Zwischen Innovation und Inflation

Zwei Narrative bestimmen derzeit die Märkte: Künstliche Intelligenz treibt das Wachstum, während eine ölgetriebene Inflation das zentrale Makrorisiko bleibt.
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Künstliche Intelligenz ist derzeit der wichtigste Wachstumstreiber für Wirtschaft und Kapitalmärkte. Insbesondere die Kurse von Halbleiteraktien sind zuletzt stark gestiegen, da Anleger mit erheblichen Produktivitäts- und Automatisierungsgewinnen rechnen. Allein der MSCI Semiconductor Index hat sich in den vergangenen sechs Monaten mehr als verdoppelt. Die Risikostreuung innerhalb dieses Sektors ist jedoch äußerst begrenzt: NVIDIA ist mit 38,3 Prozent, Broadcom mit 15,0 Prozent und Micron Technology mit 8,2 Prozent im Index gewichtet.
Diese drei Werte machen zusammen bereits 61,5 Prozent aus. Auch im breiter gefassten MSCI World Information Technology Index entfallen auf die fünf größten Positionen - NVIDIA, Apple, Microsoft, Broadcom und Micron Technology - zusammen 57,4 Prozent. Es handelt sich dabei um erstklassige Unternehmen, deren Bewertungen inzwischen jedoch ambitioniert sind: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt beim MSCI Semiconductor Index bei 55,4 und beim MSCI World Information Technology Index bei 43,2. Hinzu kommt eine ausgeprägte regionale Konzentration: Rund 90 Prozent dieser Aktien sind in den USA beheimatet, lediglich Japan ist mit 3,4 Prozent nennenswert vertreten. Eine ausgewogene Risikostreuung sieht anders aus.
Der KI-Investitionszyklus ist eine strukturelle Technologiewelle, die sich derzeit dynamisch entwickelt und voraussichtlich nahezu alle Wirtschaftsbereiche erfassen wird. Ausgehend von der reinen Hardware-Infrastruktur entstehen zunehmend anwendungsorientierte Ökosysteme und zunehmend autonome Systeme. Die weltweiten Ausgaben der sogenannten Hyperscaler wie Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta steigen in diesem Jahr erneut deutlich an und dürften schätzungsweise 650 bis 700 Milliarden US-Dollar erreichen.
Im Mittelpunkt steht der Aufbau grundlegender Rechenkapazitäten mit entsprechend hohem Energiebedarf. Darüber hinaus erfordert die Entwicklung den Ausbau von Rechenzentren und Kühlungssystemen sowie vor allem die Sicherung der Stromversorgung, denn begrenzte Stromkapazitäten und die physische Infrastruktur bremsen das Expansionstempo. Cloud-Anbieter wie Google Cloud und Microsoft Azure sowie Softwarehäuser wie Palantir und SAP dürften von der Entwicklung großer Sprachmodelle (Large Language Models) und entsprechender Entwicklerplattformen erheblich profitieren. Im nächsten Schritt folgt die Integration von KI in Endprodukte, autonome Agenten und Robotik. Auf diese Weise können sämtliche Wirtschaftszweige profitieren und signifikante Produktivitätsgewinne erzielen.
In dieser Aufbruchstimmung mag mancher Anleger den Eindruck gewinnen, unbedingt investiert sein zu müssen. Wie in früheren Zyklen zeigt sich jedoch immer wieder, dass angesichts hoher Gewinnaussichten die gebotene Vorsicht in den Hintergrund tritt. Gegenwärtig fließen erhebliche Mittel in den Sektor, obwohl unklar ist, welche Unternehmen in welchem Umfang von der KI profitieren und wie sich ihre Gewinne entwickeln werden.
Möglicherweise wiederholt sich ein Muster, das vom Goldrausch am Klondike bekannt ist: Die größten Gewinne erzielten seinerzeit nicht die Goldsucher selbst, sondern die Anbieter von Hacken, Schaufeln und Arbeitskleidung. Übertragen auf die Gegenwart könnten dies die Betreiber von Rechenzentren sein, die verlässliche Mieteinnahmen erzielen. Ein solches Geschäftsmodell ist vielleicht weniger spektakulär, sorgt aber für beständige Erträge.
KI-Chance trifft auf Öl-Risiko
Am Samstag, dem 28. Februar 2026, begannen die USA und Israel mit koordinierten Luft- und Raketenangriffen auf militärische und staatliche Ziele im Iran. Nach intensiven Kampfhandlungen und regionalen Gegenschlägen entwickelte sich eine schwere internationale Energiekrise, da die Straße von Hormus zwischenzeitlich gesperrt war und der Ölpreis daraufhin massiv anstieg. Derzeit ringen die Konfliktparteien im Rahmen eines brüchigen Waffenstillstands um ein endgültiges Friedensabkommen. Der gestiegene Ölpreis ließ die Inflation in den USA im Mai auf 4,2 Prozent steigen. In der Folge zogen auch die langfristigen Zinsen für US-Staatsanleihen an.
Parallel dazu nahm die Unsicherheit über mögliche Zweitrundeneffekte zu. Deutliche Preissteigerungen belasten die Börsen, da das Risiko wächst, dass höhere Zinsen Wachstum und Konsum dämpfen. Vor diesem Hintergrund streben die USA nachdrücklich eine friedliche Lösung mit dem Iran an, wobei sie ihr ursprüngliches Kriegsziel inzwischen weitgehend aus dem Blick verloren haben.
"Es gewinnt nicht das eine Narrativ, sondern ein Portfolio, das beide aushält."
Als Investoren bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen einer starken Wachstumsstory im Bereich der Künstlichen Intelligenz und einer unsicheren geopolitischen Lage, in der eine mögliche ölgetriebene Inflation das größte Makrorisiko darstellt. Voraussichtlich werden die Märkte zwischen beiden Kräften pendeln. Ob sich eine der beiden Entwicklungen dauerhaft durchsetzt, ist offen. Erfolgreiche Anleger berücksichtigen beide Narrative und vermeiden einseitige Positionierungen. Auf lange Sicht schlägt die Robustheit des Portfolios die Prognose.
von Wolfgang Juds, Geschäftsführer der CREDO Vermögensmanagement GmbH in Nürnberg
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Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.
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