200/175-Regel

ETF-Rebalancing im Realitätscheck: Wann jährlich, wann schwellenbasiert und wann gar nicht der bessere Weg ist

13.07.26 03:26 Uhr

Versteckter Renditefresser im Depot: Dieser Rebalancing-Fehler kostet Sie Jahr für Jahr bares Geld! | finanzen.net

Die Allokation im Griff: Eine schwellenbasierte Rebalancing-Strategie steuert das Depotrisiko effizienter als kalenderbasierte Ansätze - und optimiert über die Jahre die Netto-Rendite.

• Rebalancing bringt ein abgedriftetes Portfolio zurück auf die ursprüngliche Allokation
• Über zehn Jahre fallen bei der schwellenbasierten 200/175-Strategie 92 Rebalancing-Vorgänge an
• Monatliches Rebalancing kommt im selben Zeitraum auf 120 Vorgänge, quartalsweises auf 40

Warum die Rebalancing-Frage über Jahre messbar Rendite kostet oder sichert

Ein Multi-Asset-Portfolio aus Aktien-ETFs und Anleihen-ETFs driftet im Zeitverlauf von seiner Ziel-Allokation ab, weil sich die Wertentwicklung der Anlageklassen unterschiedlich verhält. Bei einem klassischen 60/40-Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen kann ein längerer Bullenmarkt die Aktienquote schnell auf 70 Prozent oder mehr steigern, was das Risikoprofil deutlich verschiebt. Rebalancing bringt die Allokation zurück zum Zielwert, doch jeder Eingriff verursacht Transaktionskosten und kann steuerliche Konsequenzen auslösen. Die Wahl zwischen den drei gängigen Ansätzen, also kalenderbasiert in festen Intervallen, schwellenbasiert nach Abweichungs-Schwellen oder vollständig passiv ohne Rebalancing, ist daher keine Nebensächlichkeit, sondern beeinflusst über die Jahre die Netto-Rendite messbar.

Wie aus dem Vanguard-Whitepaper "The rebalancing edge: Optimizing target-date fund rebalancing through threshold-based strategies" vom Dezember 2024 hervorgeht, das auf 10.000 Monte-Carlo-Simulationen täglicher Renditen und Transaktionskosten basiert, ist der Unterschied zwischen den Strategien für ein 60/40-Portfolio in Basispunkten ausdrückbar. Die Studie untersucht ursprünglich das Rebalancing von Target-Date-Fonds für die US-Altersvorsorge, doch die Autoren betonen, dass sich die Ergebnisse ohne Einschränkung auf jedes vergleichbare 60/40-Portfolio übertragen lassen, auch auf ein privat verwaltetes Aktien-Anleihen-ETF-Depot. Vanguards Schwellen-Strategie mit 200 Basispunkten Abweichungs-Schwelle und Rückkehr auf 175 Basispunkte unterhalb der Schwelle, im Folgenden 200/175-Strategie genannt, liefert demnach elf bis achtzehn Basispunkte mehr Rendite pro Jahr als kalenderbasierte Ansätze.

Die drei Ansätze im direkten Vergleich

Im Vanguard-Datensatz schneidet die schwellenbasierte 200/175-Strategie über zehn Jahre nach allen relevanten Kennzahlen besser ab als die monatliche oder quartalsweise Kalenderlösung. Wie die Autoren dokumentieren, fielen über zehn Jahre durchschnittlich 92 Rebalancing-Vorgänge bei der schwellenbasierten Strategie an, gegenüber 120 bei monatlicher und 40 bei quartalsweiser Rebalancing-Frequenz. Die durchschnittlichen Transaktionskosten lagen bei 0,05 Prozent für die 200/175-Strategie, bei 0,22 Prozent für den monatlichen Ansatz und bei 0,18 Prozent für den quartalsweisen Ansatz. Damit kostet die schwellenbasierte Strategie laut Vanguard etwa ein Viertel der monatlichen und ein Drittel der quartalsweisen Variante.

Auch bei der Risikokontrolle steht der schwellenbasierte Ansatz besser da. Die durchschnittliche Allokationsabweichung über einen Zeitraum von einem Jahr lag laut der Vanguard-Simulation bei 198 Basispunkten für die 200/175-Strategie, bei 241 Basispunkten für monatliches und bei 333 Basispunkten für quartalsweises Rebalancing. In der Marktverwerfung im März 2020 wäre ein monatlich rebalanciertes 60/40-Portfolio nach Vanguard-Berechnung um bis zu 7 Prozent von seiner Zielallokation abgewichen, ein quartalsweise rebalanciertes um bis zu 10 Prozent, während die 200/175-Strategie nie mehr als rund 2 Prozent Abweichung gezeigt hätte. Dass dieser Befund nicht auf ein bestimmtes Portfolio beschränkt ist, dokumentieren die Autoren in einer ergänzenden Auswertung: Bei Asset-Allocation-Mischungen von 30/70 bis 90/10 liegt der Vorteil der Schwellen-Strategie gegenüber dem monatlichen Ansatz konsistent zwischen fünfzehn und 25 Basispunkten jährlich.

Die akademische Vertiefung dieser Ergebnisse findet sich in einer Studie von Yu Zhang und Harshdeep Ahluwalia unter dem Titel "A Rational Multi-Asset Portfolio Rebalancing Decision-Making Framework", erschienen im März 2024 im Multi-Asset Special Issue des Journal of Portfolio Management. Die peer-reviewte Studie formalisiert das mathematische Optimierungsproblem zwischen Transaktionskosten und Allokationsabweichung und kommt zu denselben Schlussfolgerungen wie das spätere Vanguard-Whitepaper. Eine Schwelle nahe 200 Basispunkten kombiniert mit einer Rückkehr knapp unterhalb der Schwelle ergibt das beste Verhältnis aus Kostendisziplin und Risikokontrolle für institutionelle Multi-Asset-Portfolios.

Was deutsche Privatanleger zusätzlich beachten müssen

Die Vanguard-Studien rechnen aus US-amerikanischer Sicht und berücksichtigen vor allem direkte Transaktionskosten. Für deutsche Privatanleger kommen zwei Effekte hinzu, die das Rebalancing-Kalkül verschieben. Erstens löst jeder Verkauf eines ETF-Anteils im Rahmen eines Rebalancing-Vorgangs eine steuerpflichtige Veräußerung aus. Realisierte Gewinne unterliegen nach § 20 Einkommensteuergesetz der Abgeltungsteuer von 25 Prozent zuzüglich Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Bei Aktien-ETFs greift zwar die Teilfreistellung von 30 Prozent nach dem Investmentsteuergesetz, dennoch bleibt der Steuerbetrag erheblich. Häufiges Rebalancing durch Verkäufe kann damit den Steuerstundungsvorteil teilweise reduzieren, der einer der zentralen Renditetreiber langfristiger ETF-Anlage ist.

Zweitens lassen sich Rebalancing-Trades in vielen Fällen durch reine Käufe gestalten, ohne dass Verkäufe nötig werden. Wer monatlich oder quartalsweise neues Geld in das Depot einzahlt, kann den jeweiligen Sparplan-Anteil so wählen, dass er die untergewichtete Anlageklasse stärkt. Dieses sogenannte Cash-Flow-Rebalancing ist in der Vanguard-Analyse bewusst ausgeklammert, weil die Simulationen ohne Mittelzu- und -abflüsse rechnen. Für deutsche Sparplan-Anleger ist diese Variante steuerlich besonders attraktiv, weil keine Veräußerungsgewinne realisiert werden. Erst wenn die Allokationsabweichung allein durch zusätzliche Käufe nicht mehr korrigierbar ist, etwa weil ein ausgewachsenes Depot mit hohem Bestand auf vergleichsweise kleine monatliche Einzahlungen trifft, lohnt sich der Wechsel zu einem schwellenbasierten Verkaufs-Rebalancing nach Vanguard-Logik.

Was sich aus den Erkenntnissen ableiten lässt

Wer ein größeres Multi-Asset-ETF-Portfolio mit ausreichendem Volumen und ohne nennenswerte laufende Einzahlungen verwaltet, profitiert nach der Vanguard- und Journal-Forschung von 2024 am stärksten von einer schwellenbasierten Strategie nahe der Vanguard-Empfehlung von 200/175 Basispunkten. Die Voraussetzung dafür ist die tägliche oder zumindest wöchentliche Überwachung der Allokation, was sich mit gängigen Depot-Apps und Portfolio-Trackern realisieren lässt. Für ETF-Sparer mit laufenden monatlichen Einzahlungen ist Cash-Flow-Rebalancing die deutlich steuereffizientere Variante, weil sie ohne Veräußerungsgewinne auskommt und die Abgeltungsteuer-Belastung vermeidet.

Komplett auf Rebalancing zu verzichten, kann in zwei Konstellationen sinnvoll sein. Erstens bei Anlegern mit langem Anlagehorizont, die eine deutliche Erhöhung des Risikoanteils im Depot bewusst akzeptieren wollen, etwa um in der Akkumulations-Phase mehr Aktienquote aufzubauen. Zweitens bei sehr kleinen Depots, bei denen die fixen Transaktionskosten pro Trade die theoretischen Rebalancing-Vorteile auffressen. In allen anderen Fällen ist die Frage nicht, ob, sondern wie häufig und mit welchem Auslöser rebalanciert wird, wobei die Vanguard- und Journal-Forschung die schwellenbasierte Variante mit Cash-Flow-Stützung als das robusteste Setup für Multi-Asset-Anleger ausweist.

Dominik Maier, Redaktion finanzen.net

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