Goldpreis-Einbruch im Irankrieg: Der Mythos vom sicheren Hafen bröckelt

Seit dem Beginn des Irankriegs ist der Goldpreis deutlich gefallen. Eine Datenanalyse zeigt, wie die Annahme, Gold schütze vor geopolitischen Risiken, statistisch längst nicht mehr haltbar ist.
• Seit Beginn des Irankriegs ist der Goldpreis kräftig gefallen
• Der Geopolitical Risk Index (GPR) erreichte im März 2026 den stärksten Monatsanstieg der 2020er-Jahre
• Hulbert Ratings hat die Korrelation zwischen Gold und dem GPR über rollierende Fünfjahreszeiträume seit 1968 ausgewertet
Goldpreis im Kriegsmodus
Als die USA und ihre Verbündeten Ende Februar 2026 in den Iran angriffen, warteten viele Anleger auf das erwartete Signal: Gold als sicherer Hafen in der Krise. Eingetroffen ist das Gegenteil. Der Goldpreis ist seit Kriegsbeginn um mehr als 19 Prozent gefallen. Aktuell liegt der Goldpreis bei rund 4.342 US-Dollar je Feinunze; zu Beginn des Krieges hatte Gold noch bei über 5.200 US-Dollar notiert.
Dass ausgerechnet dieser Kursverfall während eines eskalierenden Konflikts eintrat, steht im offensichtlichen Widerspruch zur gängigen Anlegerlogik. Mark Hulbert behandelt diesen Widerspruch in seiner Analyse bei MarketWatch nicht als Kuriosität, sondern als empirischen Befund mit Konsequenzen.
Der GPR-Index: Was die Daten seit 1968 zeigen
Das Ausmaß des geopolitischen Risikos in diesem Zeitraum war messbar hoch. Der Geopolitical Risk Index (GPR), den Dario Caldara und Matteo Iacoviello als Ökonomen der Federal Reserve auf Basis von Artikeln führender internationaler Tageszeitungen konstruiert haben, erreichte laut einem LinkedIn-Beitrag des Finanzanalysten Dionysios Tsilioris im März 2026 einen Wert von 297. Das entspricht dem stärksten Monatsanstieg in den 2020er-Jahren, mit einem Plus von 144 Prozent gegenüber dem Vormonat. Eine weitere LinkedIn-Quelle nennt für einen anderen Zeitpunkt im Frühjahr 2026 den Wert 251,38; die beiden Angaben beziehen sich jedoch auf unterschiedliche Stichtage und sind daher nicht direkt vergleichbar.
Hulbert hat nun ausgewertet, wie der monatliche Goldpreis und der GPR seit 1968 über rollierende Fünfjahreszeiträume miteinander korrelieren. Das Ergebnis, publiziert in seiner Analyse bei MarketWatch: Der Korrelationskoeffizient schwankte in diesem Zeitraum zwischen -0,28 und +0,33. Ein negativer Wert bedeutet, dass Gold und GPR eine inverse Dynamik aufweisen; ein positiver, dass sie sich gleichläufig entwickeln. Eine statistisch stabile Beziehung, die als verlässliche Handlungsregel taugen würde, ergibt sich daraus nicht.
Hulbert schließt daraus, dass das aktuelle Verhalten des Goldpreises kein historischer Ausreißer ist, sondern sich nahtlos in das Muster der vergangenen Jahrzehnte fügt. Wer als Market-Timer eine geopolitische Eskalation als Kaufsignal für Gold genutzt hat, stand historisch genauso oft auf der falschen Seite.
Gold, Inflation, US-Dollar
Hulberts Analyse beschränkt sich nicht auf den GPR. Er hat dieselbe Methode auf drei weitere Indikatoren angewandt, die in der Anlegerpraxis regelmäßig als Goldtreiber genannt werden: den US-Verbraucherpreisindex (CPI), den Dollar-Index DXY und den Economic Policy Uncertainty Index, der politische und wirtschaftliche Unsicherheit misst. Das Ergebnis ist laut dem MarketWatch-Bericht in allen drei Fällen dasselbe: Die rollierenden Fünfjahres-Korrelationen sind über die Zeit ebenso instabil wie beim GPR. Damit stellt Hulbert eines der gängigsten Narrative über Gold infrage: dass der Preis bei steigender Inflation zuverlässig zulegt. Tatsächlich zeigt die in seiner Analyse abgebildete Grafik, dass CPI und Gold zwar Phasen gleichläufiger Entwicklung kennen, diese Phasen aber nicht dauerhaft sind. Wes Crill, Vice President und Senior Client Solutions Director bei Dimensional Fund Advisors, bringt es in einem Schreiben, das MarketWatch vorlag, auf den Punkt: "Investoren sollten vorsichtig sein, Gold in der Hoffnung zu halten, sich gegen erwartete ungünstige Ereignisse abzusichern."
Langfristiger Werterhalt vs. kurzfristiges Krisenhedge
Hulbert selbst räumt in seiner Analyse eine Einschränkung ein: Seine Auswertung basiert auf rollierenden Fünfjahreszeiträumen. Für deutlich längere Horizonte gibt es tatsächlich Belege für eine Schutzfunktion von Gold. Campbell Harvey, Finanzprofessor an der Duke University, und Claude Erb, früherer Rohstoff- und Anleihemanager bei der TCW Group, zeigten in ihrer 2013 im Financial Analysts Journal veröffentlichten Studie "The Golden Dilemma", dass Gold über sehr lange Zeiträume von einem Jahrhundert oder mehr seine Kaufkraft erhält. Kurz- und mittelfristig hingegen, über Jahre und selbst über Jahrzehnte, ist diese Beziehung zur Inflation nach den Befunden der Studie instabil.
Für Anleger, die auf Gold als taktisches Krisenschutzinstrument setzen, ist das ein relevanter Unterschied. Der Kaufkrafterhalt über Generationen ist eine andere Kategorie als der Schutz vor einem akuten Kurseinbruch im Portfolio.
Was Anleger mit dieser Erkenntnis anfangen können
Aus seiner Analyse leitet Hulbert eine pragmatische Schlussfolgerung ab: Wer Gold im Portfolio halten möchte, sollte eine kleine, aber feste Quote wählen und diese unabhängig von externen Faktoren beibehalten. Den Goldanteil als Reaktion auf Kriegsmeldungen, Inflationsdaten oder Währungsbewegungen anzupassen, sei nach den historischen Daten "höchstwahrscheinlich vergebliche Liebesmüh", schreibt er bei MarketWatch. Diese Einschätzung ist als persönliche Schlussfolgerung des Autors zu verstehen, nicht als Konsensposition der Finanzbranche.
Was der aktuelle Rückgang unter realen Marktbedingungen zeigt: Geopolitische Eskalation und Goldpreisentwicklung laufen auch in einem der intensivsten Konflikte der jüngeren Geschichte nicht zwingend synchron. Der Iran-Krieg hat das nicht neu erfunden, er hat es nur besonders deutlich gemacht.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.net
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