KI-Boom oder Blase? Warum sich die Wall Street bei Aktien von NVIDIA, Oracle und Co. spaltet
KI spaltet die Wall Street: Während Bären vor einer gefährlichen Blase warnen, sehen die Bullen den Boom durch starkes Gewinnwachstum und eine breite Markterholung gestützt.
Werte in diesem Artikel
- Tiefe Kluft zwischen KI-Bullen und KI-Bären an der Wall Street
- Kritiker warnen vor zirkulärer Finanzierung bei Tech-Riesen und Anthropic
- Bullen verweisen auf breite Markterholung und starkes Gewinnwachstum
Die Wall Street ist derzeit tief gespalten in der Frage, ob der aktuelle Boom rund um künstliche Intelligenz auf einem soliden Fundament steht oder sich zu einer Blase ausweitet. Auf der einen Seite stehen Marktbeobachter, die vor einem finanziellen Kartenhaus bei NVIDIA, Oracle, OpenAI und Anthropic warnen. Auf der anderen Seite verweisen ausgesprochene Marktoptimisten auf robuste Gewinne und eine breit angelegte Kurserholung. Beide Seiten stützen sich laut Barron's auf dieselben Daten und kommen doch zu entgegengesetzten Schlüssen, was die Debatte um den KI-Handel zu einem der zentralen Streitpunkte an der Börse macht.
Die Bären: Warnung vor zirkulärer Finanzierung
Wie Barron's schildert, vergleicht der ehemalige Fidelity-Fondsmanager George Noble die gegenseitige Finanzierung zwischen OpenAI, Anthropic, NVIDIA und Oracle mit einer Slapstick-Szene, in der Geld nur im Kreis wandert, ohne dass echter Wert entsteht. Nach Einschätzung des einstigen Weggefährten von Peter Lynch gibt der Tech-Sektor Geld aus wie im Rausch und betreibe damit eine Form der gegenseitigen Zerstörung. Er hält den aktuellen Kurs für nicht durchhaltbar und rechnet mit einem deutlichen Rückschlag. Aus seiner Sicht überwiegt bei den milliardenschweren Investitionen der Infrastrukturanbieter das Risiko, dass am Ende viel Kapital vernichtet wird, ohne dass sich die Wetten auf künstliche Intelligenz wirtschaftlich auszahlen.
Die Bullen: Breite Erholung und starke Gewinne
Dem gegenüber steht laut Barron's die Einschätzung von Ryan Detrick, Chefstratege bei Carson Group, der die Rally seit Jahren begleitet und derzeit keine Anzeichen für ein Ende sieht. Er verweist auf die Breite der Markterholung, gemessen an der Advance/Decline-Linie, die nach dem kurzen Rücksetzer im Juli wieder klar nach oben zeigt. Aus dieser Breite leitet Detrick ab, dass die Rally auf einem gesunden Fundament steht und nicht kurz vor dem Einbruch. Auch der langjährige Marktbeobachter Ed Yardeni zählt zu den Optimisten: Er hob sein Jahresend-Kursziel für den S&P 500 von 8.250 auf 8.400 Punkte an, bei einem zuletzt bei rund 7.708 Punkten notierenden Index, und bezeichnet sich selbst als bislang nicht optimistisch genug gewesen.
Die Moonshot-These für OpenAI und Anthropic
Eine dritte Perspektive liefert laut Barron's Hardika Singh, Stratege beim bullisch ausgerichteten Analysehaus Fundstrat. In einer Studie zu ambitionierten Börsengängen zieht sie Parallelen zu Alphabet, Amazon, Netflix, Uber und Meta Platforms, die bei ihrem Börsengang ebenfalls unprofitabel waren und trotzdem zu Erfolgsgeschichten wurden. Nach ihrer Lesart gilt dieses Muster auch für OpenAI und Anthropic, die beim Sprung an die Börse aller Voraussicht nach ebenfalls noch keine schwarzen Zahlen schreiben werden. Für Singh ist ein Fehlen von Profitabilität beim Börsengang damit kein automatisches Warnsignal, sondern eher die Regel bei besonders ambitionierten Wachstumsgeschichten.
NVIDIA-Aktie und Co.: Einigkeit bei den Fakten, Uneinigkeit bei der Deutung
Trotz der Gegensätze sind sich beide Lager laut Barron's in einem Punkt einig: Die Gewinnsaison war außergewöhnlich stark. Detrick bezifferte das Gewinnwachstum des S&P 500 im zweiten Quartal auf 50,4 Prozent, für das Gesamtjahr 2026 erwartet FactSet laut seinen Angaben ein Plus von 30,5 Prozent gegenüber 2025. Yardeni führt die Rally auf eine Kombination aus starkem Umsatzwachstum und steigenden Gewinnmargen zurück. Auf der bearishen Seite hält das Aktien- und Quantteam der Bank of America an seinem Jahresendziel von 7.100 Punkten für den S&P 500 fest und verweist auf einen aus seiner Sicht ungünstigen Trend bei freiem Cashflow, Gewinnqualität und möglichen Zinsanhebungen sowie auf die hohen Investitionsausgaben der großen Tech-Konzerne.
Für Anleger bleibt die kommende Berichtssaison der nächste Prüfstein: Erst wenn sich zeigt, ob die hohen Infrastrukturausgaben von NVIDIA, Oracle und den übrigen KI-Schwergewichten tatsächlich in nachhaltige Erträge münden, dürfte sich entscheiden, welches Lager mit seiner Einschätzung richtiger lag.
Bettina Schneider, Redaktion finanzen.net
Dieser Text dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung dar. Die finanzen.net GmbH schließt jegliche Regressansprüche aus.
Ausgewählte Hebelprodukte auf Amazon
Mit Knock-outs können spekulative Anleger überproportional an Kursbewegungen partizipieren. Wählen Sie einfach den gewünschten Hebel und wir zeigen Ihnen passende Open-End Produkte auf Amazon
Der Hebel muss zwischen 2 und 20 liegen
Bildquellen: peterschreiber.media / shutterstock.com, inray27 / shutterstock.com
