Nahost-Konflikt - Vorübergehende Störung oder Beginn eines globalen Angebotschocks?

Die Risiken für eine globale Rezession nehmen zu. Der Konflikt im Iran - und die damit verbundenen Störungen beim Transport von Energie und anderen Gütern durch die Strasse von Hormus - dauert nun bereits fünf Woche an.
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Die Weltmärkte bleiben trotz der Unterbrechungen, die etwa 20 % des weltweiten Energieangebots bedrohen, relativ ruhig. Dieser Anteil entspricht dem Volumen an Öl und Energieträgern, das üblicherweise von den Produzenten im Nahen Osten durch die Strasse von Hormus in die globalen Importmärkte transportiert wird. Während die Märkte weiterhin eine kurzfristige Lösung einpreisen, und erhöhte weltweite Lagerbestände die Volkswirtschaften vorerst abfedern, werden die wirtschaftlichen Folgen mit anhalten der Störungen wachsen. Letztlich - möglicherweise früher als vielfach erwartet - besteht das Risiko, dass sich der Fokus der Märkte verschiebt. Bislang standen vor allem die vorübergehenden inflationären Effekte dieser Krise im Mittelpunkt, und an den Zinsmärkten der Industrieländer wurde bereits eine geldpolitische Straffung eingepreist. Künftig könnten jedoch verstärkt die Risiken einer globalen Rezession sowie eines Nachfragerückgangs in den Vordergrund rücken. Dies dürfte die Aktien- und Kreditmärkte belasten. Gleichzeitig könnte die Prämie steigen, die Investoren für Anleihen als vermeintlich sicheren Wertspeicher zu zahlen bereit sind.
Beispiellose Störung
Eine Versorgungsunterbrechung im Ausmass von rund 20 % der weltweiten Ölreserven wäre in der modernen Geschichte beispiellos. Zum Vergleich: Der Rückgang des globalen Öl- und Energieverbrauchs während des COVID-bedingten Lockdowns betrug ebenfalls etwa 20 %, so Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im gleichen Zeitraum der ersten Jahreshälfte 2020 schrumpfte das globale BIP auf Jahresbasis um über 10%. Sowohl die globale Wirtschaftsleistung als auch der Ölverbrauch erholten sich jedoch rasch, sobald die wirtschaftliche Aktivität wieder anzog.
Zu den bisher bedeutendsten historischen Störungen der weltweiten Ölproduktion zählen das arabische Ölembargo sowie die iranische Revolution in den 1970er Jahren. Auf ihrem Höhepunkt führten diese Ereignisse laut Daten der Internationalen Energieagentur zu einem Rückgang der globalen Ölproduktion von etwa 5 bis 7% und gingen mit Rezessionen in den USA sowie einer deutlichen Abschwächung des weltweiten Wachstums einher. Auch der Golfkrieg Anfang der 1990er Jahre verursachte erhebliche Produktionsausfälle von rund 8 bis 10%, wobei das reale BIP-Wachstum in den OECD-Ländern von 3,6 auf 1,4% sank.
Kurzfristige Lösung eingepreist
Womit lässt sich die relative Ruhe an den globalen Finanzmärkten in der aktuellen Situation erklären? Eine plausible Begründung liegt in der Annahme vieler Marktteilnehmer, dass es sich lediglich um vorübergehende Störungen handelt. Darauf deutet insbesondere die Preisstruktur an den Terminmärkten für Öl hin, die den temporären Charakter des derzeit eingepreisten Schocks widerspiegelt. Trotz eines Preises von 125 USD pro Barrel für aktuell gehandeltes Nordseeöl (Brent «dated») lagen Terminkontrakte mit Lieferung im Dezember 2026 zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels bei lediglich 80 USD pro Barrel und damit auf einem deutlich niedrigeren Niveau.
Zudem verfügte die Welt vor dem Konflikt über einen Überschuss an Ölreserven und trat daher mit Pufferbeständen ausserhalb des Nahen Ostens in diese Phase ein, die Unterbrechungen der Ölströme vorübergehend abfedern können. Bemerkenswert ist auch, dass vorhandene Lagerkapazitäten im Nahen Osten eine Fortsetzung der Förderung ermöglichten, obwohl der Abtransport des Öls eingeschränkt war. Die Blockade von rund 20 Millionen Barrel Öl und Energieprodukten pro Tag, die zuvor durch die Meerenge transportiert wurden, hat bislang lediglich zu einem Produktionsausfall von etwas mehr als 10 Millionen Barrel pro Tag geführt, während der verbleibende Anteil weiterhin gefördert wird und in die Lagertanks fliesst.
Zunehmendes Risiko einer langanhaltenden Versorgungskrise
Die Erwartungen einer raschen Lösung, kombiniert mit den wirtschaftlichen Puffern, haben die Verschärfung der Finanzbedingungen bisher begrenzt. Doch diese Schutzmechanismen sind endlich. Da der Konflikt und die Sperrung der Seewege anhalten, müssen die globalen Märkte zunehmend abschätzen, wann sich die Situation zu einem tatsächlichen negativen Versorgungsschock entwickelt - und nicht länger lediglich eine preisgetriebene Umverteilung von Einkommen zwischen Energieproduzenten und -verbrauchern darstellt. Dabei spielen Fragen des Transports, der Logistik und der Lagerkapazitäten eine zentrale Rolle.
Was die Zeiträume für Transport und Logistik betrifft erreichen die letzten Ladungen jetzt ihre Ziele, da die Tanker die Strasse von Hormus erst Ende Februar passiert haben. Nach Angaben von Branchenexperten dauert es etwa 10 bis 20 Tage, bis Ladungen aus dem Persischen Golf Asien erreichen; diese Regionen spüren bereits die unmittelbaren Auswirkungen der Produktionsunterbrechungen. Auf Asien folgen Europa und Afrika mit Transportzeiten von etwa 20 bis 35 Tagen, anschliessend die US-Golfküste mit einer Dauer von rund 35 bis 45 Tagen.
Ausserhalb des Nahen Ostens stehen zwar Lagerbestände zur Verfügung, deren Umfang jedoch regional stark variiert. Zudem erschwert die begrenzte Verfügbarkeit verlässlicher Daten - insbesondere für China - die präzise Einschätzung des Zeitpunkts, ab dem Engpässe auftreten könnten. Nach Schätzungen der IEA würden die Öl- und Produktbestände in den OECD-Ländern, sowohl kommerziell als auch staatlich gehalten, bei dem Nachfrageniveau des Vorjahres für etwa 140 Tage ausreichen. Zwischen den einzelnen Ländern bestehen jedoch deutliche Unterschiede: Mehrere Staaten, darunter Mexiko, Australien, Irland und das Vereinigte Königreich, verfügen über Bestände für weniger als zwei Monate. Asiatische Raffinerien haben zudem vorsorglich Durchsatz und Produktion reduziert, um die Auswirkungen der Störung abzumildern, ohne den Betrieb vollständig einzustellen.
Die globalen Märkte nähern sich dem Punkt, an dem weitere Produktionsunterbrechungen im Nahen Osten unvermeidlich werden, da die Lagerkapazitäten erschöpft sind. Die Produktion in der Region ist bereits um geschätzte 10 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen. Satellitengestützte Branchenanalysen schätzen die verfügbaren Tanks auf 150 bis 300 Millionen Barrel. Bei einem Produktionsrückgang von rund 10 Millionen Barrel pro Tag würden diese Lagerbestände nur für zwei bis drei Wochen ausreichen, bevor zusätzliche Produktionsanlagen stillgelegt werden müssten.
Folgen reduzierter Energieproduktion: Rezession droht
Einige Produzenten konnten begrenzte Mengen über bestehende Pipelines umleiten. Der Branche läuft jedoch die Zeit davon. Sobald die Produktion einmal eingestellt ist, lässt sie sich nicht einfach per Knopfdruck wieder hochfahren - es kann Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis Anlagen wieder in Betrieb genommen werden können. Auch die erhöhte Produktion ausserhalb des Nahen Ostens wird erst verzögert spürbar, da Produzenten in diesen Regionen in der Regel die Gewissheit benötigen, dass die globalen Ölpreise über den Grenzkosten der Förderung liegen, bevor sie zusätzliche Investitionen in Förderkapazitäten tätigen. In den USA dürfte der aktuelle inländische Ölpreis - zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels insbesondere der einjährige WTI-Terminpreis von rund 70 USD pro Barrel - angesichts der hohen Unsicherheit kaum als ausreichende Entschädigung für Schieferölproduzenten gelten, um die Produktion nennenswert auszuweiten.
Geld- und Fiskalpolitik können nur begrenzt auf einen anhaltenden Energieschock reagieren. Die Geldpolitik würde - zumindest zunächst - wahrscheinlich durch eine höhere Inflation eingeschränkt, was die Fähigkeit der Zentralbanken begrenzen würde, auf eine schwächere Konjunktur und potenziell steigende Arbeitslosigkeit zu reagieren. Zentralbanken weltweit haben bereits betont, dass sie entschlossen sind, die Inflationserwartungen stabil zu halten. Gleichzeitig könnten fiskalpolitische Massnahmen zur Stützung der Energienachfrage, etwa Obergrenzen für Benzinpreise, mehr Schaden als Nutzen verursachen. In einem Szenario mit einer 20-prozentigen Unterbrechung der weltweiten Ölproduktion müssten die Preise so stark steigen, dass die globale Nachfrage um 20% zurückgeht - eine Entwicklung, die eine Rezession auslösen würde. Regionale Eingriffe, die den Preismechanismus abschwächen, würden lediglich die Kosten für das zur Marktstabilisierung benötigte Öl weltweit erhöhen und zugleich die Staatshaushalte sowie die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung belasten.
Fazit
Auch wenn die Aussichten nach wie vor höchst unsicher sind, steigen mit jeder Woche die globalen wirtschaftlichen Kosten des Iran-Konflikts. Sobald die vorhandenen Lagerbestände aufgebraucht sind - möglicherweise schon bald - dürften sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der anhaltenden Störungen verstärken und rezessive Folgen für die Weltwirtschaft nach sich ziehen. Energieengpässe, die zunächst die asiatische Fertigungsindustrie betreffen, könnten die globalen Lieferketten belasten und zu einer breiteren Produktknappheit sowie steigenden Kosten führen. Massnahmen ohne Deeskalationswirkung werden nur begrenzte Effekte erzielen, obwohl sich die finanziellen Rahmenbedingungen deutlich verschärfen könnten. Während die Märkte derzeit offenbar von einer vorübergehenden Störung mit baldiger Lösung ausgehen, besteht das Risiko, dass sie sich zunehmend mit einem länger andauernden Konflikt und höheren wirtschaftlichen Kosten auseinandersetzen müssen.
Von Tiffany Wilding, Economist, und Andrew DeWitt, Portfolio Manager bei PIMCO
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