Inflationsgebundene Anleihen-ETFs: Chancen, Risiken und Funktionsweise

Wer sich gegen Inflation absichern will, findet in inflationsgebundenen ETFs einen besonderen Mechanismus.
Werte in diesem Artikel
•Inflationsgebundene Anleihen passen Nennwert und Kupons an die Preisentwicklung an
•Kursentwicklung hängt stark von Inflationserwartungen und Realzinsen ab
•Als defensiver Portfolio-Baustein sinnvoll, aber kein Ersatz für renditestärkere Anlagen wie Aktien
Was inflationsgebundene Anleihen von klassischen Bonds unterscheidet
Bei einer herkömmlichen Anleihe sind sowohl der Zinssatz als auch der Rückzahlungsbetrag von Beginn an festgelegt. Das klingt solide, hat aber einen Haken: Steigt die Inflation, verliert die ausgezahlte Summe am Ende an Kaufkraft, weil sie nominal zwar gleich bleibt, real aber weniger wert ist. Inflationsgebundene Anleihen, im Englischen häufig als "Linker" oder im US-amerikanischen Raum als Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS) bezeichnet, lösen dieses Problem anders. Ihr Nennwert wird regelmäßig an einen offiziellen Verbraucherpreisindex angepasst. Da die Zinszahlungen prozentual auf diesem angepassten Nennwert berechnet werden, steigen auch die Kupons mit der Inflation mit. Unabhängig davon, wie hoch die Inflation ausfällt, passen Linker-Anleihen ihre Zahlungsströme entsprechend an. Unter klassischen Anleiheklassen ist dieser Mechanismus einzigartig.
Wer solche Anleihen über einen ETF kauft, muss sich nicht selbst um die Wiederanlage fälliger Papiere kümmern. Im ETF werden Erträge aus auslaufenden Anleihen entsprechend der Indexregeln in neue oder schon bestehende Anleihen gerollt. Der ETF bildet damit fortlaufend die Wertentwicklung eines Portfolios mit gleichbleibender Laufzeitstruktur ab.
Wo die Grenzen des Inflationsschutzes liegen
Trotz des einleuchtenden Grundprinzips verhalten sich diese ETFs in der Praxis nicht immer so, wie Anleger es intuitiv erwarten. Wenn die Inflation hoch ist und steigt, bedeutet das nicht, dass ein inflationsgebundener Fonds oder Index automatisch steigt; das Gegenteil ist oft der Fall. Der Grund: Bei inflationsgebundenen ETFs kommt es nicht auf die heutige Inflation an, sondern vielmehr darauf, was in den nächsten Monaten, Quartalen und Jahren mit der Inflation geschehen wird, wie Eric Jacobson, Fixed-Income-Stratege bei Morningstar, erklärt. Wenn der Markt einen Inflationsanstieg bereits eingepreist hat, profitiert der ETF-Kurs davon kaum noch.
Dazu kommt ein weiterer Faktor: Wenn die realen Renditen steigen, fallen die Kurse von inflationsgebundenen Anleihen wie bei anderen Anleihen auch. Anders gesagt: Auch Linker-ETFs reagieren empfindlich auf Zinserhöhungen, besonders wenn die Laufzeiten der enthaltenen Anleihen lang sind. Kupon und Kurswert der indexierten Anleihen stiegen nominal mit der Inflationsrate mit und federten einen Teil der Verluste ab, schreibt die Stiftung Warentest zur Entwicklung in Phasen schnell steigender Zinsen. Die Abfederung ist also real vorhanden, aber kein vollständiger Schutz.
Ein weiterer Aspekt betrifft die geografische Ausrichtung. Wenn in Europa gelebt wird, ist ein ETF auf Euro-Inflationsanleihen besser geeignet, um dem hiesigen Preisdruck zu begegnen, als ein auf US-amerikanische TIPS ausgerichtetes Produkt. US-TIPS sind an den amerikanischen Verbraucherpreisindex gekoppelt, der sich von der Inflation im Euroraum unterscheiden kann. Wer ein Währungsrisiko vermeiden möchte, sollte entweder Euro-denominierte Produkte wählen oder eine währungsgesicherte Variante in Betracht ziehen.
Laufzeit, Portfolioanteil und praktische Einordnung
Die Laufzeit der im ETF enthaltenen Anleihen hat einen direkten Einfluss darauf, wie stark die Inflationsanpassung im Vergleich zu Zinsschwankungen ins Gewicht fällt. Inflationsgebundene Anleihen mit kürzeren durchschnittlichen Laufzeiten sind besser für schnell steigende Inflation geeignet als Anleihen mit längeren Laufzeiten. Je niedriger dieser Wert ist, desto mehr wird die Rendite des ETF von der Inflation dominiert und desto weniger wird sie von Zinsänderungen beeinflusst.
Auch der Deflationsschutz ist einen Hinweis wert: Sollte es während der Laufzeit der enthaltenen Anleihen zu einer Deflation kommen, greift bei den meisten Euro-Ländern ein Schutzmechanismus: Anleger erhalten am Ende der Laufzeit mindestens den ursprünglichen Kapitalbetrag zurück. Die laufenden Zinszahlungen können in einer Deflationsphase jedoch geringer ausfallen, da sie sich an der gesunkenen Preisbasis orientieren.
Als Portfoliobaustein werden inflationsgebundene Anleihen-ETFs in der Regel nicht als eigenständige Anlagestrategie verstanden, sondern als Ergänzung. ETFs eignen sich besonders als defensiver Baustein in einem diversifizierten Portfolio. Sie sind kein Ersatz für Wachstumswerte, sondern eine Ergänzung zur Absicherung gegen steigende Preise, beschreibt Vanguard die Rolle dieser Produkte. Wer langfristig plant, sollte zudem bedenken, dass Aktien-ETFs zwar keinen direkten Inflationsschutz bieten, langfristig aber häufig Erträge erzielen, die die Inflationsrate übertreffen. Inflationsgeschützte Anleihen-ETFs füllen eine andere Funktion aus: Sie schützen das Kapital vor realen Verlusten, ohne dabei auf Wachstum zu setzen. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um sie im Depot sinnvoll einordnen zu können.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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