Zu viel Deutschland im Depot? Die Risiken des Home Bias verstehen

Viele Anleger investieren bevorzugt in Unternehmen aus dem eigenen Land. Doch wer nur auf den Heimatmarkt setzt, verzichtet möglicherweise auf wichtige Diversifikationseffekte.
Werte in diesem Artikel
• Viele Anleger setzen unbewusst zu stark auf heimische Aktien und erhöhen damit ihr Klumpenrisiko
• Ein hoher Home Bias macht das Depot stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung eines einzelnen Landes abhängig
• Weltweit gestreute ETFs können helfen, Risiken breiter zu verteilen und die Diversifikation zu verbessern
Was hinter dem sogenannten Home Bias steckt
Als Home Bias wird die Tendenz bezeichnet, einen überdurchschnittlich großen Teil des Vermögens in heimische Wertpapiere zu investieren. Anleger greifen deshalb häufig zu bekannten Unternehmen, während ausländische Titel deutlich geringer gewichtet werden.
Dieses Verhalten ist kein deutsches Phänomen. Studien zeigen, dass Anleger weltweit dazu neigen, Aktien aus ihrem Heimatland zu bevorzugen. Als Gründe gelten unter anderem Vertrautheit, bessere Kenntnis heimischer Unternehmen und die stärkere Präsenz nationaler Konzerne in Medien und Alltag. Die Forschung von Kenneth R. French und James M. Poterba kommt zu dem Ergebnis, dass Anleger trotz der bekannten Vorteile internationaler Diversifikation häufig einen Großteil ihres Aktienvermögens im Heimatmarkt halten.
Warum ein starker Heimatfokus Risiken mit sich bringt
Wer einen großen Teil seines Vermögens in Aktien eines einzelnen Landes investiert, macht die eigene Vermögensentwicklung stärker von dessen wirtschaftlicher Lage abhängig. Gerät die nationale Wirtschaft unter Druck oder schwächelt der heimische Aktienmarkt über längere Zeit, wirkt sich das unmittelbar auf das Depot aus.
Dieses sogenannte Klumpenrisiko entsteht, weil sich Unternehmen innerhalb eines Landes oft ähnlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gegenübersehen. Konjunkturentwicklung, politische Entscheidungen, Zinsniveau oder regulatorische Eingriffe können zahlreiche Unternehmen gleichzeitig beeinflussen.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine stärkere internationale Streuung von Kapital dazu beitragen kann, länderspezifische Risiken abzufedern. So kommen Forscher um Bent E. Sørensen zu dem Ergebnis, dass Länder mit geringerer Heimatmarktorientierung tendenziell stärker von internationaler Risikostreuung profitieren.
Warum die Weltwirtschaft größer ist als der Heimatmarkt
Ein Blick auf die globale Börsenlandschaft verdeutlicht, warum eine ausschließliche Konzentration auf den Heimatmarkt oft nicht die tatsächliche Struktur der Weltwirtschaft widerspiegelt. Die größten börsennotierten Unternehmen stammen aus zahlreichen Regionen und Branchen. Innovationen, Wachstum und Unternehmensgewinne entstehen nicht nur in einem einzelnen Land.
Breit gestreute Aktienindizes berücksichtigen diese globale Verteilung. Nach der Methodik des Indexanbieters MSCI werden Unternehmen auf Basis ihrer frei handelbaren Marktkapitalisierung gewichtet. Dadurch erhalten größere Unternehmen und bedeutendere Aktienmärkte automatisch ein höheres Gewicht, während kleinere Märkte entsprechend geringer vertreten sind. Diese Vorgehensweise soll die Struktur des investierbaren Aktienmarktes möglichst realitätsnah abbilden.
Wie globale ETFs das geografische Risiko reduzieren können
Eine Möglichkeit zur Verringerung des Home Bias besteht darin, das Aktienportfolio international auszurichten. Weltweite Aktienindizes bündeln Unternehmen aus zahlreichen Industrieländern oder zusätzlich auch aus Schwellenländern. Anleger beteiligen sich dadurch nicht mehr nur an der Entwicklung einer einzelnen Volkswirtschaft, sondern an vielen Märkten gleichzeitig.
Die Deutsche Kreditbank AG (DKB) weist darauf hin, dass eine regionale Diversifikation dazu beitragen kann, Risiken breiter zu streuen. Schwächephasen einzelner Länder oder Regionen müssen sich dann nicht zwangsläufig in gleichem Maße auf das gesamte Depot auswirken.
Breit aufgestellte Welt-ETFs ermöglichen diese geografische Streuung mit nur einem Wertpapier. Sie bilden die Entwicklung vieler Unternehmen und Länder gleichzeitig ab und reduzieren damit die Abhängigkeit von einzelnen Märkten. Das bedeutet nicht, dass Verluste ausgeschlossen werden. Es kann jedoch helfen, das Depot widerstandsfähiger gegenüber länderspezifischen Risiken zu machen.
Home Bias erkennen und das Depot einordnen
Ein gewisser Anteil heimischer Aktien ist nicht automatisch problematisch. Entscheidend ist die Gesamtstruktur des Portfolios. Wer feststellt, dass ein Großteil des investierten Vermögens von der Entwicklung eines einzigen Landes abhängt, sollte sich bewusst machen, welches zusätzliche Risiko damit verbunden ist.
Der Home Bias zeigt, dass Anleger häufig nicht nach globalen Marktgewichten investieren, sondern nach Vertrautheit. Eine internationale Streuung kann dazu beitragen, dieses Ungleichgewicht zu verringern und die Entwicklung des Depots auf mehrere Volkswirtschaften zu verteilen. Langfristig steht dabei nicht die Suche nach dem besten einzelnen Markt im Vordergrund, sondern eine möglichst breite Beteiligung an der weltweiten Unternehmenslandschaft.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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Bildquellen: Black Salmon / Shutterstock.com, Lightspring / Shutterstock.com
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