Trotz Iran-Krieg kein Preis-Schock: Wie China den globalen Ölmarkt im Alleingang stabilisiert

Während der Iran-Krieg den Ölpreis eigentlich explodieren lassen müsste, hält ausgerechnet Peking den Weltmarkt in der Balance, mit Folgen für Anleger.
Werte in diesem Artikel
- Chinas Rohölimporte fielen zwischen Februar und Mai stärker als während Corona
- Peking zehrt von Reserven aus günstigem iranischem und russischem Öl
- Ein mögliches Ende des Exportverbots für Raffinerieprodukte könnte Märkte stark bewegen
Mehr als drei Monate nach Beginn des Kriegs um die Straße von Hormus notiert der Ölpreis deutlich unter den Marken, die viele Analysten zu Kriegsbeginn für möglich hielten. Einige hatten einen Anstieg auf bis zu 200 US-Dollar je Barrel prognostiziert. Den entscheidenden Unterschied macht nach Einschätzung mehrerer Marktbeobachter ausgerechnet ein Land, das in den Verhandlungen zwischen den USA und Iran gar nicht am Tisch sitzt: China.
Reserven statt Einkauf zu Höchstpreisen
Anstatt während der Zuspitzung des Nahostkonflikts teures Öl am Markt zu kaufen, griff Peking auf seine eigenen Lagerbestände zurück. Tankerdaten für Juni deuten darauf hin, dass die Importe bei rund 8 Millionen Barrel pro Tag verblieben, während China gleichzeitig weitere 3 Millionen Barrel pro Tag aus Speichern entnahm, so Investing.com. Dieser Puffer wird auf 1,2 bis 1,3 Milliarden Barrel geschätzt, was etwa vier Monaten an Importdeckung entspricht. Ein erheblicher Teil davon stammt nach Einschätzung von Analysten aus verbilligtem, sanktioniertem Rohöl, vor allem aus dem Iran und in geringerem Maß aus Russland, das China über Jahre günstig einkaufen konnte, während westliche Käufer fernblieben. JPMorgan geht davon aus, dass rund 3 Millionen Barrel pro Tag des Importrückgangs temporär sind und ab August eine Erholung einsetzt, sobald die Chemiebranche anzieht und Peking seine strategische Reserve wieder auffüllt.
Die Teekessel-Raffinerien stehen unter Druck
Eine zweite Ebene der Geschichte betrifft Chinas unabhängige Raffinerien, in der Branche als "Teekessel" bekannt. Sie kaufen schätzungsweise rund 90 Prozent der iranischen Ölexporte auf und bildeten über Jahre das Rückgrat der chinesischen Nachfrage nach günstigem sanktioniertem Rohöl. Das US-Finanzministerium warnt mittlerweile aktiv Banken vor Sanktionsrisiken im Zusammenhang mit diesen Raffinerien. Hengli Petrochemical, eine der größten unter ihnen, wurde bereits sanktioniert, mindestens vier weitere stehen unter ähnlichem Druck. Während Analysten an der Wall Street über Chinas Öl-Comeback schreiben, arbeitet Washington zur gleichen Zeit daran, genau die verbilligten Lieferungen zu kappen, auf denen dieses Geschäftsmodell beruht.
Der unterschätzte Hebel: das Exportverbot
Als sich der Nahostkonflikt zuspitzte und die Versorgungssicherheit unsicher wirkte, untersagte Peking den Export raffinierter Kraftstoffe über reguläre Handelskanäle, um die Inlandsversorgung zu schützen. Dieses Verbot gilt teilweise noch immer. Hebt China es vollständig auf, könnten die Exporte von Raffinerieprodukten laut JPMorgan um 88 bis 160 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr steigen, ein potenziell enormer Schwung an zusätzlichem Angebot, der allein von einer politischen Entscheidung in Peking abhängt.
Strukturelle Nachfrageschwäche statt reiner Erholung
Hinzu kommt ein längerfristiger Wandel: Analysten von Rystad Energy gehen laut CNN von einer dauerhaften Nachfragezerstörung in China zwischen 200.000 und 600.000 Barrel pro Tag gegenüber dem Vorkriegsniveau aus, Energy Aspects rechnet mit einem permanenten Verlust von 300.000 Barrel pro Tag, so OilPrice.com. Der Grund liegt im boomenden Elektroauto-Markt, dessen Anteil an Neuwagenverkäufen in China im Mai bei 42 Prozent lag, ein Plus gegenüber 38 Prozent im März, auch wenn die Gesamtautoverkäufe im selben Monat um 22,3 Prozent einbrachen. Wer einmal auf ein Elektroauto umgestiegen ist, kehrt selten zurück, sofern Kraftstoffpreise nicht deutlich fallen, wie Branchenbeobachter betonen. Chinas Ölgeschichte ist damit längst keine reine Transportgeschichte mehr, sondern verschiebt sich zunehmend in Richtung Chemie- und Industrierohstoffe.
Für den Ölmarkt bedeutet das: Die erwartete Importerholung im August dürfte kurzfristig stützend wirken, ist aber kein Beleg für eine nachhaltige Nachfragewende. Solange Peking über Importe, Lagerbestände und Exportverbote drei Hebel gleichzeitig bedienen kann, bleibt die Preisbildung am Ölmarkt enger an Pekings Entscheidungen gekoppelt, als es die reinen Importzahlen zeigen. Der nächste belastbare Datenpunkt ist die tatsächliche Entwicklung der chinesischen Importe im August, sie wird zeigen, ob es sich um echte Nachfrage oder reines Auffüllen der Lager handelt.
Evelyn Schmal, Redaktion finanzen.net
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