MSCI World Momentum ETF: Er kauft systematisch, was steigt, und 30 Jahre Forschung geben ihm recht

Seit über 30 Jahren belegt die Finanzforschung, dass Aktien, die zuletzt gestiegen sind, dazu neigen, weiter zu steigen. Dieser ETF macht genau dieses Prinzip zum System und schlägt den klassischen Welt-ETF.
Werte in diesem Artikel
Das Wichtigste in Kürze:
- 348 Aktien aus den Industrieländern, ausgewählt danach, welche gerade am stärksten steigen, und eine der am besten belegten Strategien der Finanzwissenschaft als Fundament.
- Über drei Jahre mehr als 107 Prozent Rendite, deutlich vor dem klassischen MSCI World mit 64 Prozent, und trotzdem ein anderer, überraschend ausgewogener Blick in den Korb.
- Weniger USA, weniger Klumpenrisiko in einer Branche und trotzdem NVIDIA an der Spitze: warum der Momentum-Ansatz das Portfolio ganz anders zusammensetzt als ein marktkapitalisierter Weltindex.
Aktien, die zuletzt gestiegen sind, steigen tendenziell weiter. Was nach Börsenmythos klingt, ist eine der am besten belegten Beobachtungen der Finanzwissenschaft. Seit der bahnbrechenden Studie von Jegadeesh und Titman im Jahr 1993 haben Dutzende Untersuchungen in den renommiertesten Fachzeitschriften gezeigt, dass der sogenannte Momentum-Effekt über Jahrzehnte, über Ländergrenzen und sogar über Anlageklassen hinweg nachweisbar ist. Der Xtrackers MSCI World Momentum UCITS ETF macht dieses Prinzip zum investierbaren Produkt. Er filtert aus dem MSCI World die Aktien mit der stärksten jüngsten Kursdynamik heraus und gewichtet sie höher. Das Ergebnis überrascht: nicht nur eine über drei und fünf Jahre höhere Rendite als der klassische Weltindex, sondern auch ein anderes, in mancher Hinsicht ausgewogeneres Portfolio.
348 Momentum-Gewinner für 0,25 Prozent
Der Xtrackers MSCI World Momentum UCITS ETF 1C bildet den MSCI World Momentum Index ab. Dieser nimmt das Universum des MSCI World und gewichtet diejenigen Aktien höher, die über die vergangenen sechs und zwölf Monate die stärkste risikobereinigte Kursentwicklung gezeigt haben. Werte mit schwacher Dynamik werden heruntergewichtet oder fallen ganz heraus. Überprüft und neu zusammengestellt wird der Index halbjährlich, im Mai und November. Das bedeutet: Die Zusammensetzung dreht sich regelmäßig, weil sich die Gewinner von gestern nicht zwangsläufig mit denen von morgen decken.
Aktuell enthält der Index 348 Positionen, deutlich weniger als die rund 1.450 des klassischen MSCI World, aber breit genug, um das Risiko einzelner Titel zu begrenzen. Umgesetzt wird das über vollständige physische Replikation, der Fonds hält die Aktien also tatsächlich. Die laufenden Kosten betragen 0,25 Prozent pro Jahr, exakt gleich viel wie bei allen Konkurrenz-Momentum-ETFs im UCITS-Bereich (iShares, Amundi, Xtrackers ESG-Variante). Der Unterschied liegt im Detail: Der iShares Edge MSCI World Momentum Factor ist mit rund 4,8 Milliarden Euro der größte und nutzt optimiertes Sampling, der Xtrackers mit knapp 2 Milliarden Euro repliziert vollständig. Erträge werden thesauriert. Aufgelegt wurde der Fonds im September 2014, er bringt also fast zwölf Jahre Börsengeschichte mit.
Was die Forschung über Momentum weiß und was sie nicht weiß
Momentum gehört zu den am intensivsten untersuchten Phänomenen der Finanzwissenschaft. Die Ausgangsstudie von Jegadeesh und Titman 1993 zeigte, dass eine Strategie, die auf die stärksten Aktien der vergangenen drei bis zwölf Monate setzt, in den folgenden Monaten eine statistisch signifikante Überrendite von rund einem Prozent pro Monat erzielte. Carhart (1997) etablierte Momentum als vierten Faktor in der Bewertung von Fondsrenditen, neben Markt, Größe und Substanz. Rouwenhorst (1998) bestätigte den Effekt für zwölf europäische Länder. Und Asness, Moskowitz und Pedersen zeigten 2013, dass Momentum nicht nur bei Aktien funktioniert, sondern auch bei Anleihen, Währungen und Rohstoffen. Über 60 hochrangige Veröffentlichungen in den drei führenden Fachzeitschriften der Finanzökonomie haben sich mit dem Thema befasst.
Die Erklärung liegt nach vorherrschender Meinung in der Verhaltensökonomie. Anleger reagieren auf gute Nachrichten zu langsam, weil sie an ihren bisherigen Einschätzungen festhalten (Underreaction). Die Kurse steigen deshalb nicht sofort auf ihr faires Niveau, sondern arbeiten sich schrittweise dorthin, was einen trendartigen Verlauf erzeugt, den eine Momentum-Strategie ausnutzt. Das Fama-French-Dreifaktorenmodell, das viele andere Renditeanomalien erklären kann, scheitert an Momentum, weshalb Fama selbst es als eine der größten Herausforderungen für die Markteffizienztheorie bezeichnet hat.
Doch die Forschung zeigt auch die Risiken. Momentum-Strategien sind anfällig für abrupte Trendwenden, sogenannte Momentum-Crashs, bei denen die bisherigen Gewinner plötzlich einbrechen und die bisherigen Verlierer sprunghaft steigen. Die stärksten historischen Einbrüche fielen in Phasen, in denen sich ein Bärenmarkt in eine rasante Erholung drehte, etwa 2009. Zudem funktioniert Momentum nicht in allen Märkten gleich gut: In Japan etwa liefern Momentum-Strategien historisch kaum oder gar keine Überrendite. Die Strategie ist kein Freifahrtschein, sondern ein Stilfaktor mit bekannten Stärken und klar dokumentierten Schwächen.
NVIDIA, Broadcom und Micron: der Momentum-Korb hat seine eigene Logik
Die zehn größten Positionen stellen zusammen 28,99 Prozent, ähnlich viel wie im klassischen MSCI World mit 27,66 Prozent. Doch die Zusammensetzung unterscheidet sich auffällig. Apple, Microsoft, Amazon, Meta und Tesla, die im MSCI World zusammen über 13 Prozent ausmachen, fehlen im Momentum-Top-10. Stattdessen stehen dort Titel, die in den vergangenen Monaten die stärkste Kursdynamik zeigten. Die Namen wechseln also häufiger als bei einem marktkapitalisierten Index, was zum Charakter einer Momentum-Strategie gehört.
Aktuell größte Position ist NVIDIA mit 5,32 Prozent. Der Konzern ist als Weltmarktführer bei KI-Rechenbeschleunigern das Epizentrum des aktuellen Technologiebooms. Auf der Telekomkonferenz DTW Ignite in Kopenhagen (23. bis 25. Juni 2026) stellte NVIDIA seine NemoClaw-Plattform und die OpenShell-Laufzeitumgebung vor, mit denen Telekommunikationsunternehmen rund um die Uhr autonome KI-Agenten betreiben können, von selbstheilenden 5G-Netzen bis zur vorausschauenden Wartung. Die Meldung zeigt, dass NVIDIA seine KI-Technologie über Rechenzentren hinaus in weitere Milliardenmärkte wie die Telekommunikation hineinträgt.
Auf Rang zwei folgt Broadcom mit 5,18 Prozent. Der Halbleiter- und Infrastruktursoftwarekonzern liefert Netzwerkchips für Rechenzentren und betreibt seit der Übernahme von VMware ein großes Softwaregeschäft. Am 9. Juni 2026 veröffentlichte Broadcom seinen Private Cloud Outlook 2026, demzufolge 56 Prozent der Unternehmen ihre produktive KI-Inferenz bereits auf der privaten Cloud betreiben oder dies planen, während der Anteil der öffentlichen Cloud für dieselben Aufgaben gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozentpunkte auf 41 Prozent gefallen ist. Die Studie zeigt einen Wendepunkt: Unternehmen verlagern KI-Rechenlasten aus Kosten- und Sicherheitsgründen zurück in eigene Rechenzentren, wovon Broadcom als Anbieter der zugrunde liegenden Infrastruktur profitiert.
Den dritten Platz belegt Micron Technology mit 3,81 Prozent. Der US-Speicherchiphersteller ist neben Samsung und SK Hynix einer der drei globalen Anbieter von DRAM, NAND und hochbandbreitigem Speicher für KI-Infrastruktur. Am 24. Juni 2026, also heute, meldete Micron Rekordergebnisse für das dritte Geschäftsquartal: Der Umsatz stieg auf 41,46 Milliarden US-Dollar, mehr als viereinhalb Mal so viel wie im Vorjahresquartal mit 9,30 Milliarden US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 25,11 US-Dollar und übertraf die Analystenerwartungen um rund 4,60 US-Dollar. Die Bruttomarge erreichte 84,9 Prozent, ein Unternehmensrekord, getrieben von der explodierenden Nachfrage nach KI-Speicher. Das Management hob die Prognose für das vierte Quartal auf rund 50 Milliarden US-Dollar Umsatz an. Die Aktie legte nachbörslich um fast 14 Prozent zu. Genau solche Zahlen sind es, die eine Aktie in den Momentum-Index befördern: beschleunigte Gewinne, steigende Kurse, eine Dynamik, die sich selbst verstärkt.
Weniger USA, breitere Sektoren, höhere Rendite, mehr Schwankung
Der vielleicht überraschendste Befund steckt nicht in den Top-3, sondern in der Gesamtaufteilung, und genau hier unterscheidet sich der Momentum-ETF am deutlichsten vom klassischen Welt-ETF. Die USA stellen 50,44 Prozent, rund 18 Prozentpunkte weniger als die 68,39 Prozent im MSCI World. Japan wiegt mit 10,00 Prozent fast doppelt so schwer wie im Klassiker mit 5,60 Prozent. Kanada und Großbritannien sind ebenfalls stärker vertreten. Die Erklärung liegt in der Methodik: Eine Momentum-Strategie gewichtet nicht nach Börsenwert, sondern nach Kursdynamik, und wenn japanische oder kanadische Aktien gerade stärker laufen als US-Schwergewichte, rücken sie automatisch vor. Das Ergebnis ist ein Portfolio, das weniger von einem einzigen Land abhängt.
Auf Sektorebene zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Technologie führt zwar auch hier mit 31,87 Prozent, knapp über den 29,79 Prozent im MSCI World. Doch dahinter folgen Finanzdienstleistungen mit 18,80 Prozent und Industrie mit 17,57 Prozent, zwei Sektoren, die im klassischen Weltindex zusammen nur auf rund 24 Prozent kommen. Der Momentum-ETF ist also nicht der reine KI-Turbo, als den man ihn auf den ersten Blick vermuten könnte. Weil die Momentum-Methodik Titel aus allen Branchen nach Kursdynamik auswählt, füllt sie automatisch diejenigen Sektoren auf, die gerade im Aufwind sind. Im aktuellen Umfeld sind das neben Technologie eben auch Finanzwerte und Industrieunternehmen, die von fiskalischen Impulsen, steigenden Verteidigungsausgaben und einem robusten Arbeitsmarkt profitieren. Der Effekt: Die Abhängigkeit von einem einzigen Sektor ist geringer als im klassischen Index, weil der Momentum-Ansatz die Last auf mehrere tragende Säulen verteilt.
Die Wertentwicklung untermauert die Theorie, zumindest für die jüngere Vergangenheit. Über drei Jahre kommt der Momentum-ETF auf kumuliert 107,26 Prozent, der klassische MSCI World auf 63,74 Prozent. Über fünf Jahre: 103,43 gegenüber 80,00 Prozent. Im laufenden Jahr liegt der Momentum-ETF mit 28,23 Prozent ebenfalls klar vor den 11,75 Prozent des Klassiker. Im Kalenderjahr 2024 zog der Momentum-ETF mit 38,23 Prozent dem MSCI World mit 26,23 Prozent davon, in 2023 blieb er mit 7,77 Prozent hinter den 19,61 Prozent zurück, weil der Markt zu Jahresbeginn abrupt die Gewinner des Vorjahres abverkaufte. Im schwachen Jahr 2022 verloren beide annähernd gleich viel (12,75 versus 13,03 Prozent). Das sind historische Werte und keine Prognose.
Beim Risiko zeigt sich die Kehrseite. Die Volatilität lag über ein Jahr bei 17,23 Prozent, deutlich über den 10,52 Prozent des MSCI World. Über fünf Jahre: 17,68 gegenüber 14,69 Prozent. Der maximale Rückschlag über fünf Jahre betrug 22,20 Prozent, seit Auflage 31,37 Prozent. Wer Momentum kauft, kauft also auch mehr Schwankung. Das Rendite-Risiko-Verhältnis über drei Jahre liegt mit 1,57 zwar klar über dem des MSCI World mit 1,36, über ein Jahr ist der Vorsprung aber knapper (2,18 versus 2,33), weil die höhere Volatilität den Renditevorteil teilweise auffrisst. Entscheidend ist: In Phasen abrupter Trendwenden kann der Momentum-Ansatz stärker fallen als der breite Markt, weil er genau die Titel übergewichtet, die zuvor am meisten gestiegen sind und im Crash am stärksten korrigieren.
Für wen sich der Momentum-ETF eignet
Der Xtrackers MSCI World Momentum eignet sich für langfristig orientierte Anleger, die an die wissenschaftlich gut dokumentierte Momentum-Prämie glauben und bereit sind, höhere Schwankungen in Kauf zu nehmen. Als Ersatz für einen klassischen MSCI-World-ETF bietet er eine andere Gewichtungslogik, die das US-Klumpenrisiko deutlich reduziert und die Sektorverteilung ausgewogener gestaltet. Als Ergänzung kann er ein Weltportfolio um einen Faktor erweitern, der historisch eine Überrendite geliefert hat, aber nicht in jeder Marktphase funktioniert. Wer ihn einsetzt, sollte die regelmäßige Rotation der Top-Positionen als Feature und nicht als Bug verstehen, und die Jahre einkalkulieren, in denen Momentum hinter dem breiten Markt zurückbleibt, denn genau diese Geduld belohnt die Strategie nach bisheriger Datenlage langfristig. Als alleiniger Baustein ist der Fonds bedingt geeignet, weil er mit 348 Titeln weniger breit streut als der MSCI World und in Krisenphasen stärker einbrechen kann. Als bewusster Stilfaktor im Kern eines diversifizierten Portfolios hat er dagegen eine Berechtigung, die nicht auf Bauchgefühl beruht, sondern auf über 30 Jahren Empirie.
Daniel Dünn, Redaktion TraderFox (finanzen.net).
Dieser Artikel stellt keine Anlageberatung dar. Aktien-ETFs unterliegen Kursschwankungen, zwischenzeitliche Verluste sind möglich. Vergangene Renditen und wissenschaftliche Studien sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.
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