"We Must Act Now": Alarm aus Stanford - Warum führende Ökonomen jetzt vor KI warnen
Ein Stanford-Statement zur ökonomischen KI-Transformation vereint über 2.300 Ökonomen und Forscher und spaltet zugleich die Zunft.
• Über 2.300 Unterzeichner, darunter viele Nobelpreisträger
• Kritik: Steuerung "zu vage", warnt Ökonom John Cochrane
• Gegenposition: KI-Steuerung habe "oberste Priorität"
"We Must Act Now"
In ihrem Statement "We Must Act Now" warnen die Autoren, KI könne in den kommenden zehn Jahren radikal leistungsfähiger werden. Damit einher gehe potenziell ein wirtschaftlicher Umbruch, der die Industrielle Revolution an Ausmaß übertreffe, sich aber in einem deutlich kürzeren Zeitraum vollziehe. Die Unterzeichner sehen darin sowohl Risiken, etwa große Jobverluste, als auch Chancen wie spürbare Verbesserungen des Lebensstandards.
Sie fordern Ökonomen, politische Entscheidungsträger und Technologieführer auf, jetzt zu handeln: Die ökonomischen Zusammenhänge transformativer KI müssten verstanden und die nötigen Anreize, Leitplanken und Institutionen aufgebaut werden, damit KI den Menschen ergänze statt ihn zu ersetzen, zum Nutzen der gesamten Gesellschaft.
Vorsicht statt Nachsicht
Organisiert wurde das Statement laut Stanford Digital Economy Lab von den Ökonomen Erik Brynjolfsson, Ajay Agrawal, Anton Korinek und Tom Cunningham. Unter den Erstunterzeichnern seien sechzehn Nobelpreisträger, darunter Michael Spence und Daron Acemoglu. Brynjolfsson betonte laut Mitteilung, die Fähigkeiten der KI entwickelten sich schneller als das Verständnis ihrer ökonomischen Folgen, weshalb es jetzt darauf ankomme, KI so zu steuern, dass sie Wohlstand breit statt nur für wenige schaffe.
Korinek verwies darauf, frühere Technologien wie Dampfkraft, Elektrizität und Computer hätten Gesellschaften Jahrzehnte zur Anpassung gegeben, bei KI blieben womöglich nur wenige Jahre. Laut der Stanford-Mitteilung von Mitte Juli hatten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mehr als 200 Ökonomen und KI-Forscher unterzeichnet, Stand 21.07.2026 ist die Zahl der Unterschriften auf über 2.700 gestiegen.
Meinungen zu der Initiative
Besonders scharf äußerte sich der Ökonom John Cochrane von der Hoover Institution in Stanford auf der Plattform X. Er reagierte mit unverhohlenem Spott auf die Forderung, "Policymaker" müssten KI "steuern", noch bevor überhaupt klar sei, wie eine solche Steuerung aussehen solle.
You must be kidding. AI might have big effects. It could have risks. So "policymakers," must "act now," before they have any idea what they’re doing, to "build the incentives, guardrails, and institutions needed to steer AI in a direction that complements humans and benefits… https://t.co/0ju3uvlnnb
Werbung- John Cochrane (@JohnHCochrane) July 13, 2026
Sarkastisch merkte er an, es sei ein Glück, dass sich damals kein selbsternannter "Policy Maker" berufen gefühlt habe, die Dampfmaschine zu "steuern", schließlich hätten genau solche Eingriffe die Entwicklung der Kernenergie ruiniert. Präventiver Dirigismus bringe die Technologiebranche in Europa bereits um, so Cochrane. Wenn dieselben Politiker stattdessen ihre eigenen Trümmerhaufen in den Griff bekämen, marode Sozialprogramme, restriktives Baurecht, empörend hohe Infrastrukturkosten, ein kaputtes Steuersystem und ein scheiterndes Schulsystem, wäre er eher bereit, ihnen auch noch einen "vagen KI-Feldzug" anzuvertrauen, so seine bissige Schlussfolgerung.
MIT-Ökonom Daron Acemoglu begründete seine Unterschrift dagegen ausführlich in einem eigenen Beitrag auf X.
Why did I sign this statement?
- Daron Acemoglu (@DAcemogluMIT) July 13, 2026
First, I had a hand in revising it, after the organizers reached out to me. I did not feel like I could sign the initial version, but I felt that finding a statement that would reflect the overlapping views of a number of AI researchers,… https://t.co/yiWGHbjhHD
Er sei an der Überarbeitung der ursprünglichen Fassung beteiligt gewesen, die er in ihrer ersten Version noch nicht hätte unterzeichnen können. Ihm sei aber wichtig gewesen, eine Formulierung zu finden, die die gemeinsame Position von KI-Forschern, Ökonomen und Sozialwissenschaftlern abbilde. Inhaltlich halte er es für plausibel, dass KI in den kommenden zehn Jahren deutlich leistungsfähiger werde, auch wenn er die von der Industrie erwarteten Produktivitätsgewinne für keineswegs sicher halte.
Deutlich wahrscheinlicher erscheine ihm dagegen ein erhebliches Risiko durch Jobverluste sowie weitreichende Folgen für die menschliche Kognition, von der Schulbildung bis zur Wissenschaft, mit sowohl positiven als auch gefährlichen Effekten. Den Vergleich mit der Industriellen Revolution finde er zwar nicht ganz treffend, dennoch stimme er dem Kernsatz des Statements uneingeschränkt zu: dass es Anreize, Leitplanken und Institutionen brauche, damit KI den Menschen ergänze statt ersetze.
Genau dafür argumentiere er seit über zehn Jahren, denn der aktuelle Fokus auf allgemeine künstliche Intelligenz sei faktisch eine Agenda zur Verdrängung des Menschen aus sinnstiftender Arbeit, weshalb die Steuerung von KI oberste Priorität haben müsse.
Markus Maier, Redaktion finanzen.net
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