Chip-Ermittlungen erschüttern Super Micro - Anleger flüchten - in die Dell-Aktie?

Eine Razzia im Zusammenhang mit Ermittlungen zu mutmaßlichen Exportverstößen setzt Super Micro erneut unter Druck. Marktbeobachter sehen jetzt Chancen für Konkurrent Dell.
Werte in diesem Artikel
• Ermittlungen in Taiwan belasten Super Micro
• Dell entwickelt sich operativ und an der Börse deutlich stärker
• Weitere Behördenentscheidungen und Quartalszahlen rücken in den Fokus
Taiwanesische Ermittler haben am 29. Juni 2026 die Büros von Super Micro Computer und mehrere Standorte verbundener Firmen in Taipeh durchsucht. Die Razzia ist Teil einer ausgeweiteten Untersuchung zum mutmaßlichen Schmuggel von NVIDIA-Chips nach China und trifft eine Aktie, die ohnehin auf wackligen Beinen steht.
Im NASDAQ-Handel verlor die Super Micro Computer-Aktie am Montag 8,10 Prozent auf 28,15 US-Dollar. Damit summierten sich die Verluste auf Sicht von fünf Handelstagen auf fast 16 Prozent. Am Dienstag deutete sich eine erste Gegenbewegung an: So ging es 4,19 Prozent auf 29,33 US-Dollar nach oben. Doch aus der Welt sind die Ereignisse damit noch nicht: Während Super Micro mit Ermittlern, Anwälten und verunsicherten Investoren ringt, beobachten Analysten einen klaren Profiteur des Vertrauensschadens.
Razzia mit politischer Schlagseite
Nach Angaben des Keelung District Prosecutors Office wurden die Wohnsitze von sechs Personen sowie drei Standorte verbundener Unternehmen durchsucht. Unter den Adressen war laut einem Bericht von Bloomberg auch Super Micros Niederlassung in Taiwan. Die Ermittler stützen sich auf nationale Strafnormen wie Urkundenfälschung und Untreue, die Namen der Beschuldigten wurden nicht genannt. Bereits im Mai 2026 hatte die Behörde drei Personen festnehmen und 50 Server beschlagnahmen lassen. Damals verkaufte Super Micro die Aktion noch als Kooperation gegen die unzulässige Weiterleitung von Server-Technologie. Die aktuelle Welle ist nach Bloomberg-Angaben das erste öffentliche Vorgehen Taiwans in dieser Größenordnung gegen die Diversion von KI-Hardware nach China, nach Jahren US-amerikanischen Drucks.
Wally Liaw und der lange Schatten der März-Anklage
Der Druck auf Super Micro hatte sich bereits Anfang des Jahres aufgebaut. Am 19. März 2026 entsiegelte die US-Staatsanwaltschaft für den Southern District of New York eine Anklage gegen Super Micro-Mitgründer Yih-Shyan "Wally" Liaw sowie zwei weitere Personen wegen mutmaßlicher Verstöße gegen US-Exportkontrollen. Liaw, bis dahin Senior Vice President of Business Development und Verwaltungsratsmitglied, trat noch am selben Tag zurück. Super Micro selbst ist in der Anklage nicht als Beschuldigter genannt, wie aus dem 8-K-Filing bei der SEC vom 19. März 2026 hervorgeht. Die Aktie reagierte damals mit einem Kursrutsch von 33 Prozent auf 20,53 US- Dollar an der NASDAQ. Das ist ein Niveau, das nach den jüngsten Verlusten wieder in Reichweite gerät.
Dell wittert die Lücke
Während Super Micro nachgibt, profitiert die Konkurrenz. Die Aktie von Dell Technologies legte am Montag deutlich um 3,78 Prozent auf 416,01 US-Dollar zu, auf Jahressicht hat sie die Super Micro Computer-Aktie mit einem Plus von 230 Prozent klar abgehängt.
Doch die Dell-These stützt sich nicht allein auf den Vertrauensschaden bei Super Micro. Operativ liegen die Zahlen der beiden Wettbewerber inzwischen weit auseinander. Dell meldete für das im Mai abgelaufene erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von 43,84 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 88 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und rund 24 Prozent über dem Analystenkonsens. Allein KI-optimierte Server steuerten 16,13 Milliarden US-Dollar bei, ein Sprung um 757 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte auf 4,86 US-Dollar bei einem Konsens von 2,94 US-Dollar.
Den KI-Auftragsbestand bezifferte das Management zum Quartalsende auf einen Rekord von 51,3 Milliarden US-Dollar und hob die Jahresprognose 2027 auf 165 bis 169 Milliarden US-Dollar Umsatz an. Super Micro verfehlte den Konsens trotz eines Umsatzanstiegs um 122,68 Prozent auf 10,24 Milliarden US-Dollar im am 31. März beendeten Quartal des Geschäftsjahres 2026. Hinzu kommt die im Juni angekündigte Kapitalerhöhung von 7 Milliarden US-Dollar, die die Sorge vor Verwässerung der Aktionärsbasis verstärkt hat, während Dell parallel Dividende und Aktienrückkäufe bedient.
Compliance-Risiko bleibt Strukturthema
Die Razzia in Taipeh zeigt, dass die juristischen Risiken um Super Micro nicht punktuell, sondern strukturell sind. Selbst wenn die aktuellen Verfahren in Taiwan und in den USA nicht zu einer direkten Anklage des Konzerns führen sollten, dürfte das Compliance-Thema bei sicherheitssensiblen Kunden, etwa in Regierungs-, Verteidigungs- und Hyperscaler-Kontexten, am Titel haften bleiben. Genau dort verfügt Dell traditionell über die belastbareren Vertriebskanäle. Brendan Burke vom Forschungsdienst Futurum hatte bereits Ende März 2026 darauf hingewiesen, dass Super Micros Exportkrise eine seltene GPU-Allokationslücke für Dell eröffne. Die jüngste Razzia zementiert dieses Bild.
Im Blick behalten Anleger jetzt vor allem zwei Termine: das von Super Micro avisierte Update zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 mit einer eigenen Umsatzguidance von 11 bis 12,5 Milliarden US-Dollar sowie mögliche weitere Schritte der taiwanesischen und US-amerikanischen Behörden, auf die Super Micro laut Barron's noch nicht offiziell reagiert hat. Bei Dell rückt die nächste Quartalsmitteilung in den Fokus. An ihr wird sich messen lassen, ob die Investorenstory den Sprung vom KI-Server-Run auf ein anhaltend hohes Bewertungsplateau aushält.
Claudia Stephan, Martina Köhler, Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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