Von Krise zu Angebotsflut

Ölmarkt vor Trendwende: Öffnung der Straße von Hormus schürt plötzlich Sorgen vor Überangebot

25.06.26 19:30 Uhr

Ölkrise abgesagt: Droht jetzt statt Knappheit ein globales Öl-Überangebot? | finanzen.net

Noch vor wenigen Wochen dominierten Befürchtungen einer globalen Ölknappheit die Märkte. Nun scheint sich das Blatt jedoch komplett gewendet zu haben.

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• Entspannung in Straße von Hormus bringt Millionen Barrel Rohöl auf den Weltmarkt
• Schwache Nachfrage aus China verstärkt Angebotsüberschuss
• Ölmarkt wechselt von Knappheitsängsten zu Sorgen vor Überangebot

Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hatte den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus massiv beeinträchtigt und die Preise für Rohöl im März zeitweise über 120 US-Dollar je Barrel getrieben. Auch Anfang Juni wurden aufgrund des verknappten Angebots noch deutlich erhöhte Preise gezahlt, ein Barrel der Referenzsorte Brent kostete am 1. Juni etwa 97,22 US-Dollar. Nun zeichnet sich jedoch eine Kehrtwende ab: Die USA und der Iran verhandeln über ein umfassendes Abkommen und immer mehr Handelsschiffe passieren die Straße von Hormus. Dadurch strömen große Mengen zuvor blockierter Rohöllieferungen auf den Weltmarkt - und zunehmend mehren sich die Anzeichen für ein Überangebot statt einer Versorgungskrise.

Balance am Ölmarkt ändert sich

Nach Angaben von "Bloomberg" scheinen sich die physischen Ölmärkte von einer Situation akuter Angebotsknappheit in einen Markt mit wachsendem Angebotsüberhang zu verwandeln. Die Nachrichtenseite berichtet von einer regelrechten Flut an Rohölangeboten, die Käufer inzwischen unter erheblichen Preisnachlässen erwerben könnten. So werde zum Beispiel angolanisches Rohöl mit den höchsten Preisabschlägen seit mehr als einem Jahrzehnt gehandelt. Auch der Preis für Rohöl der Sorte Brent liegt inzwischen fast wieder auf Vorkriegsniveau.

Auslöser dieser Entwicklung ist zum einen der zunehmende Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus. Zwar sitzen laut "dpa-AFX" immer noch zahlreiche Schiffe im Persischen Golf fest, allerdings können laut Internationaler Seeschifffahrtsorganisation (IMO) aufgrund von Sicherheitsgarantien inzwischen hunderte Schiffe die Meerenge verlassen. Zum anderen hatten laut "Bloomberg" auch zuvor bereits zahlreiche Produzenten Wege gefunden, Öl über alternative oder verdeckte Routen aus dem Persischen Golf zu exportieren. Insbesondere die Vereinigten Arabischen Emirate hätten ihre "verdeckten" Lieferungen deutlich gesteigert: Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur erreichten die Ölexporte des Landes bereits Anfang Juni rund 85 Prozent des Vorkriegsniveaus.

Zusätzlichen Abgabedruck auf den Ölpreis erzeugt außerdem eine schwache Nachfrage aus China, dem normalerweise weltweit größten Rohölimporteur. Aktuell würden chinesische Raffinerien in einer "drastischen Umkehrung der üblichen Warenströme" jedoch sogar Ölladungen zum Verkauf anbieten, anstatt sie zu kaufen, berichten Händler laut "Bloomberg". "Asiatische Raffinerien sind bereits bis August gut versorgt, und die kurzfristig verfügbaren Mengen aus der Straße von Hormus führen lediglich zu einem Angebotsüberhang, da die Nachfrage aus China nicht anzieht", sagte June Goh, leitende Ölmarktanalystin bei Sparta Commodities gegenüber der Nachrichtenseite.

Preisverfall signalisiert Überversorgung - Neue Absatzmärkte gesucht

Die Folgen zeigen sich deutlich in den Preisstrukturen, besonders am Terminmarkt. Rohöl aus dem Nahen Osten wird laut "Bloomberg" inzwischen in einem sogenannten Contango gehandelt. Dabei liegen die Preise für sofort verfügbare Lieferungen unter denen für spätere Liefertermine. In der Regel gilt dies als klassisches Signal für ein Überangebot am Markt.

Der Rohstoffexperte Daan Struyven von Goldman Sachs brachte die Lage in einem Bloomberg-Interview auf den Punkt: "Aufgrund der schwachen Nachfrage aus Asien nach Rohölsorten aus dem Nahen Osten erhält man derzeit tatsächlich einen Preisnachlass, wenn man ein Barrel heute statt morgen kauft", sagte er. Die Wiederöffnung der Straße von Hormus verlaufe zudem "gut und zügig".

Die Angebotsflut verändert dabei auch traditionelle Handelsströme. Rohöl, das normalerweise nach Asien geliefert würde, wird zunehmend nach Europa umgeleitet. Bloomberg berichtet dabei von mehreren Supertankern mit insgesamt rund zwölf Millionen Barrel Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman, die nun statt asiatischen Häfen europäische anlaufen sollen.

Überangebot mit Einschränkungen

Eine Entwarnung für den Ölmarkt gibt es indes noch nicht. Die globalen Lagerbestände befinden sich in einigen Regionen weiterhin auf ungewöhnlich niedrigen Niveaus. So sind etwa in den USA die Rohölvorräte einschließlich strategischer Reserven laut "Bloomberg" auf den niedrigsten Stand seit den 1980er-Jahren gefallen. Darüber hinaus wurde ein Teil der Versorgung während des Konflikts durch den Abbau strategischer Reserven gewährleistet. Diese Bestände müssen in den kommenden Quartalen wieder aufgefüllt werden, was einen Teil des zusätzlichen Angebots absorbieren könnte. Der Markt bleibe jedoch zunächst "äußerst anfällig für Schocks und erneute Störungen", heißt es.

Dennoch rückt ein Szenario wieder in den Fokus, das bereits vor Ausbruch des Krieges viele Analysten beschäftigt hatte: die Gefahr eines strukturellen Überangebots. Die Internationale Energieagentur hatte erst vor wenigen Tagen prognostiziert, dass der globale Ölmarkt im Jahr 2027 mit einem deutlichen Überschuss konfrontiert sein könnte. Die rasche Wiederherstellung der Lieferketten im Persischen Golf scheint diese Einschätzung nun zu bestätigen.

Was noch im Frühjahr als Bedrohung für die globale Energieversorgung erschien, könnte sich damit in das genaue Gegenteil verkehren. Die Straße von Hormus, deren Schließung die Märkte in Panik versetzte, wird nun zum Symbol einer überraschenden Entspannung. Für Verbraucher und energieintensive Industrien ist dies eine gute Nachricht. Für viele Ölexporteure hingegen beginnt möglicherweise eine neue Phase sinkender Preise und verschärften Wettbewerbs auf einem Markt, der plötzlich mehr Öl hat, als er kurzfristig benötigt.

Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net

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