Alphabet-Aktie unter Druck: Warum die Gemini-Verzögerung für Google ein großes Hindernis im KI-Wettlauf ist
Googles wichtigstes KI-Modell Gemini 3.5 Pro liegt weit hinter dem Zeitplan, und das ausgerechnet während die Konkurrenz neue KI-Systeme vorstellt.
Werte in diesem Artikel
- Google verschiebt sein KI-Modell Gemini 3.5 Pro onffenbar weiter in die Zukunft
- Mehrere KI-Forscher haben DeepMind zugunsten von OpenAI und Anthropic verlassen
- OpenAI und Meta bringen neue KI-Modelle an den Start
Der Google-Mutterkonzern Alphabet muss die Veröffentlichung seines nächsten großen KI-Modells verschieben, und die Verzögerung trifft das Unternehmen zu einem denkbar ungünstigen Moment. Denn vor wenigen Wochen hatten mit Noam Shazeer und John Jumper zwei Schlüsselfiguren aus der KI-Forschung von Google DeepMind das Unternehmen in Richtung OpenAI und Anthropic verlassen.
Anleger sind verstimmt. Die Alphabet-Aktie reagierte am Donnerstag an der NASDAQ auf die Berichte über den verpassten Zeitplan des angekündigten Gemini-Flaggschiffmodells mit einem spürbaren Verlust in Höhe von 4,43 Prozent auf 353,81 US-Dollar. Im vorbörslichen Handel am Freitag geht es zeitweise um weitere 1,93 Prozent auf 346,97 US-Dollar abwärts.
Alphabet machte Versprechen, das nicht zu halten war
Bei der Entwicklerkonferenz Google I/O hatte Alphabet-Chef Sundar Pichai am 19. Mai 2026 noch einen konkreten Termin für die neue KI versprochen: Gemini 3.5 Pro, das neue Flaggschiffmodell mit einem auf zwei Millionen Token erweiterten Kontextfenster, doppelt so viel wie bei Gemini 3.5 Flash, sollte im Juni allgemein verfügbar werden. Daraus wurde jedoch nichts. Wie Bloomberg unter Berufung auf mit der Sache vertraute Personen berichtet, arbeitet Google auch aktuell - Mitte Juli - weiterhin daran, vor allem die Programmierfähigkeiten des Modells auf das gewünschte Niveau zu bringen. Ein Update der Trainingsdaten im Juni 2026 habe nicht die erhofften Fortschritte gebracht. Ein Unternehmenssprecher erklärte gegenüber Reuters, man teste Gemini 3.5 Pro, ein verbessertes Flash-Modell sowie weitere Systeme derzeit gemeinsam mit Partnern und stehe im engen Austausch mit der US-Regierung.
Alphabet-Aktie leidet auch unter Exodus der Forscher
Der Zeitdruck kommt nicht von ungefähr. Am 18. Juni 2026 kündigte Noam Shazeer, bei Google Vice President of Engineering und Mitleiter der Gemini-Modelle, seinen Wechsel zu OpenAI an. Shazeer hatte 2017 die Transformer-Architektur mitentwickelt, auf der praktisch jedes moderne Sprachmodell aufbaut. Einen Tag später gab John Jumper, Vizepräsident bei Google DeepMind und Chemie-Nobelpreisträger für seine Arbeit an AlphaFold, seinen Abschied nach fast neun Jahren bekannt, er wechselt zu Anthropic. Ein Google-DeepMind-Sprecher erklärte gegenüber Reuters, man sei Jumper für seine Beiträge dankbar und wünsche ihm für seinen weiteren Weg alles Gute. Für Alphabet ist der Verlust zweier derart profilierter Forscher innerhalb von 48 Stunden jedoch ein Signal, das über eine einzelne Personalie hinausreicht.
Die Konkurrenz schläft nicht: OpenAI und Meta veröffentlichen neue KI-Modelle vor Google
Der eigentliche Druck entsteht aber durch das Tempo der Konkurrenz. OpenAI brachte im Juli 2026 mit GPT-5.6 sein bislang leistungsfähigstes Modell an den Start. Auch Meta positioniert sich neu: Der Konzern stellte am 9. Juli 2026 mit Muse Spark 1.1 eine Version seines KI-Modells vor, die nach Angaben von KI-Chef Alexandr Wang gezielt auf Programmieraufgaben und autonome KI-Agenten zugeschnitten ist.
Google selbst hat mit Gemini 3.5 Flash ein Modell im Angebot, das bei mehreren Programmier- und Agenten-Benchmarks das ältere Gemini 3.1 Pro übertrifft. Das eigentliche Flaggschiff Pro bleibt aber bislang nur ausgewählten Partnern in einer Vorschauversion zugänglich.
Zwischen Infrastruktur-Vorsprung und Vertrauensfrage
Der Konzern selbst gibt sich zuversichtlich. Ein Sprecher betonte, man bringe weiterhin zügig eine breite Palette an Modellen auf den Markt und achte dabei auf ein wettbewerbsfähiges Preisniveau. Berichten zufolge sehen mehrere aktuelle und ehemalige Mitarbeiter das kritischer: Sie sorgen sich, dass Google im Vergleich zu OpenAI und Anthropic an Boden verliert. Für die Einordnung zählt dabei weniger das einzelne Modell als die Kombination aus Terminverzug und Personalabgang.
Auf der Habenseite bleiben hingegen Googles eigene Recheninfrastruktur mit den selbst entwickelten TPU-Chips sowie die Verbreitung über Suche, Workspace und Cloud, Vorteile, die sich nicht über Nacht kopieren lassen. Wie belastbar diese Vorteile sind, dürfte sich schon in wenigen Tagen zeigen: Am 22. Juli 2026 legt Alphabet die Zahlen zum zweiten Quartal vor, in der anschließenden Telefonkonferenz dürfte das Management dann voraussichtlich auch zum aktuellen Stand von Gemini 3.5 Pro Stellung nehmen.
Carolin Ludwig, Redaktion finanzen.net
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Bildquellen: Fenixx666 / Shutterstock.com, Denis Linine / Shutterstock.com
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