Arbeitsmarkt im KI-Umbruch: Goldman Sachs sieht Berufseinsteiger unter Druck
Eine neue Analyse von Goldman Sachs zeigt, dass Künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt in Industrieländern spürbar verändert.
Werte in diesem Artikel
• Goldman Sachs analysiert Beschäftigungsentwicklung in über 800 Berufen weltweit
• Callcenter-Jobs liegen in den USA 39 Prozent unter dem historischen Trend
• Berufseinsteiger zeigen deutlich stärkere negative Effekte als erfahrene Beschäftigte
Goldman Sachs registriert schwächeres Stellenwachstum in KI-nahen Branchen
Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat Mitte August eine Studie veröffentlicht, die den Einfluss künstlicher Intelligenz auf die Arbeitsmärkte großer Industrieländer untersucht. Demnach verzeichnen Branchen mit hoher KI-Exposition seit der zweiten Jahreshälfte 2022 ein schwächeres Wachstum bei offenen Stellen als weniger betroffene Bereiche. Besonders ausgeprägt zeigt sich dieses Muster in Deutschland, Australien und den USA, wie CNBC unter Berufung auf die Analyse berichtete. Die Informations- und Kommunikationsbranche, eine der am stärksten von KI betroffenen Branchen, verzeichnet in nahezu allen untersuchten Industrieländern ein verlangsamtes Beschäftigungswachstum seit 2022, wobei die Beschäftigung außerhalb der USA weiterhin nahe oder über ihrem langfristigen Trend liegt. Callcenter-Jobs liegen in den USA 39 Prozent unter dem historischen Trend, in Kanada sind es 33 Prozent und in Deutschland 27 Prozent. Auch in der Softwareentwicklungsbranche, der Unternehmensberatung und der Werbebranche fällt die Beschäftigung spürbar hinter frühere Wachstumspfade zurück. Die Adoption von KI-Werkzeugen liegt in großen Industrieländern mittlerweile bei etwa 15 bis 20 Prozent.
Berufseinsteiger und Callcenter-Jobs besonders betroffen
Für die Studie wertete Goldman Sachs die Beschäftigungsentwicklung in mehr als 800 Berufen aus. Dabei zeigte sich, dass die negativen Effekte bei Berufseinsteigern am stärksten ausfallen. Über alle untersuchten Berufe hinweg entspricht eine um 10 Prozent höhere KI-Exposition einem Rückgang des jährlichen Beschäftigungswachstums um rund 0,1 Prozentpunkte in Ländern wie Frankreich, Kanada und den USA. Bei Berufseinsteigern fällt dieser Effekt deutlich größer aus, in Australien liegt er bei über 0,6 Prozentpunkten, in den USA bei mehr als 0,2 Prozentpunkten. Auch ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2026 verweist auf dieses Risiko für junge Arbeitnehmer. Sollten nur 10 Prozent der weltweit als stark KI-exponiert eingestuften Stellen junger Beschäftigter tatsächlich wegfallen, wären laut ILO rund 5,6 Millionen junge Menschen weltweit von Arbeitslosigkeit, Jobwechsel oder Rückzug aus dem Arbeitsmarkt betroffen.
Ökonomen uneins über langfristige Folgen für den Arbeitsmarkt
Über das Ausmaß der künftigen Verwerfungen gehen die Einschätzungen auseinander, auch innerhalb von Goldman Sachs selbst. Bereits im März 2026 bezifferte Goldman-Sachs-Ökonom Joseph Briggs den Anteil betroffener US-Beschäftigter auf 6 bis 7 Prozent im Zuge einer rund zehnjährigen Übergangsphase, was die Arbeitslosenquote um etwa 0,6 Prozentpunkte anheben könnte. Im Juli nannte er im Podcast "Goldman Sachs Exchanges" eine höhere Zahl von 9 Prozent beziehungsweise 15 Millionen Beschäftigten, die im Zuge der KI-Transition umverteilt werden müssten, bei einem weiterhin unter einem Prozentpunkt liegenden jährlichen Anstieg der Arbeitslosenquote. MIT-Ökonom Daron Acemoglu geht von begrenzteren Effekten aus und erwartet innerhalb der kommenden fünf Jahre Nettoverluste von weniger als zwei bis vier Prozent der Stellen, vor allem in kognitiven Routinetätigkeiten wie Kundenservice und Backoffice, was in den USA rund acht bis neun Millionen Beschäftigte betreffen könnte. Sein MIT-Kollege Neil Thompson äußerte sich in einem Gespräch mit Goldman Sachs zurückhaltender und verwies darauf, dass die tatsächliche Verbreitung von KI-Anwendungen in Unternehmen deutlich langsamer verlaufe als die technische Leistungsfähigkeit der Systeme selbst. Beide Ökonomen betonen, dass technologischer Wandel historisch stets sowohl Arbeitsplätze vernichtet als auch neue geschaffen hat, wobei unklar bleibt, ob dieses Gleichgewicht auch in der aktuellen Übergangsphase erhalten bleibt.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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