Hormus-Krimi treibt Ölpreise: Doch das Überangebot dämpft das Momentum

Erneute Eskalation zwischen den USA und dem Iran, aber die Ölpreise werden ausgebremst: Chinas Importflaute und die ausgeweitete Produktion von OPEC+ und Russland sorgen für ein sattes Überangebot auf dem globalen Rohölmarkt.
Werte in diesem Artikel
- Militärische Eskalation am Golf: USA und Iran setzen gegenseitige Angriffe fort
- Trotz geopolitischer Spannungen dämpfen Chinas sinkende Importe und ein generelles Überangebot die Marktlage
- OPEC+ und Russland pumpen zusätzlich mehr Öl in den Weltmarkt
Im Konflikt um die Straße von Hormus treiben Washington und Teheran die Eskalation am Persischen Golf weiter voran: Bereits zum vierten Mal in weniger als einer Woche griff das US-Militär den Iran an. Die im Land mächtigen Revolutionsgarden reagierten erneut mit Vergeltungsangriffen auf die Golfstaaten Kuwait und Bahrain sowie auf das gut 1.000 Kilometer entfernte Jordanien. Ob es derzeit einen diplomatischen Ausweg gibt oder wie eine Rückkehr zu einer Waffenruhe gelingen soll, ist völlig unklar.
Die jüngsten Entwicklungen seien zwar eskalierend, blieben aber "deutlich unterhalb eines offenen Kriegszustands", ordnete Saul Kavonic, Senior-Energieanalyst bei MST Marquee, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg ein. Die Ölpreise dürften so lange weiter leicht steigen, wie die Angriffe andauerten und die Passage durch die Straße von Hormus dadurch beeinträchtigt werde. Doch selbst falls sich die Lage beruhigen und man sich auf eine Lockerung der US-Sanktionen verständigen sollte, dürfte es für den Iran schwierig bleiben, seine Ölvorräte tatsächlich am Markt loszuwerden. Denn der wichtigste Abnehmer China zeigt sich zurückhaltend, während gleichzeitig zusätzliches Öl aus anderen Quellen auf den Weltmarkt drängt, wie Analysten gegenüber CNBC einordnen. Fereidun Fesharaki, Chairman Emeritus bei FGE NexantECA, sagte in CNBCs Sendung "Squawk Box Asia", die Chinesen zeigten derzeit generell keine große Kauflust, unabhängig vom Anbieter.
Chinas Kaufzurückhaltung hat mehrere Gründe
China ist zwar traditionell der größte Abnehmer iranischen Öls, doch seit Kriegsbeginn Ende Februar sind die chinesischen Rohölimporte insgesamt rückläufig. Im Mai brachen sie laut dem Datendienst Wind Information um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 7,82 Millionen Barrel pro Tag ein, den niedrigsten Stand seit Februar 2018. Speziell die Einfuhren aus dem Iran fielen im Juni gegenüber dem Vormonat laut Bloomberg um mehr als die Hälfte auf rund 654.000 Barrel täglich.
Hinzu kommt eine strategische Verschiebung: Der Nahost-Konflikt hat laut einem Bericht des Stockholmer Institute for Security and Development Policy Chinas Fokus auf den eigenen Umbau der Energieversorgung geschärft und dessen Ausbau erneuerbarer Energien zusätzlich beschleunigt. Chinas Ministerpräsident Li Qiang habe demnach erneut betont, den Ausbau nicht fossiler Energien voranzutreiben und ein neues Energiesystem aufzubauen, verbunden mit mehr Innovation und schnelleren Reformen.
Der Markt wird ohnehin schon geflutet
Neben Chinas Zurückhaltung sorgt ein grundsätzliches Überangebot dafür, dass iranisches Öl schwer unterzubringen ist. "Der Angebotsanstieg ist real", schrieb Tiago Lacerda, Marktanalyst beim Broker Axi, in einer E-Mail an CNBC. Er verwies auf einen starken Lageraufbau auf See, nachdem der Iran seit der Aufhebung der US-Marineblockade bereits mehr als 40 Millionen Barrel verschifft hat, während parallel auch russische Exporte auf Rekordniveau gestiegen sind.
Zusätzlich weitet das Ölkartell OPEC+ die Fördermenge aus: Für August wurde eine Erhöhung um 188.000 Barrel pro Tag beschlossen. Laut einem Bericht der United Overseas Bank ist das Teil eines laufenden Plans, frühere Förderkürzungen vollständig zurückzunehmen. Seit Kriegsbeginn seien die Quoten damit bereits um insgesamt 940.000 Barrel pro Tag angehoben worden.
Straße von Hormus bleibt ein Unsicherheitsfaktor
Trotz des reichlichen Angebots lässt sich das Risiko von schweren Störungen am Persischen Golf nicht ausblenden, was die Versorgungslage angesichts der jüngsten militärischen Schläge zusätzlich verkompliziert. Die freie Durchfahrt durch die strategisch wichtige Straße von Hormus gilt derzeit als akut gefährdet: Während der Iran erklärte, die Meerenge sei dicht, dementierte US-Präsident Donald Trump diese Darstellung umgehend.
Ob die Passage durch das Nadelöhr tatsächlich dauerhaft blockiert wird oder ob sich die US-Position durchsetzt, dürfte mitentscheidend dafür sein, wie stark die Ölpreise auf die geopolitischen Spannungen reagieren. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob sich die iranischen Lagerbestände in den kommenden Wochen durch die militärischen Wechselwirkungen spürbar abbauen oder ob sie angesichts der Kaufzurückhaltung Chinas und des ohnehin übersättigten Weltmarktes weiter anwachsen.
Thomas Zoller, Alexandra Hesse, Redaktion finanzen.net
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