MSCI-World-ETFs im Vergleich: Warum das Fondsdomizil über die Rendite entscheidet

Wer einen ETF auf den MSCI World kauft, wählt oft zwischen mehreren Produkten mit gleichen Kosten und gleicher Struktur. Warum das Fondsdomizil die Rendite beeinflusst.
Werte in diesem Artikel
• ETFs mit identischem Index können unterschiedliche Nettorenditen erzielen
• Irisch domizilierte MSCI-World-ETFs profitieren häufig von steuerlichen Vorteilen
• Schon wenige Basispunkte Renditevorteil pro Jahr können durch den Zinseszinseffekt Unterschiede im Vermögensaufbau machen
Gleicher Index, unterschiedlicher Standort
Zwei ETFs auf denselben Index, mit derselben Gesamtkostenquote und derselben Replikationsmethode können sich in ihrer Rendite trotzdem dauerhaft unterscheiden. Der Grund liegt nicht in der Verwaltung des Fonds, sondern in seinem rechtlichen Sitz. Die ISIN verrät dabei, wo ein ETF beheimatet ist: Kürzel wie IE stehen für Irland, LU für Luxemburg. Ein in Irland domizilierter MSCI-World-ETF und ein luxemburgischer Konkurrent können denselben Index nachbilden, physisch replizierend und für Anleger gleichermaßen zugänglich sein, sich in ihrer Nettoperformance jedoch messbar voneinander unterscheiden.
Das Doppelbesteuerungsabkommen als entscheidender Faktor
Der Kern des Unterschieds liegt im steuerlichen Verhältnis zwischen dem Fondsdomizil und den USA. Der MSCI World besteht zu einem sehr großen Teil aus US-amerikanischen Unternehmen, so machen die Vereinigten Staaten regelmäßig den größten Anteil am Index aus. Wenn diese Unternehmen Dividenden ausschütten, erheben die USA eine Quellensteuer. Wie hoch diese ausfällt, hängt vom Doppelbesteuerungsabkommen zwischen den USA und dem Land ab, in dem der empfangende Fonds seinen Sitz hat.
Irland hat mit den USA ein modernes Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen, das am 28. Juli 1997 in Dublin unterzeichnet wurde. Gemäß Artikel 10 dieses Abkommens beträgt die Quellensteuer auf Dividenden, die an irische Fonds fließen, in der Regel 15 Prozent. Das US-Luxemburg-Abkommen wurde am 3. April 1996 in Luxemburg unterzeichnet und trat zum 1. Januar 2001 in Kraft. Damit scheinen beide Abkommen auf den ersten Blick vergleichbar. Der Unterschied liegt jedoch in der praktischen Anwendung: Irische Fonds können die günstige Regelung für gewöhnlich unmittelbar und vollständig in Anspruch nehmen, während Luxemburger Fonds je nach Vertragsauslegung und Fondsstruktur nicht immer in den Genuss der günstigsten Konditionen kommen. In der Praxis führt das dazu, dass irische MSCI-World-ETFs auf US-Dividenden häufig tatsächlich 15 Prozent Quellensteuer zahlen, Luxemburger Pendants aber teils den US-Standardsteuersatz von 30 Prozent abführen müssen.
Was der Unterschied konkret bedeutet: eine Beispielrechnung
Der jährliche Renditevorteil lässt sich in drei Schritten nachvollziehen. Ausgangspunkt ist der typische US-Anteil im MSCI World von rund 70 Prozent. Die Dividendenrendite des amerikanischen Marktes liegt historisch bei etwa 1,5 Prozent. Daraus ergibt sich ein dividendenrelevanter Portfolioanteil von rund 1,05 Prozent des Gesamtfonds (70 Prozent mal 1,5 Prozent). Auf diesen Betrag beträgt der Steuervorteil 15 Prozentpunkte, also die Differenz zwischen dem für Luxemburger Fonds anfallenden höheren Steuersatz und den 15 Prozent für irische Fonds. Das ergibt einen jährlichen Renditevorteil von rund 0,16 Prozent, also etwa 16 Basispunkten, zugunsten des irisch domizilierten ETFs. Bei einer angenommenen jährlichen Mehrrendite von 0,16 Prozentpunkten würde ein Anleger bei einer einmaligen Investition von 10.000 Euro nach zehn Jahren, bei ansonsten identischer Marktentwicklung und einer jährlichen Rendite von 7 Prozent, auf einen Mehrwert von rund 220 Euro kommen. Über mehrere Jahrzehnte und bei regelmäßigen Sparplänen kann sich der Effekt entsprechend stärker summieren.
Vergleicht man zwei strukturell ähnliche MSCI-World-ETFs mit unterschiedlichem Domizil anhand ihrer ausgewiesenen Nettoperformance, lässt sich die Größenordnung dieses Effekts in der Praxis nachvollziehen. Die beobachtbare Renditedifferenz zwischen einem irischen und einem luxemburgischen Produkt lässt sich dabei nicht vollständig dem Domizil zuschreiben: Ein Teil des Abstands erklärt sich aus dem jeweiligen Kostenunterschied zwischen den TERs beider Fonds. Bereinigt man die Differenz um diesen Kosteneffekt, verbleibt typischerweise ein Restbetrag, der die unterschiedliche Quellensteuerbelastung auf US-Dividenden widerspiegelt und in seiner Größenordnung den theoretisch berechneten rund 16 Basispunkten Quellensteuervorteil plausibel bestätigt. Ein direkter Eins-zu-eins-Vergleich bleibt jedoch stets mit Einschränkungen behaftet, da beide Fonds leicht unterschiedliche Replikationsansätze und Wertpapierleiheeinnahmen aufweisen können, die das Ergebnis ebenfalls beeinflussen.
Wann das Domizil eine Rolle spielt und wann nicht
Die beschriebene Wirkung gilt speziell für Indizes mit hohem US-Anteil. Beim MSCI World ist dieser Effekt besonders ausgeprägt, weil US-Aktien den Großteil des Index ausmachen. Bei Indizes ohne starke USA-Gewichtung, etwa reinen Europa- oder Schwellenländer-ETFs, spielt das Fondsdomizil dagegen eine deutlich kleinere Rolle. Wer also einen Fonds auf europäische Aktien oder auf den MSCI Emerging Markets sucht, wird kaum einen messbaren Unterschied zwischen irischen und luxemburgischen Varianten feststellen.
Für Anleger, die einen breit gestreuten globalen ETF als Kerninvestment aufbauen, ist das Domizil damit ein konkretes Auswahlkriterium. Sowohl Irland als auch Luxemburg gelten als regulatorisch stabile und für Fondskonstruktionen etablierte Standorte innerhalb der Europäischen Union. Der Unterschied liegt nicht in der Fondsqualität oder -sicherheit, sondern allein in der steuerlichen Stellung gegenüber amerikanischen Dividenden. Das Fondsdomizil ist eines von mehreren Kriterien bei der ETF-Auswahl, aber kein zu vernachlässigendes. Gerade bei langjährigen Sparplänen auf den MSCI World kann die steuerliche Behandlung von US-Dividenden die reale Nettoperformance dauerhaft beeinflussen. Es handelt sich nicht um einen Marketingvorteil, sondern um einen strukturellen Unterschied, der aus den Regelungen der jeweiligen Doppelbesteuerungsabkommen folgt.
Jonas Vogt, Redaktion finanzen.net
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