Gold stößt US-Dollar vom Thron der Reserveanlagen: Warum Zentralbanken plötzlich umdenken

Ende 2025 hielten die Notenbanken der Welt erstmals seit den 1990er-Jahren mehr Gold als US-Staatsanleihen. Was steckt hinter diesem Wandel - und wie grundlegend ist er wirklich?
• 27 Prozent der globalen Zentralbankreserven bestanden Ende 2025 aus Gold
• Goldpreis stieg 2025 um rund 60 Prozent
• Zentralbanken erwarben 2025 rund 863 Tonnen Gold
Die Zahlen hinter dem Wendepunkt
Die Europäische Zentralbank hat im Juni 2026 in ihrem Jahresbericht zur internationalen Rolle des Euro die Verschiebung schwarz auf weiß dokumentiert: Gold machte Ende 2025 einen Anteil von 27 Prozent an den globalen offiziellen Reserven der Notenbanken aus. Ein Jahr zuvor waren es noch nur 20 Prozent gewesen, wie aus dem EZB-Bericht hervorgeht. Der Anteil an US-Staatsanleihen fiel daneben auf 22 Prozent. Der Euro hielt einen Anteil von 15 Prozent an den Gesamtreserven einschließlich Gold - zu unterscheiden von seinem Anteil an den reinen Devisenreserven, der laut EZB bei knapp 20 Prozent liegt.
Es ist das erste Mal seit 1996, dass ausländische Institutionen mehr Gold als US-Staatspapiere in ihren Reserven halten, wie die EZB in ihrem Bericht festhält. Die Notenbanken der Welt besitzen demnach inzwischen mehr als 36.000 Tonnen Gold und nähern sich damit dem Bretton-Woods-Niveau von rund 38.000 Tonnen an, das zuletzt Anfang der 1970er-Jahre verzeichnet worden war.
Preis oder Prinzip?
Die EZB selbst bremst jedoch voreilige Schlussfolgerungen. Der Anstieg des Goldanteils spiegele "zu einem erheblichen Teil Bewertungseffekte wider", heißt es in dem Bericht. Bewertet man den Goldbestand zu den Preisen von Ende 2023, fällt sein Anteil von 27 Prozent auf rund 16 Prozent - und US-Staatsanleihen stehen dann noch bei 26 Prozent. Grund ist der kräftige Anstieg des Goldpreises, der 2025 laut EZB-Bericht nominal um rund 60 Prozent zulegte, nachdem er 2024 bereits rund 27 Prozent hinzugewonnen hatte, wie der World Gold Council in seinem Jahresbericht für 2024 festhielt.
Ein beträchtlicher Teil der Verschiebung ist also rechnerischer Natur. Zentralbanken haben zwar ihre Goldbestände aufgestockt, aber nicht in einem vergleichbaren Ausmaß, wie der veränderte Anteilswert suggeriert. Dennoch bleibt die strukturelle Kaufbereitschaft real und anhaltend: Laut World Gold Council erwarben Notenbanken 2025 insgesamt rund 863 Tonnen Gold - das bleibt ein historisch hoher Wert, auch wenn das Tempo nach drei Jahren mit jeweils mehr als 1.000 Tonnen nachgelassen hat.
Wer kauft und warum
Die Haupttreiber des Kaufzyklus sind bekannt. Laut EZB-Bericht hat China seit 2022 mehr als 350 Tonnen Gold akkumuliert, Polen rund 320 Tonnen, die Türkei rund 220 Tonnen und Indien rund 130 Tonnen. Als entscheidender Beschleuniger gilt die Entscheidung Washingtons von 2022, nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine dessen Dollarreserven einzufrieren. Dieser Schritt löste bei vielen Notenbanken eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung aus: Gold trägt kein staatliches Gegenparteirisiko, es kann nicht gesperrt oder sanktioniert werden.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde formulierte das übergeordnete Motiv in ihrem Vorwort zum Bericht direkt: "Geopolitische Spannungen treiben weiterhin die starke Nachfrage der Zentralbanken nach Gold an". Dass dieser Trend anhält, zeigen die aktuellsten verfügbaren Daten: Im ersten Quartal 2026 kauften Zentralbanken laut World Gold Council netto 244 Tonnen Gold - das stärkste Quartalsergebnis seit mehr als einem Jahr.
US-Staatsanleihen unter Druck
Das Misstrauen richtet sich aber nicht ausschließlich gegen die Sanktionierbarkeit von Dollarreseven. Zentralbanken nehmen auch die Haushaltslage der USA zunehmend kritisch wahr. Sorgen um die langfristige fiskalische Stabilität, steigende Schuldenlasten und Fragen nach der Unabhängigkeit der Federal Reserve beschleunigen laut Reuters-Analyse den Abbau von Treasuries-Positionen. Der US-Dollar bleibt dabei übergeordnet jedoch operativ dominant: Laut BIS-Triennial-Survey 2022 ist der US-Dollar an 88,5 Prozent aller Devisenhandelstransaktionen beteiligt.
Doch die Reservestruktur ist eine andere Ebene, und dort verschieben sich die Gewichte langsam, aber messbar. Der IWF verfolgt diese Entwicklung in seiner COFER-Statistik mit einem wichtigen methodischen Vorbehalt: Bereinigt man die Dollarquote um Wechselkursbewegungen, fiel der tatsächliche Rückgang des US-Dollar-Anteils an den Devisenreserven im zweiten Quartal 2025 deutlich geringer aus, als die Rohdaten nahelegen. Der unkorrigierte Rückgang von 57,79 Prozent auf 56,32 Prozent schrumpfte nach Wechselkursbereinigung auf lediglich 0,12 Prozentpunkte zusammen. Strukturelle Abkehr und statistische Verzerrung lassen sich in dieser Debatte somit schwer voneinander trennen - das gilt für den US-Dollar ebenso wie für Gold.
Ein historischer Vergleich mit Grenzen
1996 war das letzte Mal, dass Gold die US-Staatsanleihen in den globalen Reserven übertraf. Damals vollzog sich der Rückgang des Goldanteils jedoch aus einer anderen Ausgangslage: Viele westliche Zentralbanken verkauften nach dem Ende von Bretton Woods aktiv ihre Bestände, während Staatsanleihen als modernes Reserveinstrument an Bedeutung gewannen. Heute läuft die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung - Notenbanken kaufen Gold, nicht weil sie Staatsanleihen grundsätzlich ablehnen, sondern weil sie ihre Portfolios diversifizieren und absichern wollen.
Damals war Gold das Fundament des internationalen Währungssystems; heute ist es ein Rohstoff mit Reservefunktion. Der US-Dollar dominiert mit rund 57 Prozent die globalen Devisenreserven nach wie vor klar, wie der EZB-Bericht belegt. Dollardenominierte Vermögenswerte insgesamt, also Staatsanleihen, Bankeinlagen und andere Instrumente, kommen nach EZB-Angaben auf einen Anteil von rund 42 Prozent an den gesamten offiziellen Reserven.
Was vom US-Dollar bleibt
Der Befund der EZB lässt sich auf einen Satz bringen: Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven, sie verlassen den US-Dollar nicht. Die Währung bleibt das dominierende Instrument im globalen Zahlungsverkehr, im Rohstoffhandel und in der Handelsfinanzierung. Was sich verändert, ist die Zusammensetzung der Reservepuffer - weg von einer Monokultur aus Staatsanleihen, hin zu einer breiteren Absicherung, in der Gold wieder einen strategischen Platz einnimmt. UBS-Analysten schrieben in ihrer CIO House View vom 3. Juni 2026, dieser Prozess beschreibe eine "resilientere Reservestruktur in einer Welt mit höherem geopolitischem Risiko" - nicht den Beginn einer neuen Reservewährungsordnung.
Ob der Goldanteil auf seinem hohen Niveau bleibt, hängt jedoch letztlich stark vom Preis ab. Fällt der Goldpreis spürbar, schrumpft auch sein Reserveanteil automatisch - ohne dass eine einzige Tonne verkauft würde. Denn der Bewertungseffekt, den die EZB formulierte, wirkt in beide Richtungen.
Paul Schütte, Redaktion finanzen.net
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