OpenAI sorgt für Unruhe bei Aktien von Intel, Marvell, Micron, Arm & Co.: Müssen Anleger den KI-Boom neu bewerten?
Die Umsatzprognosen von OpenAI sorgen für Unruhe bei Intel, NVIDIA, AMD, Micron und anderen Chipaktien. Was Anleger wissen müssen.
Werte in diesem Artikel
- OpenAI erwartet bis Ende 2026 einen annualisierten Umsatz von mindestens 70 Milliarden US-Dollar
- Hohe Infrastrukturkosten werfen Fragen zur Wirtschaftlichkeit des KI-Booms auf
- Starke TSMC-Zahlen stehen im Kontrast zur Schwäche der Chipaktien
Die Aktie von Intel geriet am Donnerstag kräftig unter Druck. Auch die Titel von NVIDIA, Arm, AMD, Marvell, Micron Technology und SanDisk verzeichneten im US-Handel Verluste zwischen 3,0 und 7,0 Prozent. Auslöser war ein Bericht über niedrigere annualisierte Umsatzzahlen von OpenAI. Damit rückt neben dem Wachstum des KI-Unternehmens auch die Frage in den Fokus, ob sich die enormen Investitionen in Rechenleistung und Infrastruktur langfristig rechnen.
OpenAI: 50 Milliarden US-Dollar Umsatz, 70 Milliarden als Ziel
Die Financial Times berichtete, OpenAI habe Investoren für Ende September einen annualisierten Umsatz von knapp 50 Milliarden US-Dollar genannt. Das waren rund 20 Milliarden US-Dollar weniger als zuvor in Medienberichten genannten Hochrechnungen, die sich auf Schätzungen von Investoren stützten. OpenAI lehnte gegenüber der Zeitung eine Stellungnahme ab.
Der annualisierte Umsatz ist kein tatsächlich im Gesamtjahr erzielter Umsatz, sondern eine Hochrechnung auf Basis der aktuellen Geschäftsentwicklung. Die Zahl allein belegt deshalb keinen Einbruch der Nachfrage nach KI-Anwendungen, wirft aber Fragen zur Belastbarkeit bisheriger Wachstumserwartungen auf.
Bloomberg berichtete unterdessen, OpenAI erwarte bis Ende 2026 einen annualisierten Umsatz von mindestens 70 Milliarden US-Dollar. Das Wachstum soll vor allem vom Geschäft mit Unternehmenskunden getragen werden. Die Angaben stammen dem Bericht zufolge aus Gesprächen mit Investoren im Rahmen der aktuellen Finanzierungsrunde. Die 70 Milliarden US-Dollar sind eine Erwartung und kein bereits erzielter Umsatz.
Ein Teil der Differenz zwischen früheren Erwartungen und den September-Zahlen geht laut Financial Times auf unterschiedliche Berechnungsmethoden zurück. Investoren wollten OpenAI direkter mit Anthropic vergleichen. Anthropic berücksichtigt demnach anders als OpenAI auch Verkäufe über Cloud-Partner. Der annualisierte Umsatz von Anthropic soll Ende Juli bereits bei 65 Milliarden US-Dollar gelegen haben. Wegen der unterschiedlichen Berechnungsweisen sind die Zahlen nur eingeschränkt vergleichbar.
TSMC liefert mit starken Zahlen den Gegenpol
Für eine Erholung der Chipaktien sorgt die Bloomberg-Meldung am Freitag. Intel notiert an der NASDAQ zeitweise 0,52 Prozent höher bei 107,64 US-Dollar. Auch bei den anderen Branchenvertretern sind Erholungstendenzen zu erkennen.
Für die Chipbranche ist entscheidend, ob die Investitionen in KI-Rechenzentren weiter zunehmen. Zweifel an der Wirtschaftlichkeit von KI-Anwendungen können die Bewertungen von Unternehmen wie NVIDIA und AMD belasten, selbst wenn die Nachfrage nach ihren Produkten zunächst hoch bleibt. Speicherhersteller wie Micron hängen ebenfalls vom weiteren Ausbau der KI-Infrastruktur ab. Sollten KI-Anbieter ihre Wachstumsziele verfehlen oder Finanzierungen schwieriger werden, könnte sich der Ausbau von Rechenzentren verlangsamen und die Hardware-Nachfrage darunter leiden.
Gleichzeitig meldete TSMC, der weltgrößte Auftragsfertiger für Halbleiter, für das dritte Quartal 2026 einen Umsatz von 1,49 Billionen Taiwan-Dollar, umgerechnet rund 46,7 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit übertraf das Unternehmen die Markterwartungen. Für September allein meldete TSMC ein Umsatzplus von 54,6 Prozent.
Die Zahlen sprechen für eine robuste Chipnachfrage, belegen aber nicht, dass KI-Anbieter wie OpenAI mit ihren Angeboten bereits ausreichend Geld verdienen. Die Nachfrage nach Hardware und die Profitabilität der Unternehmen, die diese Hardware nutzen, sind zwei unterschiedliche Fragen.
Hohe Infrastrukturkosten und negativer Cashflow
Wie groß die wirtschaftliche Herausforderung ist, zeigen weitere Prognosen der Financial Times. Dem Bericht zufolge erwartet OpenAI bis Ende 2030 einen kumulierten negativen freien Cashflow von rund 278 Milliarden US-Dollar. Zugleich soll der Umsatz von rund 36 Milliarden US-Dollar im Jahr 2026 auf 350 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 steigen. Für Rechenleistung und Infrastruktur plant das Unternehmen demnach bis Ende 2030 Ausgaben von insgesamt rund 856 Milliarden US-Dollar. Die Angaben beruhen auf internen Unternehmensprognosen und sind keine geprüften Ist-Zahlen.
Steigende Umsätze führen nicht automatisch zu einem positiven freien Cashflow. Entscheidend ist, ob OpenAI seine Einnahmen langfristig schneller steigern kann als seine Kosten und Investitionen. Der prognostizierte negative freie Cashflow ist nicht mit einem bilanziellen Verlust gleichzusetzen, verdeutlicht aber den enormen Finanzierungsbedarf. Kritiker hoher KI-Bewertungen bezweifeln, dass die erwarteten Erträge die Investitionen und Bewertungen rechtfertigen.
Die Herausforderung betrifft den gesamten KI-Infrastrukturausbau. Nach Schätzung von Morgan Stanley könnten zwischen 2025 und 2028 rund 1,5 Billionen US-Dollar an externer Finanzierung für KI-Infrastruktur nötig sein. Bleiben die erwarteten Erträge aus oder wird Kapital schwieriger verfügbar, könnte sich der Ausbau verlangsamen. Für die Chipbranche wäre das ein Risiko, auch wenn die jüngsten TSMC-Zahlen weiterhin auf eine starke Nachfrage hindeuten.
Finanzierungsrunde und Börsenpläne von OpenAI und Anthropic
OpenAI will im Rahmen einer aktuellen Finanzierungsrunde rund 30 Milliarden Dollar oder mehr einsammeln. Bloomberg berichtete über eine angestrebte Bewertung von 1,4 Billionen US-Dollar vor der neuen Kapitalaufnahme. Dabei handelt es sich um ein Ziel aus den Verhandlungen, nicht um einen bestätigten Transaktionswert. Im März hatte OpenAI 122 Milliarden US-Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von rund 852 Milliarden US-Dollar eingesammelt.
OpenAI strebt für 2026 nach den vorliegenden Berichten keinen Börsengang an und hat entsprechende Pläne unter anderem wegen Sicherheitsbedenken und regulatorischer Fragen auf Eis gelegt. Anthropic hat dagegen vertraulich Unterlagen für einen möglichen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Einen konkreten Termin hat das Unternehmen nicht bestätigt.
Medienberichten zufolge wird für einen möglichen Börsengang von Anthropic ab Mitte November eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar in Betracht gezogen.
Claudia Stephan, Julia Walter, Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net
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