BIZ-Report: Straße von Hormus als Weckruf - Droht jetzt die "Higher for longer"-Zinsentwicklung?
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich schlägt Alarm: Der Konflikt im Nahen Osten und die Schließung der Straße von Hormus haben einen historischen Angebotsschock ausgelöst.
Werte in diesem Artikel
• Schließung der Straße von Hormus kappt rund 13 Prozent der globalen Ölversorgung
• Globale Inflation zieht laut BIZ seit Konfliktbeginn um 0,5 Prozentpunkte an
• Ambitionierte Aktienbewertungen und gesunkene Risikoprämien machen Märkte anfällig für ein "higher for longer"-Szenario
BIZ warnt vor neuen Angebotsschocks: Zentralbanken könnten Zinsen länger hoch halten
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sieht die Weltwirtschaft nach einer Phase überraschender Widerstandsfähigkeit erneut unter Druck. Im aktuellen Jahresbericht verweist die BIZ auf eine Häufung geopolitischer Schocks, die das globale Wachstums- und Inflationsbild eintrüben und potenziell weitreichende Folgen für die Geldpolitik der großen Notenbanken haben.
Schließung der Straße von Hormus als Belastungsprobe
Im Zentrum der Analyse steht der Konflikt im Iran, der Ende Februar 2026 eskalierte und zur faktischen Schließung der Straße von Hormus führte. Laut BIZ handelt es sich um die historisch größte Unterbrechung des Ölhandels an diesem Nadelöhr: Der Ausfall habe sich auf mehr als zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag belaufen, was rund 13 Prozent der globalen Ölversorgung entspreche, ein größerer Anteil als bei den Ölkrisen der 1970er-Jahre, die bei etwa acht Prozent gelegen hätten.
Die Ölpreise sind in der Folge um 67 Prozent auf ein Tageshoch von 120 US-Dollar je Barrel gesprungen. Die Internationale Energieagentur (IEA) habe daraufhin mit der Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven reagiert, die größte Freigabe ihrer Geschichte. Diese habe jedoch nur rund 20 Tage des ausgefallenen Angebots kompensieren können, so die BIZ. Besonders betroffen sei Asien: Vor dem Konflikt seien mehr als 80 Prozent der über Hormus transportierten Öl- und Gasmengen für asiatische Abnehmer bestimmt gewesen, japanische Raffinerien hätten rund 70 Prozent ihres Rohöls über die Meerenge bezogen.
Lieferketten bleiben verwundbar
Die BIZ betont, dass sich der Schock keineswegs auf Öl und Gas beschränkt habe. Auch Düngemittel, Petrochemikalien und Helium seien betroffen, da der Nahe Osten für einen erheblichen Teil der weltweiten Exporte dieser Güter stehe. Physische Schäden an Energieinfrastruktur - laut Bericht mehr als 40 beschädigte Anlagen in neun Ländern der Region - dürften die Erholung der Fördermengen noch Jahre verzögern. Zudem hätten viele Förderländer aus Mangel an Lagerkapazität Bohrungen stilllegen müssen ("shut-ins"), was die Produktion auch nach einer politischen Lösung des Konflikts strukturell beeinträchtigen könnte.
Die BIZ verweist zudem auf die Handelspolitik als zweite Risikoquelle: Die US-Zollerhöhungen des Jahres 2025 hätten die Weltwirtschaft zwar besser verkraftet als zunächst befürchtet, doch bleibe die Kombination aus Zollunsicherheit und geopolitischen Schocks eine Belastung für globale Lieferketten.
Inflation zieht wieder an
Die Folgen seien bereits messbar: Die globale Inflation sei seit Beginn des Konflikts um einen halben Prozentpunkt gestiegen, mit zweistelligen Preissprüngen etwa bei Kunststoffen und Düngemitteln. Die BIZ warnt, dass sich Kosteneffekte über Lieferketten fortpflanzen und Inflationsdruck auch dann noch spürbar bleiben könnten, wenn sich die Energiepreise bereits wieder normalisiert hätten.
Zentralbanken unter Zugzwang
Für die Geldpolitik ergibt sich laut BIZ ein verschärftes Dilemma. Notenbanken, die zuvor auf Zinssenkungen oder zumindest stabile Leitzinsen eingestellt gewesen seien, würden nun vom Markt mit Zinserhöhungserwartungen konfrontiert, dies gelte unter anderem für die USA, die Eurozone, Großbritannien und Kanada. Die Bereitschaft, temporäre Angebotsschocks geldpolitisch zu "durchschauen", stoße an ihre Grenzen, sobald Zweitrundeneffekte und ein Abdriften der Inflationserwartungen drohten.
Die Konsequenz: Ein "higher for longer"-Szenario bei den Leitzinsen erscheint der BIZ zufolge zunehmend wahrscheinlich. Das birgt Risiken für die Aktienmärkte, die trotz erhöhter geopolitischer Risikoindikatoren bislang kaum einen Bewertungsabschlag genommen haben. Die BIZ verweist auf historisch hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse und eine gesunkene Risikoprämie bei US-Technologiewerten, eine Kombination, die die Märkte anfällig für Enttäuschungen macht, sollten die Zinsen tatsächlich länger hoch bleiben als derzeit eingepreist.
Markus Maier, Redaktion finanzen.net
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