertigen; ein Deal stand zum Berichtszeitpunkt noch nicht fest.
Analystenkonsens bleibt zurückhaltend
Mit dem offiziellen Kursziel von 165 US-Dollar reiht sich Melius Research-Analyst Ben Reitzes im oberen Drittel der Experteneinschätzungen ein. Denn die 32 Analysten, die eine Bewertung für die Intel-Aktie abgegeben haben, kommen auf ein durchschnittliches Kursziel von 117,56 US-Dollar. Dabei reicht die Spanne von 80 bis 200 US-Dollar.
Interessant ist vor allem, dass der Kern der Analysten seit dem starken Lauf der Aktie in diesem Jahr vorsichtiger geworden sind. 23 der 32 Experten stufen das Papier mit "Hold" ein, sieben raten zum Kauf und zwei zum Verkauf. Reitzes gehört damit sowohl mit seinem offiziellen Kursziel als auch mit seiner gewagten 200-US-Dollar-These zu den größten Bullen für den Chiphersteller.
Kaufsignal oder ambitionierte Modellrechnung?
Wer aus Reitzes' 200-US-Dollar-These ein klares Kaufsignal ableitet, überliest die Konjunktive in seiner eigenen Rechnung. Die "Sum-of-the-Parts"-Bewertung ist kein Kursziel im klassischen Sinn, sondern ein Szenario, das an mehrere noch unbestätigte Ereignisse geknüpft ist: den Produktionsstart von 14A im Jahr 2028, feste Zusagen von Apple, Tesla und weiteren Hyperscalern zu diesem Verfahren sowie eine mögliche Ausgliederung der Foundry-Sparte um das Jahr 2030. Selbst Reitzes' eigenes offizielles Kursziel liegt mit 165 US-Dollar deutlich unter seinem Extremszenario, und schon dieses Kursziel sitzt bereits am oberen Rand der Analystenspanne.
Aufschlussreicher als die Zielmarke ist deshalb der Blick auf den Konsens dahinter: 23 der 32 bewertenden Analysten stufen die Intel-Aktie nach dem Kurslauf dieses Jahres mit "Hold" ein, nur sieben raten zum Kauf. Der Markt scheint also bereits einen Großteil der Foundry-Fantasie eingepreist zu sehen, während die konkrete Bestätigung fehlt, allen voran verbindliche Kundenzusagen zu 14A oder ein finalisierter Deal mit SK hynix zum Werk in Ohio. Bis solche Meilensteine tatsächlich eintreten, bleibt die 200-Dollar-Marke eine Wette auf mehrere Wenn-dann-Ketten, keine belastbare Prognose.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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