Micron-Aktie vor Zahlen: Jagt der Speicherchipriese KI-Platzhirsch NVIDIA die Krone ab?
Ein Gewinnsprung von rund 940 Prozent könnte heute Abend eine Rangordnung kippen, die an der Wall Street seit Jahren als gesetzt gilt.
Werte in diesem Artikel
- Micron legt nach US-Börsenschluss Zahlen zum vierten Geschäftsquartal vor
- Beim Gewinnwachstum im S&P 500 könnte Micron erstmals NVIDIA überholen
- JPMorgan und Baird rechnen vor den Zahlen mit einem starken Quartal
Wenn Micron Technology heute nach US-Börsenschluss die Zahlen zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 vorlegt, schaut nicht mehr nur die Speicherbranche hin, sondern der gesamte US-Aktienmarkt.
Der Konzern selbst hat für das im August beendete Vierteljahr einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt, mit einer Schwankungsbreite von einer Milliarde nach oben und unten. Beim bereinigten Gewinn je Aktie peilt das Management 31 US-Dollar an, nach 3,03 US-Dollar im Vorjahresquartal. Gelingt dieser Sprung, könnte der Speicherchiphersteller dem KI-Platzhirsch NVIDIA eine Krone abnehmen, die an der Wall Street lange als fest vergeben galt.
Micron-Aktie: Wachablösung beim Gewinnwachstum im S&P 500
Worum es dabei geht, zeigt ein Bericht von MarketWatch. Erfüllt Micron die Erwartungen, würde der Konzern nach Berechnungen von Seaport Research Partners erstmals seit mindestens zweieinhalb Jahren den größten Beitrag zum Gewinnwachstum im S&P 500 leisten, noch vor NVIDIA und allen anderen Technologieschwergewichten. Der Analystenkonsens sieht für das Quartal bis Ende August ein Plus beim Gewinn je Aktie von rund 940 Prozent.
Jake Behan, Leiter Kapitalmärkte bei Direxion, verortet Micron gegenüber MarketWatch am Schnittpunkt zweier großer Marktthemen: der Ausdauer der KI-Ausgaben und der ungewöhnlich schmalen Führung weniger Technologiewerte. Sei die Marktführerschaft so eng, werde ein einzelner Quartalsbericht selbst zum Marktereignis.
Beim absoluten Gewinn bleibt NVIDIA klar vorn
Ein genauer Blick auf die Zahlen relativiert das Bild allerdings. Die Krone, um die es geht, ist die des Wachstumsbeitrags, nicht die des größten Gewinns. Im zweiten Quartal seines Geschäftsjahres 2027, das am 26. Juli endete, verdiente NVIDIA bereinigt rund 54 Milliarden US-Dollar und damit 118 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Micron kam im dritten Geschäftsquartal bis Ende Mai auf knapp 29 Milliarden US-Dollar, nach knapp 2,2 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Der Rekordsprung speist sich damit auch aus einer niedrigen Ausgangsbasis, wie sie für einen klassischen Zykliker typisch ist. Jonathan Golub, Chefstratege bei Seaport, betont gegenüber MarketWatch denn auch, das Gewinnwachstum im Index bliebe selbst ohne Micron außergewöhnlich stark.
Genau an der Frage der Zyklik setzt die offizielle Lesart des Managements an. Micron hat mit Großkunden mehrjährige strategische Lieferverträge geschlossen, die nach den Worten von Konzernchef Sanjay Mehrotra von Ende Juni die Beständigkeit und Planbarkeit der Ergebnisse deutlich erhöhen sollen. Harlan Sur, Analyst bei JPMorgan, zählte kurz darauf bereits 16 solcher Vereinbarungen nach nur einer im Vorquartal. Belastbar wird die These allerdings erst, wenn die bereinigte Bruttomarge, die im dritten Quartal binnen eines Jahres von 39 auf knapp 85 Prozent gesprungen ist, auch bei nachlassender Preisdynamik hält.
Kursziele: Analysten trauen beiden Aktien noch mehr zu
Mit Blick auf die Experteneinschätzungen fällt das Kräftemessen deutlich ausgeglichener aus. Beide Aktien kommen im Konsens laut Daten von TipRanks auf ein „Strong Buy“, das durchschnittliche Kursziel liegt bei Micron bei 1.501,84 US-Dollar und bei NVIDIA bei 324,32 US-Dollar.
Beim Grafikchipriesen startete Piper Sandler am 9. September die Abdeckung mit „Overweight“ und einem Kursziel von 300 US-Dollar, Analyst David O'Connor sieht den KI-Ausbau in einer Rückkopplungsschleife, die immer mehr Rechenleistung verlangt. Der Konzern aus Santa Clara unterstrich seine Finanzkraft am Montag mit einer Aufstockung des Rückkaufprogramms um 150 Milliarden auf 235 Milliarden US-Dollar, das bis zum Geschäftsjahr 2028 laufen soll.
Bei Micron legten zwei Häuser unmittelbar vor den Zahlen nach. JPMorgan bestätigte am Montag die Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 1.540 US-Dollar. Analyst Harlan Sur rechnet damit, dass Micron die Konsensschätzungen von 51,4 Milliarden US-Dollar Umsatz, 86,2 Prozent Bruttomarge und 31,73 US-Dollar Gewinn je Aktie übertrifft. Die vom Management angekündigte deutliche Verlangsamung der Preisanstiege deutet er als Folge langfristiger Kundenabschlüsse, nicht als Zeichen schwächerer Nachfrage. Baird hob das Kursziel am selben Tag von 1.280 auf 1.520 US-Dollar an und bleibt bei „Outperform“. Analyst Tristan Gerra begründet das in seiner Studie mit der stark gestiegenen Nachfrage nach agentischer KI, einem langsameren Wachstum des DRAM-Angebots im Jahr 2027 und einem höheren Margenprofil bei HBM-Speicher im kommenden Jahr.
Was heute Abend über die Krone entscheidet
Den Ausschlag dürfte weniger das abgelaufene Quartal geben als der Ausblick auf das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027. Er zeigt, ob Micron die Preise trotz der gebremsten Dynamik halten kann und wie schnell der Hochlauf von HBM4 vorankommt, das nach Konzernangaben bereits im Juni in großen Stückzahlen für die Plattform des wichtigsten Kunden ausgeliefert wurde. Überzeugt der Ausblick, würde Micron seine neue Rolle als Gradmesser des KI-Ausbaus festigen. Enttäuscht er, stünde neben dem Kurs auch die These auf dem Prüfstand, dass sich das Speichergeschäft vom alten Zyklus gelöst hat. Erste Antworten liefert die Telefonkonferenz ab 22:30 Uhr deutscher Zeit.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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