Schwankungen im Griff? Volatilitäts-Targeting macht ETFs beweglicher

Volatilitäts-Targeting hält das Risiko im Portfolio systematisch auf Kurs. Doch dieselbe Mechanik kann in Krisenzeiten zur Belastungsprobe werden.
• Dynamisches Risiko
• Volatilitäts-Targeting: Hebel und Rebalancing
• Fallstudie: Corona
Was ist Volatilität und warum zählt sie?
Bevor Volatilitäts-Targeting verstanden werden kann, braucht es eine klare Grundlage: Volatilität beschreibt die Kursschwankungen eines Wertpapiers in der Vergangenheit. Sie ist die annualisierte Standardabweichung der Tagesrenditen. Um Volatilität über ein Jahr zu berechnen, wird die Schwankungsbreite der täglichen Wertentwicklung des letzten Jahres gemittelt und auf ein Jahr hochgerechnet. Je höher die jährliche Volatilität, desto stärker schwankte das Wertpapier, wobei die Höhe der Volatilität hierbei nichts über die Qualität eines Papiers aussagt.
Wird die Volatilität der Rendite eines Wertpapiers gegenübergestellt, lässt sich genau messen, wie viel Risiko für eine bestimmte Rendite eingegangen wurde. Genau hier setzt Volatilitäts-Targeting an: Das Risiko soll nicht dem Zufall des Marktes überlassen, sondern aktiv gesteuert werden.
Was ist Volatilitäts-Targeting?
Volatilitäts-Targeting bedeutet, dass ein Fonds oder ein ETF sein Risiko dynamisch anpasst, um eine festgelegte Zielvolatilität zu erreichen: zum Beispiel 10 Prozent pro Jahr. Statt starr zu bleiben, ändert der ETF seine Positionsgröße oder den Hebel, sobald die erwartete Schwankungsbreite steigt oder fällt. So wird in ruhigen Phasen mehr Risiko genommen und in turbulenten Zeiten zurückgefahren, wie etf.capital beschreibt.
Eine verwandte Strategie sind Risk-Parity-Fonds: Hier trägt zusätzlich jede Anlageklasse denselben Risikoanteil zum Gesamtportfolio bei, sodass das Risiko gleichmäßig auf alle Positionen verteilt wird, wie die EZB ausführt.
Marktrelevanz und Größenordnung
In den Jahren vor dem Ausbruch des Coronavirus trieb eine niedrige Marktvolatilität die Popularität dieser Strategien stark an. Niedrige Volatilität über alle großen Anlageklassen und Regionen hinweg war ein prägendes Merkmal der globalen Vermögenspreisentwicklung bis zu diesem Zeitpunkt, wie die EZB festhält. Weltweit waren schätzungsweise bis zu 2 Billionen US-Dollar in verschiedenen Formen von Volatilitätsstrategien investiert, davon rund 300 Milliarden US-Dollar in Risk-Parity-Fonds.
Mechanismus: Hebel und Rebalancing
Fonds oder ETFs, die Volatilitäts-Targeting-Strategien verfolgen, investieren in verschiedene Anlageklassen mit einem festgelegten Portfolio-Volatilitätsziel und können Hebel einsetzen, wenn Marktvolatilität und Korrelationen niedrig sind, wie die EZB erklärt. Das Rebalancing erfolgt dabei meist täglich oder wöchentlich, basierend auf einer kurzfristigen Volatilitätsschätzung wie der 30-Tage-Standardabweichung. Liegt die gemessene Volatilität 12 Prozent über dem Ziel, reduziert der Fonds die Exposure um etwa 20 Prozent. Sinkt sie auf 8 Prozent, wird sie entsprechend wieder erhöht, so etf.capital.
Prozyklizität als Systemrisiko
Genau dieser Automatismus birgt eine strukturelle Schwäche. Ein zentrales Merkmal dieser Strategien ist die prozyklische Verbindung von Hebel und Volatilität: In Phasen niedriger Marktvolatilität erlauben die Volatilitätsziele höhere Hebel und damit größere Positionen in Finanzassets. Umgekehrt müssen Fondsmanager gehebelte Positionen auflösen, wenn Marktvolatilität und anlageklassenübergreifende Korrelationen ansteigen. Damit verstärken sie den Verkaufsdruck an den Märkten, also genau dann, wenn dieser ohnehin bereits hoch ist.
Fallstudie: Markteinbruch März 2020
Wie folgenreich dieser Mechanismus in der Praxis sein kann, zeigte der Markteinbruch im Frühjahr 2020 eindrücklich. Bis Mitte März 2020 lagen die rückwärtsblickenden Volatilitätsmessungen in allen Anlageklassen außer Aktien noch unter dem Zielwert. Dieses Umfeld erlaubte Risk-Parity-Anlegern, ihre Positionen in Anleihen und Aktien auf bis zum Doppelten des verwalteten Vermögens zu hebeln, wie die EZB schreibt.
Im März stieg die Volatilität dann schlagartig in allen Anlageklassen an. Die Konsequenz traf insbesondere professionell verwaltete Portfolios: Vermögensverwalter mit regulatorischen Volatilitätsgrenzen mussten Teile der Wertpapiere verkaufen, weil die gemessene Volatilität plötzlich zu hoch für die vorgegebenen Grenzen war und verpassten so den folgenden schnellen Aufschwung. Wer hingegen in Eigenregie oder ohne feste Volatilitätsziele investierte, konnte von der v-förmigen Korrektur massiv profitieren.
Markus Maier, Redaktion finanzen.net
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