KI-Aktien wie NVIDIA vor dem Crash? Warum Anleihekönig Jeffrey Gundlach die Reißleine zieht
Jeffrey Gundlach will mit seinem Depot so weit weg von KI wie möglich und stützt sich dabei auf eine Bewertungskennzahl, die bislang keine einzige Ausnahme kennt.
Werte in diesem Artikel
- Gundlach senkt seine empfohlene Aktienquote von 40 auf 30 Prozent
- Statt auf KI-Schwergewichte setzt er auf einen gleichgewichteten Index
- Beim Shiller-KGV über 42 erwartet er negative reale Renditen für zehn Jahre
Jeffrey Gundlach kehrt dem heißesten Anlagethema seit Jahrzehnten den Rücken und senkt seine empfohlene Aktienquote von 40 auf 30 Prozent. Der Gründer, Chef und Chief Investment Officer von DoubleLine Capital, an der Wall Street als Anleihekönig bekannt, will „raus aus dem Epizentrum“ der künstlichen Intelligenz, wie er im Podcast von Julia La Roche Mitte September darlegt. Die Umstellung nahm er vor, nachdem er zwei Quartale lang mit der höheren Aktienquote gearbeitet hatte. Gewicht bekommt die Warnung durch seine Vorgeschichte, denn Gundlach ist vor allem dafür bekannt, den Einbruch am US-Häusermarkt im Jahr 2007 treffend vorhergesagt zu haben.
Portfolio neu ausrichten: Gleichgewichtung statt Klumpenrisiko
Wie er im Podcast verrät will Gundlach den verbleibenden Aktienanteil vollständig in einen einzigen gleichgewichteten Index der Fortune 500 stecken, dessen Zusammensetzung sich am Umsatz statt an der Marktkapitalisierung orientiert. Auf diese Weise lasse sich das Konzentrationsrisiko bei KI weitgehend ausschalten, argumentiert er: „Wenn 440 Unternehmen darin stecken, bekommt man von jedem ein 440stel. Man hat also nicht 40 Prozent seines Portfolios in KI, sondern fast nichts. Man ist so weit davon entfernt, wie es nur geht.“ Passend dazu zeigte er in einer früheren Folge seines eigenen Webcasts „Gundlach Unlocked“ Anfang September eine Grafik, wonach die gleichgewichtete Variante des S&P 500 den klassischen, nach Börsenwert gewichteten Index seit rund fünf Quartalen hinter sich lässt.
„Alles, was ich empfehle, ist vollständig von einem KI-Engagement getrennt“, betont Gundlach im Podcast von Julia La Roche. Ganz so sauber ist die Trennung allerdings nicht. Welchen gleichgewichteten Index er konkret meint, ließ er offen. Das hauseigene Produkt, der DoubleLine Fortune 500 Equal Weight ETF, gewichtet laut MarketWatch Industriewerte mit mehr als 17 Prozent am stärksten, während Technologie auf gut 9 Prozent kommt. Unter den zehn größten Positionen finden sich mit Applied Materials, Marvell Technology und Palo Alto Networks jedoch gleich drei Unternehmen mit spürbarem KI-Bezug. Das Klumpenrisiko sinkt mit dem Ansatz also deutlich, vom Thema verabschiedet sich ein solches Depot aber nicht vollständig.
Anleihen, Rohstoffe und Gold statt KI-Aktien
Der Rest seiner Musteraufteilung liest sich wie ein Gegenentwurf zum Technologieboom. 30 Prozent sollen in festverzinsliche Papiere fließen, konkret in Anleihen hoher Bonität und in Schuldtitel aus Schwellenländern in lokaler Währung. Jeweils 10 Prozent entfallen auf den DoubleLine Commodity Strategy ETF und auf Gold. Die übrigen 20 Prozent versteht Gundlach als „trockenes Pulver“, verteilt je zur Hälfte auf den DoubleLine Commercial Real Estate Debt ETF und einen flexiblen Rentenfonds des Hauses. „Man wird feststellen, dass nichts in dieser Mischung auch nur ansatzweise nach KI aussieht. Hier ist nichts“, sagte Gundlach weiter im Podcast. „Ich hatte kein Problem damit, über andere Aktienvehikel etwas KI zu halten, aber seit vergangener Woche will ich einfach nur raus“, ergänzte er.
Warum Gundlach Verlierer im KI-Wettlauf erwartet
Inhaltlich stützt Gundlach seine Kehrtwende auf mehrere Warnsignale. Beim KI-Handel sei man inzwischen „über den Punkt hinaus, an dem alles als wunderbar gilt“. Als Beleg verweist er auf sich ausweitende Risikoaufschläge bei Anleihen KI-naher Konzerne, begleitet von einer „unstillbaren Nachfrage“ nach Krediten bei Unternehmen, denen es egal sei, ob die Zinsen um 200 Punkte steigen. Zugleich zweifelt er an den Wachstumsversprechen der Branche: Wenn SpaceX den eigenen adressierbaren Markt auf ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung beziffere, bleibe für andere Unternehmen kaum Raum. „Es wird Ausfälle und Verlierer im KI-Rennen um den heiligen Gral geben. Das wird passieren, und genau das wird zum nächsten sehr deutlichen Rückschlag bei Risikoanlagen führen“, erklärte er im Podcast.
Shiller-KGV über 42 als Bewertungsargument: Sollten Anleger KI-Aktien meiden?
Einen Totalausstieg vollzieht Gundlach dennoch nicht. Ob der Wendepunkt bereits erreicht ist, ließ er offen, man sei aber nah genug daran, um das Epizentrum lieber zu meiden. „Ich verkaufe nicht alles, ich bin bei nichts short, aber ich will mich immer weiter von den Bereichen entfernen, die am meisten leiden werden“, erklärte er weiter. Für die kommenden sechs bis neun Monate sieht er den Markt auf die „harte Straßenseite“ gewechselt. Als zentrales Argument führt er die Bewertung an: Das Shiller-KGV des S&P 500 liegt nach seinen Angaben über 42 und damit deutlich jenseits der Marke von 35, die er als historische Warnschwelle heranzieht.
„Jedes Mal, wenn es bei 35 oder höher lag, und zwar jedes einzelne Mal, war die reale, also inflationsbereinigte Rendite über die folgenden zehn Jahre negativ“, sagte Gundlach. Daraus leitet er eine unbequeme Rechnung ab. Sollte US-Notenbankchef Kevin Warsh die Inflation auf 2 Prozent führen und dort halten, müssten Anleger über die nächsten zehn Jahre sogar nominal mit negativen Renditen rechnen, und es gäbe keine Ausnahmen davon. Ein erster Gradmesser für seine These sind die Risikoaufschläge auf Anleihen KI-naher Unternehmen, deren Ausweitung Gundlach bereits als Warnsignal wertet. Setzt sich dieser Trend fort, gewinnt sein Szenario an Gewicht. Bleibt er aus, steht sein Zeitrahmen von sechs bis neun Monaten auf dem Prüfstand.
Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
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