Bayer-Aktie nach starkem Jahr: Wie viel Luft der Anteilsschein noch hat - Roundup-Vergleich im Blick
Im Sommer hat Bayer vor dem Supreme Court gewonnen, doch die wichtigste Unterschrift im Glyphosatstreit fehlt noch immer.
Werte in diesem Artikel
- Vor dem Supreme Court hat Bayer im Glyphosatstreit klar gewonnen
- Freigabe des Vergleichs über 7,25 Milliarden US-Dollar steht noch aus
- JPMorgan und Deutsche Bank sehen Kursziele von 61 und 60 Euro für die Bayer-Aktie
Bayer beschert seinen Aktionären 2026 etwas, das in Leverkusen lange selten war: Der Anteilsschein liegt seit Jahresbeginn rund 20 Prozent im Plus und auch am Dienstag geht es weiter aufwärts: Zeitweise notiert das Papier im XETRA-Handel 1,67 Prozent höher bei 44,56 Euro. Dabei begleiten die Klagen rund um den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup den Konzern weiter. Seit dem Jahreshoch bei knapp 54 Euro Anfang Juli, wenige Tage nach einem wegweisenden Urteil in Washington, hat das Papier allerdings einen Teil seiner Gewinne wieder abgegeben. Für Anleger stellt sich damit die Frage, ob der Lauf nur Atem holt oder ob die Fantasie vorerst ausgereizt ist.
Was die Bayer-Aktie 2026 angetrieben hat
Den größten Schub lieferte der oberste US-Gerichtshof. Am 25. Juni entschied der Supreme Court mit sieben zu zwei Stimmen im Fall Durnell, dass Klagen nach dem Recht einzelner Bundesstaaten keine Krebswarnung auf dem Etikett erzwingen können, die über die von der US-Umweltbehörde EPA genehmigte Kennzeichnung hinausgeht. Laut Bayer hilft das Urteil zusammen mit dem geplanten Sammelvergleich, die Rechtsstreitigkeiten erheblich einzudämmen. Beides sei aus Sicht des Unternehmens notwendig und verstärke sich gegenseitig.
Rückenwind kam zudem aus dem operativen Geschäft. Wie der Konzern am 4. August mitteilte, steigerte die Agrarsparte Crop Science ihr EBITDA vor Sondereinflüssen im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um gut 30 Prozent auf 902 Millionen Euro, getragen von höheren Erlösen und niedrigeren Herstellungskosten. Den währungsbereinigten Jahresausblick bestätigte Bayer, auf Basis der Wechselkurse vom 30. Juni peilt der Konzern ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 4,20 bis 4,70 Euro an. Die Nettofinanzverschuldung soll zum Jahresende nur noch bei 29 bis 30 Milliarden Euro liegen statt wie zuvor geplant bei 32 bis 33 Milliarden Euro. Möglich macht das der Einstieg eines Finanzinvestors bei der Sparte für Langzeitverhütungsmittel, der dafür 3 Milliarden Euro einbringt.
Chancen und Risiken: Roundup-Vergleich im Fokus
Doch an beiden Treibern hängen auch die offenen Fragen, allen voran an der juristischen Front. Die Tochtergesellschaft Monsanto warb am 14. September vor einem Gericht in Missouri um die endgültige Zustimmung zum Vergleich über 7,25 Milliarden US-Dollar, der nahezu alle bestehenden und künftigen Krebsklagen in den USA erfassen soll. Richter Timothy Boyer ließ offen, wann er entscheidet, Gegner des Vergleichs halten die Summe für zu niedrig. Einen weiteren Prüfstein nennt die Nachrichtenagentur ebenfalls: Die EPA arbeitet an einer aktualisierten Bewertung der Gesundheitsrisiken von Glyphosat, die Ende 2026 fertig sein soll.
Im Pharmageschäft zeigt sich ein ähnlich zweigeteiltes Bild. Dem Halbjahresbericht zufolge wuchs der Umsatz mit dem Krebsmittel Nubeqa im zweiten Quartal bereinigt um rund 64 Prozent, beim Nierenmedikament Kerendia waren es rund 83 Prozent. Gleichzeitig brachen die Erlöse des Gerinnungshemmers Xarelto nach Patentabläufen um gut 42 Prozent ein, beim Augenmittel Eylea um knapp 33 Prozent. Das EBITDA vor Sondereinflüssen der Sparte sank um 3,6 Prozent, auch weil Bayer viel Geld in Markteinführungen wie das Menopausenmittel Lynkuet steckt. Die Chance liegt darin, dass die neuen Präparate die Lücke schließen, das Risiko darin, dass sie es langsamer tun als erhofft.
Was Analysten der Bayer-Aktie noch zutrauen
Bei den Analysten überwiegt trotzdem die Zuversicht. JPMorgan beließ Bayer Anfang Oktober auf „Overweight“ mit einem Kursziel von 61 Euro. Analyst Richard Vosser hält die frühen Markterwartungen an das dritte Quartal zwar für zu hoch, sieht die Ursache aber eher in zeitlichen Effekten im Agrargeschäft, an den Schätzungen für das Gesamtjahr dürfte sich kaum etwas ändern. Auch die Deutsche Bank rechnet mit einem schwächeren Quartal: Analystin Virginie Boucher-Ferte bestätigte am 29. September ihr Votum „Buy“ mit Ziel 60 Euro, erwartet aber ein um 10 Prozent niedrigeres operatives Ergebnis, weil das Vorjahr von günstigen Sondereinflüssen im Agrargeschäft profitiert hatte. Im Schnitt liegt das Kursziel der Analysten bei 50,61 Euro.
In den Kommentaren beider Häuser steht damit das dritte Quartal im Vordergrund. Für die Frage, wie viel Luft nach oben tatsächlich bleibt, dürften jedoch zwei andere Größen schwerer wiegen. Erstens der Vergleich: Erst mit einer endgültigen Freigabe würde das Glyphosatrisiko zu einer kalkulierbaren Belastung. Zweitens die Pipeline: Solange Xarelto und Eylea schneller schrumpfen, als Nubeqa, Kerendia und Lynkuet nachwachsen, bleibt das Pharmaergebnis unter Druck.
Worauf es für Bayer bis zum Jahresende ankommt
Das weitere Potenzial der Bayer-Aktie hängt damit weniger an Stimmungen als an Terminen. Der nächste belastbare Datenpunkt ist der Bericht zum dritten Quartal am 3. November, der zeigen dürfte, wie kräftig der Gegenwind im Agrargeschäft ausfällt und ob Nubeqa und Kerendia ihr Tempo halten. Mindestens ebenso wichtig ist die Entscheidung von Richter Boyer über den Glyphosatvergleich, für die es noch keinen Termin gibt. Erst wenn sie gefallen ist, lässt sich seriös beurteilen, wie viel vom Rechtsrisiko tatsächlich hinter Bayer liegt.
Benedict Kurschat, Bettina Schneider, Julia Walter, Redaktion finanzen.net
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