Anthropic-Aktie vor IPO: Chipwerte wie STMicro, Infineon und ASML erholen sich - worauf Anleger achten sollten
Ein durchgesickerter Börsenprospekt enthüllt gigantische Ausgabenpläne von Anthropic – und sorgt für kräftigen Rückenwind bei europäischen Chip-Aktien.
Werte in diesem Artikel
- Ein Händler sieht die Vorsicht nach OpenAIs Kurspause aufgehoben
- Helaba-Strategen verweisen auf gewaltige KI-Infrastrukturausgaben als Treiber
- Analysten bleiben bei STMicro, Infineon und ASML uneinig über das Tempo
Anthropic strebt beim geplanten Börsengang laut einem Reuters vorliegenden Prospekt eine Bewertung von über zwei Billionen US-Dollar an. Die Aussicht auf den KI-Börsengang beruhigt europäische Technologiewerte, nachdem Chipaktien wie Infineon und STMicroelectronics noch am Montag unter Druck geraten waren.
Prospekt zeigt Wachstum und Kosten
Anthropic, Entwickler des KI-Modells Claude, hat laut dem von Reuters eingesehenen Börsenprospekt seinen Umsatz 2025 verzwölffacht und auf knapp 4,6 Milliarden US-Dollar gesteigert. Zugleich weist das Unternehmen einen Nettoverlust von knapp 42 Milliarden US-Dollar aus, wovon rund 34 Milliarden US-Dollar auf eine buchhalterische Neubewertung früherer Finanzierungsrunden ohne Geldabfluss entfallen.
Der operative Verlust wuchs auf gut acht Milliarden US-Dollar nach knapp drei Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Allein für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic rund 7,33 Milliarden US-Dollar aus, etwa dreimal so viel wie zuvor und mehr als die Hälfte der operativen Gesamtaufwendungen von knapp 13 Milliarden US-Dollar. Ein für November avisierter Börsengang könnte das Unternehmen mit mehr als zwei Billionen US-Dollar bewerten, mehr als doppelt so hoch wie die 965 Milliarden US-Dollar aus der Finanzierungsrunde vom Mai.
Chipwerte drehen ins Plus
Ein Händler ordnete den Prospekt laut Dow Jones Newswires als Signal ein, das die Vorsicht nach dem Zurückrudern von OpenAI wieder aufhebe. Die Aktien von Schneider Electric gewannen in Paris schlussenblich 2,014 Prozent auf 296,35 Euro, STMicroelectronics legte derweil via XETRA um 2,03 Prozent auf 46,79 Euro zu und BE Semiconductor kletterte in Amsterdam um 4,421 Prozent auf 192,50 Euro. Die Papiere von ASML schlossen im Handel in Amsterdam derweil 4,177 Prozent höher bei 1.601,20 Euro.
Zusätzlichen Schub lieferte eine Kursrally bei NVIDIA am Montag, die als Treiber für Technologiewerte insgesamt galt. Strategen der Helaba sahen vor allem die von Anthropic geplanten Ausgaben für KI-Infrastruktur von bis zu 518 Milliarden US-Dollar als wesentlichen Kurstreiber.
Am Montag hatten noch Sorgen um die KI-Story belastet: Infineon und AIXTRON gerieten unter Druck, nachdem OpenAI das Training seiner leistungsstärksten Modelle nach einem Sicherheitszwischenfall ausgesetzt hatte und schwache Vorgaben aus Asien, etwa von SK hynix, die Stimmung drückten. Marktbeobachter Andreas Lipkow von CMC Markets sprach von erneuten Rissen in der KI-Story.
Die Papiere von Infineon und AIXTRON versuchten sich am heutigen Handelstag ebenfalls an einer Erholung. Für die Papiere von Infineon ging es via XETRA um 4,83 Prozent nach oben auf 59,30 Euro, während die Anteilsscheine von AIXTRON um 4,38 Prozent auf 36,46 Euro ansprangen.
US-KI-Gipfel im Blick
Neben den generell derzeit börsenbestimmenden Einflüssen durch die Ölpreise und die Anleiherenditen sowie dem Börsenprospekt hieß es am Dienstag, der Fokus verlagere sich im Tech-Sektor auf ein KI-Gipfeltreffen im Weißen Haus. Auf dem sollen führende Branchenvertreter der Branche darüber diskutieren, wie der richtige Weg zwischen Innovation und Kontrolle in der Branche aussieht. An diesem Termin sollen neben US-Präsident Donald Trump und dem Tech-Visionär Elon Musk auch die Chefs des Chipriesen NVIDIA oder der KI-Plattform Anthropic teilnehmen.
Was das für Anleger bedeutet
Für die Zulieferer der KI-Branche ist der Prospekt vor allem ein Stimmungssignal. Ob die geplanten Investitionen tatsächlich in Aufträgen bei Chip- und Ausrüsterwerten ankommen, hängt davon ab, ob der Kapitalmarkt die Expansion dauerhaft finanziert. Denn die genannten Infrastrukturverpflichtungen verteilen sich über mehrere Jahre und stehen einem Geschäft gegenüber, das bislang deutlich mehr kostet, als es einbringt.
Wer beim Börsengang direkt einsteigen will, sollte zudem die Machtverhältnisse kennen: Die Gründer bündeln ihren Einfluss in einer eigenen Gesellschaft, was laut Prospekt die Mitsprache gewöhnlicher Aktionäre schmälern kann. Die angestrebte Bewertung entspräche außerdem mehr als dem 400-Fachen des Umsatzes von 2025.
Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.net mit Material von dpa-AFX
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