Darum setzt Goldman Sachs im KI-Rennen auf "HALO"-Aktien
Ein relativ neuer Börsenbegriff sorgt für Aufsehen: Warum ausgerechnet Europas "unsexy" Aktien plötzlich zu den heißesten Profiteuren des KI-Booms zählen könnten.
Werte in diesem Artikel
• Goldman Sachs überträgt sein HALO-Konzept auf Schwellenländer mit einem Kursplus von 115 Prozent seit Ende 2025
• Europas kapitalintensive Branchen gelten als mögliche Gewinner eines Anti-KI-Trades
• Analysten nennen BMW, ASML, Equinor und weitere Aktien als mögliche Profiteure
Was ein HALO-Unternehmen ausmacht
Goldman Sachs führte am 24. Februar das sogenannte HALO-Konzept ein, die Abkürzung für "Heavy Assets, Low Obsolescence". Gemeint sind Unternehmen mit hohem Anteil an physischem Kapital und dauerhafter wirtschaftlicher Relevanz, etwa aus den Bereichen Energie, Versorgung, Verkehrsinfrastruktur und Maschinenbau. Der Begriff selbst geht auf Josh Brown, Chef von Ritholtz Wealth Management, zurück, der ihn im Februar 2026 erstmals in seinem Blog prägte. Nach seiner Einschätzung sind kapitalarme, margenstarke Geschäftsmodelle, die lange eine Stärke des US-Marktes waren, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz zu einem Nachteil geworden. "Es geht nicht darum, was Europa hat, sondern darum, was Europa nicht hat", wie Morningstar Brown zitiert.
Europa als möglicher Anti-KI-Trade
Ein Großteil der Attraktivität des europäischen HALO-Effekts hängt laut Siddhi Purohit, Portfoliomanager bei RBC BlueBay Asset Management, mit der Index-Gewichtung zusammen: Der europäische Markt bestehe zu rund 38 Prozent aus Unternehmen mit hohem Sachwertanteil und zu 47 Prozent aus dienstleistungsorientierten Unternehmen, während diese Anteile in den USA bei 18 beziehungsweise 67 Prozent lägen, wie Morningstar unter Berufung auf Purohit schreibt. Purohit bezeichnete diese Gewichtsunterschiede als "entscheidend". Diese Gewichtung gilt als ein Grund, warum Europa im Zusammenhang mit dem HALO-Trend besondere Aufmerksamkeit erhält. Goldman Sachs bezifferte laut der Analyseplattform die Outperformance seines Korbs aus mehr als 130 kapitalintensiven europäischen Unternehmen gegenüber kapitalarmen Werten bereits im Februar 2026 auf 35 Prozent seit Anfang 2025. Zu den zu diesem Zeitpunkt genannten Outperformern zählten BMW, Rio Tinto, Holcim, Kering, Eni, Campari, Nestlé und Rheinmetall, während SAP, TUI und Adyen zu den unter Druck stehenden kapitalarmen Werten gehörten. Als Beispiel für ein durch KI besonders wenig ersetzbares Geschäftsmodell nannte Morningstar den norwegischen Energiekonzern Equinor, dessen Aktie mit einem Plus von 88 Prozent zu den bis dahin stärksten Werten im Morningstar Europe Index zählte, sowie den Öltanker-Betreiber Frontline mit einem Plus von 49 Prozent.
Ritholtz-Chef Brown rät Anlegern laut Morningstar, ihr Augenmerk besonders auf jene kleine Gruppe von Aktien zu richten, die von beiden Seiten des KI-Trends profitieren können - diese seien "nicht nur nicht durch KI zu verdrängen, sondern profitieren sogar vom Ausbau". Halbleiterunternehmen seien dafür ein wichtiges Beispiel, da ihre Produkte zwar physischer Natur, für den Ausbau der KI jedoch unverzichtbar seien; den niederländischen Chipfertigungsausrüster ASML bezeichnete Brown laut Morningstar als "extrem HALO".
Goldman Sachs selbst hob laut Morningstar in seinen Empfehlungen zudem den Chiphersteller STMicroelectronics sowie die Telekommunikationsunternehmen Orange, Vodafone und Telefónica hervor, da deren physische Produkte für den Ausbau von KI-Infrastruktur als unverzichtbar gelten.
HALO-Trend erreicht auch Schwellenländer
Goldman Sachs übertrug sein Konzept in einer weiteren Studie auch auf Schwellenländer. Ein Korb aus kapitalintensiven Unternehmen dieser Länder, etwa aus den Bereichen Stromnetze, Versorger und verarbeitendes Gewerbe, kam demnach seit Ende 2025 auf ein Plus von 115 Prozent, während kapitalarme Werte im selben Zeitraum nur 7 Prozent zulegten (Stand: 05. Juni 2026). Trotz der Kursrally handeln die kapitalintensiven Schwellenländeraktien laut Goldman Sachs weiterhin mit einem Abschlag von rund 20 Prozent gegenüber kapitalarmen Vergleichswerten. "Die massive Investition in Sachwerte bleibt ein anhaltender Rückenwind für kapitalintensive Aktien", schreiben die Goldman Sachs-Analysten Sunil Koul und Tarun Lalwani.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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